Rosenheimer Band auf XXL-Tour„Kaffkiez“ setzen auf das Wir-Gefühl

Lesezeit: 6 Min.

Vorhang auf für die nächste Karrierestufe der Rosenheimer Band „Kaffkiez“, deren neues Album „Wir“ mit dem Song „Vorhang auf“ beginnt. Von links: Florian Weinberger, Johannes Gottwald, Johannes Eisner, Benedikt Vodermaier, Niklas Mayer.
Vorhang auf für die nächste Karrierestufe der Rosenheimer Band „Kaffkiez“, deren neues Album „Wir“ mit dem Song „Vorhang auf“ beginnt. Von links: Florian Weinberger, Johannes Gottwald, Johannes Eisner, Benedikt Vodermaier, Niklas Mayer. David Gottwald

Mit dem Platz-drei-Album „Wir“ ziehen „Kaffkiez“ nun los auf ihre bisher größte Arena-Tour. Trotz der Erfolgswelle sorgt sich der Sänger bisweilen wegen der eigenen Vergänglichkeit.

Von Michael Zirnstein

Knapp mussten sich Kaffkiez mit ihrem neuen Album „Wir“ in den Charts den Toten Hosen geschlagen geben. Nicht so schlimm, findet Johannes Eisner, der Sänger und Songwriter der Rosenheimer Selfmade-Stars. Etwa mehr nervt ihn, dass sich noch die Bösen Onkelz aufs Hitparaden-Siegertreppchen zwischen Kaffkiez und die Toten Hosen geschoben haben. „Schon wieder“, wie vor zwei Jahren bei ihrem Platz-drei-Album „Ekstase“, ächzt Eisner. Und „schon wieder“ wie 2024 überholten die Onkelz sie auch 2026 nur mit neuaufgelegtem Archivmaterial, diesmal kalkuliert zur Fußball-WM mit der EP „Mexico“. Der machtberauschte Titelsong stammte noch aus der Zeit, als die Onkelz als rechte Skinheads galten.

Nun ja, Eisner will da auf jeden Fall politisch „kein Fass“ aufmachen. Er macht aber auch kein Hehl daraus, weltanschaulich mit den antifaschistischen Hosen eher auf einer Wellenlänge zu liegen. Diese kamen im übrigen auch mit einem neu aufgelegten Klassiker, „Opium fürs Volk“, auf Platz eins. Das wiederum machte Kaffkiez zur erfolgreichsten Band dieser Tage in Deutschland mit aktuellen Songs – „an die haben wir eineinhalb Jahre lang hingeschnitzt“, gibt der Texter und Sänger zu bedenken.

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Was nicht ganz stimmt in der Erfolgsmeldung zu Platz drei aus der Kaffkiez-Presseabteilung, ist, dass die Band damit gerade Deutschlands „Indie #1“ ist. Denn „independent“ sind auch die Toten Hosen mit ihrer eigenen Plattenfirma, und das seit 44 Jahren. Die Ursprünge von Kaffkiez als Rosenheimer Schüler- und Coverband Maybe gehen auf das Jahr 2012 zurück. Das wirkt auch schon wie eine Ewigkeit. Wobei der überraschende Aufstieg von Dorfkneipenkonzerten zu den größten Festivalauftritten und auf momentan 250 000 Instagram-Follower und das Knacken der monatlichen Million Hörer bei Spotify vor etwa fünf Jahren begann. Namenswechsel und Konzentration auf selbstverfasste deutschsprachige Hymnen für ihre Generation zählten sich aus.

Aber lassen wir das Zählen. Wie es die Rosenheimer Jung-Rocker als „Do It Yourself“-Riege angehen, das hat schon einiges gemein mit den Düsseldorfer-Altpunks. Da ist etwa die Fan-Nähe, auf die man im Albumtitel „Wir“ abzielt. Eisner will mit seinen alten Schulfreunden Johannes Gottwald (Piano), Niklas Mayer (Schlagzeug), Florian Weinberger (Gitarre) und Benedikt Vodermaier (Bass) eine Band sein, die das Gefühl vermittelt, man könnte jederzeit mit ihnen „entspannt auf ein Bier“ gehen. Und wer das nicht glaubt, solle auf eines ihrer Konzerte kommen. Und das mit dem Bier könne er sich eben auch mit Campino & Co. vorstellen.

Dieses „Wir“-Gefühl stärkten auch die Hosen immer schon bei Geheim- oder gar Wohnzimmer-Konzerten für die Getreuen. Und genau damit sind auch Kaffkiez zu Helden aus dem Fan-Volk geworden. Dafür, dass sie 2025 nämlich zum Verschnaufen nach der ersten Erfolgswelle kaum offizielle Konzerte geben wollten, waren sie doch extrem viel auf Achse – inoffiziell. Im Sommer merkten sie, erzählt Eisner: „Es fehlt etwas, was diese Band prägt, wozu sie gedacht ist: Wir müssen raus.“ Die Rosenheimer organisierten spontan einen Gratis-Auftritt im Berliner Mauerpark, „so zack und los geht’s“, und schon waren sie von ein paar hundert Zuhörern umringt.

Das machte ihnen „Bock“ auf eine ganze „Bahnhofstour“: Kosten niedrig halten, quasi mit dem Deutschlandticket losziehen, nur eine Lautsprecher-Box in Gleisnähe aufbauen, und schauen, was passiert. Und was da los war! Obwohl sie die Auftritte oft erst Stunden zuvor auf Instagram angekündigt hatten. Aber ihre aktuelle schwärmerische Radio-Single „Hast du noch Zeit“ dreht eben auf den sozialen Kanälen mächtig die Runde. Und Eisner erkennt gerade generell „ein Grundbedürfnis, gemeinsam zu feiern und zu tanzen“. Und Leute zusammenzubringen, das ist ihre Kernkompetenz.

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In Nürnberg kamen jedenfalls 500, 1000 oder mehr Fans zum Gig am Regenbogenzebrastreifen. Zu viele. Die Polizei schrieb eine Anzeige. In solchen Momenten, sagt der Frontmann, merken sie sehr schnell, dass das „DIY“-Rockerleben nicht nur romantisch ist: Keine Crew da, die einem die Polizei vom Leib hält, und jetzt müssen sie auch selbst alles mit dem Anwalt regeln. „Wir lernen jeden Tag, und auf die Schnauze fallen gehört dazu. Aber ich kann empfehlen, dass es wenn auch nicht immer, aber ganz oft Sinn macht, so ein bisschen der Nase nach zu gehen.“

Andererseits liefern alle Spontan-Auftritte – als „Pausenclowns“ in ihrer alten Schule, als Song-Vertreter an Haustüren, als Liebes-Boten an Bistro-Tischen, als Lernstress-Vermeider an der Uni, als Partycrasher bei WG-Festen oder Überraschungs-Stargäste beim Triangel-Faschingsball in Rosenheim – Eins-A-Instagram-Promo-Material. Und besten Stoff auch für ihren Selfmade-Dokufilm, den Kaffkiez wiederum auf einer eskalierenden Kino-Tour vorstellten.  Übrigens bewusst in Städtchen wie Celle oder Heidelberg, in die sie auf ihren offiziellen Touren sonst nicht mehr abbiegen. Out of Rosenheim spielen sie auf ihrer kommenden „Wir“-XXL-Tour, ihrer größten bisher, schließlich für die erarbeiteten Massen, in München im Zenith, in Berlin in der Max-Schmeling-Halle und in Dortmund in der Westfalenhalle.

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Als Rosenheimer „Kleinstädter“ haben sie aber ein Herz für die Provinz. Auch ein bisschen einen Groll darauf. Diese Hassliebe, „aufgewachsen, wo Männer niemals wein’n“, besingen sie auf dem Album in „Keine Stadt“: „Hier sind alle gleich und wenn sie das nicht woll’n / Ja, dann soll’n sie nach Berlin und da kann sie dann der Teufel hol’n.“ Eisner hält es für einen Luxus, auf dem „Spielplatz“ Land groß geworden zu sein, am Hof von Oma und Opa geholfen zu haben. Logisch, dass das dann in der Jugend zu eng wurde, die ländliche Weltanschauung zu begrenzt, „ein paar von uns haben studiert, das ist dann der maximale Ausbruch“. Jetzt sind sie wieder da, wo sie „verankert“ sind, „aber manchmal steht man da und kriegt abends um sieben kein Bier mehr und denkt sich: Berlin wäre schon auch okay jetzt. Auch wenn kaum einer von uns da hinziehen würde.“

Auch deswegen, sagt Johannes Eisner, kurbeln sie selbst das Kulturleben daheim an: spielen am Christkindlmarkt, in der alten Schule, sprechen bei einem Seminar des Kreisjugendrings, um zu zeigen: „Hey, Leute, guckt mal, wenn ihr Bock habt, irgendwas zu machen, dann tut es. Nur weil man gefühlt am Ende der Welt hockt, heißt das nicht, dass man nichts reißen kann.“ Bestes Vorbild eben: Kaffkiez.

Was reißen, aber nicht abheben, das liegt in ihrer DNA. In ihren Low-Budget-Videos spielen sie sich selbst. Nur zum Song „Benz“ geben sie sich mal als Bonzen, in Luden-Pelz und im Nobel-Oldtimer. „Mein Coupé ist rot, die Farbe der Sieger / Wenn deine Miete steigt / gewinn ich wieder“, heißt es da. Es sei kein Geheimnis, dass sie selten politisch sind in ihren Songs (also eben nicht wie die sonst durchaus vergleichbaren Kraftklub), sagt Eisner, aber gegen solche Feindbilder stänkern sie gerne gemeinsam an:  Schnösel-Erben, Kokser und Miethaie. Zumindest in Sachen Wohnungswucher habe die Großstadt München das jetzt dem MVV-Gebiet zugehörige Rosenheim längst erreicht.

Auf ihrer Kino-Tour, hier zu  Hause in „Marias Kino“ in Bad Endorf, stellten Kaffkiez ihren eigenen Dokumentarfilm vor.
Auf ihrer Kino-Tour, hier zu  Hause in „Marias Kino“ in Bad Endorf, stellten Kaffkiez ihren eigenen Dokumentarfilm vor. David Gottwald

Es sind die Themen von Kaffkiez. Die Themen ihrer Generation der Anfang/Mitte/Ende 20-Jährigen, die sich keine Hymnen von den guten alten Sportfreunden Stiller leihen wollen, sondern eigene schaffen. Statt „Ein Kompliment“ gibt es also „Halb so schön wie du“, statt „Wellenreiten“ das nostalgische „Capri Sonne“. Letzteres feiert zum angezerrten Gitarrenriff lässige Sommertage zwischen Bolzplatz und Eckkiosk, wobei auch die Vergänglichkeit des Augenblicks spürbar ist. Überhaupt sind sie etwas reifer, nachdenklicher geworden.

Wegen Johannes Gottwald pointiertem Piano und natürlich Eisners tief-schmirgelnder Stimme sind sie so noch mal näher an AnnenMayKantereit dran. Etwa, wenn er sich nach einer „durchgemachten Nacht“ am Bahnsteig neben Berufspendlern wieder mal eine tolle Frau sich nicht anzusprechen traut  („Eine Frage“). Oder wenn er „in Gedankenspiralen“ Probleme wälzt, wofür er die noch unverbrauchte Metapher eines Bestattungsinstitutes gefunden hat („4000 Grad“): „Nehmen Sie auch Sorgen, ich würd'  sie gern verbrennen?“

Sie werden erwachsener. Düsterer bisweilen. „Ich trag gern schwarz / doch hab im Dunkeln manchmal Angst“, heißt es einmal. Also nicht, dass sich der einstige Psychologiestudent Johannes Eisner nicht schon früher Fragen nach der Vergänglichkeit gestellt hätte, etwa im Seminar „Positive Psychologie und Lebenssinn“. Aber jetzt in der „Quaterlife Crises“ käme die Sinnsuche eben drängender: „Da liege ich manchmal nachts wach und denke: Scheiße, was wäre, wenn es morgen vorbei wäre?“, sagt er. Darum geht es in „Angst Zu Sterben“. Der Song haut zu einem feinen Folk-Picking gleich mal direkt zu: „Manchma’ hab’ ich Angst, zu sterben, ist das normal? / Ein Blick nach vorne, frag’ mich, wofür die ganze Qual.“ Die Antwort glaubt Eisner schon für sich gefunden zu haben: „Ich glaube nicht, dass nach dem Tod noch etwas ist. Da ist es schön zu wissen, dass etwas von mir bleibt, wenn ich Musik mache oder Kunst erschaffe. Das muss keine Nummer eins sein“, sagt er, so ein sinnstiftender „Fußabdruck“ könne auch „mini“.

Der Angst vor dem Vergessenwerden begegnen Kaffkiez mit Songs, die ja nicht nur „klingen wie …“, sondern auch eine originelle Marke sind. „Back to the roots“ wollten sie also auch wie anfangs wieder einen Trennungssong rausballern, wütend wie befreiend: „Du bist’n Arsch ich hab’s endlich kapiert / ich wähl die 110, ich hoff', die sperr’n dich ein.“ Die Nummer heißt übrigens „In Nächten wie diesen“. Dass der Titel an den Tote-Hosen-Hit „An Tagen wie diesen“ erinnert, sei „ein bisschen ein Zufall“, sagt Johannes Eisner, aber „irgendwie auch ein guter Joke“.

Kaffkiez, 21. April, München, Zenith, www.kaffkiez.com

„Wir“-Tour

  • 9. April Stuttgart
  • 10. April Zürich
  • 12. April Köln
  • 14. April Hannover
  • 15. April Bremen
  • 17. April Hamburg
  • 18. April Leipzig
  • 19. April Fürth
  • 21. April München
  • 22. April Wiesbaden
  • 23. April Dortmund
  • 24. April Berlin
  • 29. August Dresden (Open-Air)
  • 30. August Wien (Open-Air)
  • 3. September Linz
  • 5. September Erfurt
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