Jahrestag der Reichspogromnacht:Abschied von den Stolpersteinen

Lesezeit: 3 min

Jahrestag der Reichspogromnacht: Elisabeth Block auf einem Passbild, das wahrscheinlich Mitte April 1941 entstanden ist.

Elisabeth Block auf einem Passbild, das wahrscheinlich Mitte April 1941 entstanden ist.

(Foto: Paula Bauer, Vogtareuth (oh)/Stadtarchiv Rosenheim)

Die Stadt Rosenheim enthüllt an diesem Mittwoch das erste jener Kunstwerke, mit denen sie künftig an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Zum Beispiel an Elisabeth Block, die mit 19 ermordet wurde.

Von Matthias Köpf, Rosenheim

Elisabeth Block sollte dieses Gebäude nicht mehr betreten. "Ich und auch Trudi und Arno dürfen nicht mehr zur Schule gehen. Mit furchtbar schwerem Herzen trennte ich mich von meinen lieben Mitschülerinnen." So hat es die damals 15-jährige Elisabeth, genannt Lisi, am 19. November 1938 in ihr Tagebuch geschrieben. In den damaligen Novembertagen schreibt sie auch darüber, dass ihr Onkel umgebracht wurde in jener Nacht des 9. November 1938, die heute als Reichspogromnacht bekannt ist. Irgendwann im Frühjahr 1942, das genaue Datum ist nicht bekannt, haben die Nazischergen dann auch das jüdische Mädchen Lisi Block, deren jüngere Geschwister Gertrud und Arno und auch die Eltern nach Polen deportiert und dort wohl im Vernichtungslager Belzec oder in Sobibor ermordet.

An diesem Mittwoch, nicht zufällig wieder einem 9. November, erinnert ihre oberbayerische Heimatstadt Rosenheim an Lisi Block, indem die heutige städtische Mädchenrealschule in aller Form die Adresse Elisabeth-Block-Platz 1 erhält. Zugleich wird dort die erste der Endlosschleifen aus Messing und Blattgold enthüllt, mit denen die Stadt künftig der Opfer des Nationalsozialismus gedenken will.

Zu dieser Form des individuellen Gedenkens hatte sich der Stadtrat erst im September entschlossen, nachdem in Rosenheim zuvor jahrelang über die weit verbreiteten Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig debattiert worden war. Auch für Elisabeth Block hatte die Rosenheimer Gedenk-Initiative schon einen solchen Stolperstein anfertigen lassen, der aber auf städtischem Grund nicht verlegt werden durfte. Stattdessen liegt er in einer Vitrine in der heutigen Realschule. Deren Schülerinnen haben sich in den vergangenen Jahren in verschiedenen Projekten immer wieder mit dem Leben und dem Tod von Elisabeth Block befasst.

Dass sie, die grade einmal 19 Jahre alt geworden ist, aus heutiger Sicht als das prominenteste NS-Opfer in der Region gilt, ist ihren Tagebüchern zu verdanken. Die langjährige Haushälterin und Freundin der Familie hat diese Bücher aufbewahrt, später nahm sie ein überlebender Cousin mit nach Israel.

Jahrestag der Reichspogromnacht: Das letzte Familienbild der Blocks stammt vermutlich vom 26. Dezember 1941, als die jüdische Familie noch ein letztes Mal Weihnachten feierte.

Das letzte Familienbild der Blocks stammt vermutlich vom 26. Dezember 1941, als die jüdische Familie noch ein letztes Mal Weihnachten feierte.

(Foto: Paula Bauer, Vogtareuth (oh)/Stadtarchiv Rosenheim)

Der Historische Verein in Rosenheim und das Haus der Bayerischen Geschichte haben die Aufzeichnungen 1993 als Buch herausgegeben. Die Einträge geben Einblick vor allem in das damalige Alltagsleben im ländlichen Oberbayern, denn Elisabeth Block lebte nicht direkt im leidlich urbanen Rosenheim, sondern in dem kleinen Örtchen Niedernburg in der heutigen Gemeinde Prutting, wo es schon seit einiger Zeit eine Elisabeth-Block-Straße gibt. Die Eltern stammten aus Hannover, der Vater konnte wegen einer schweren Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr als Ingenieur arbeiten und belegte einen Landwirtschafts-Kurs, um mit diesem Wissen in Palästina Fuß fassen zu können. Doch statt wirklich auszuwandern, kaufte das Ehepaar 1921 ein Grundstück in Niedernburg und baute dort eine Gärtnerei auf. 1941 scheiterte ein Versuch nach Argentinien zu fliehen an einer verweigerten Einreiseerlaubnis. Ein Jahr später wurde die ganze Familie ermordet.

Elisabeth, die älteste Tochter, beginnt schon als Kind, Tagebuch zu schreiben. Das dreht sich lange um Freunde und Familie, Ausflüge und Feste und ein vergleichsweise unbeschwertes Kinderleben. Speziell jüdische Feste oder Religiosität spielen in den Tagebüchern keine Rolle. Das, was sich damals in Deutschland zusammenbraute, scheint die junge Elisabeth lange gar nicht wahrgenommen zu haben. Vielmehr gibt es mehrere frühe Einträge, in denen sich das Mädchen für in der Schule gezeigte Filme von Nazi-Parteitagen begeistert, für den sogenannten Anschluss des nahen Österreich oder für Schulfeste, bei denen das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde.

Erst spät wächst die Angst. Statt die Schule zu besuchen, muss Elisabeth Block nun zwangsweise in der Landwirtschaft arbeiten, der Vater Zwangsarbeit im Gleisbau leisten. Den größten Teil des wachsenden Schreckens scheinen die Eltern aber lange von ihren Kindern ferngehalten zu haben. Retten konnten sie am Ende weder ihre Kinder noch sich selbst.

Jahrestag der Reichspogromnacht: Der Entwurf der Künstlerin Christiane Huber für das Rosenheimer Gedenken an die NS-Opfer in der Stadt.

Der Entwurf der Künstlerin Christiane Huber für das Rosenheimer Gedenken an die NS-Opfer in der Stadt.

(Foto: Stadt Rosenheim)

Nun ist Elisabeth Block das erste Opfer der Nazizeit, dem die Stadt Rosenheim ihre neue, eigene Form des individuellen Gedenkens widmet. Stolpersteine im Boden hatte vor allem die Rosenheimer CSU abgelehnt und sich dabei auf die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, berufen, welche die Namen der Opfer nicht noch einmal mit Füßen getreten sehen wollte.

Als Alternative wurde in einem Wettbewerb eine Arbeit der Münchner Künstlerin Christiane Huber ausgewählt. Ihre in sich selbst verdrehten metallenen Möbiusschleifen sollen an verschiedenen Orten in der Stadt auf verschiedene Weisen angebracht werden. Die erste Schleife windet sich nun um den Stamm einer jungen Esche vor der Mädchenrealschule - von diesem Mittwoch an am Elisabeth-Block-Platz 1.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusNationalsozialismus
:"Diese Geschichte ist ein Geschenk"

Alois Roth war ein Sonderling, der gern philosophierte und auf die schiefe Bahn geriet. Die Nazis steckten ihn nach Auschwitz, den Krieg überlebte er nicht. Ein neuer Roman beleuchtet das Schicksal des Mannes, zu dem sie im Allgäu lieber schweigen.

Lesen Sie mehr zum Thema