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Rosenheim:Die AfD und ihr Filmemacher

Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen in München 2020

Gegen "Gehorsam" in der Corona-Krise, Szene einer Demo in München: Die AfD ist bei solchen Protesten teils involviert, zumindest inhaltlich nah dran - aber mit Grenzen, heißt es im Rosenheimer Parteivorstand.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Parteifunktionär Stefan Bauer fällt als rabiater Akteur bei Corona-Protesten auf. Im Kreisverband scheint die Rückendeckung zu schwinden.

Von Matthias Köpf und Johann Osel, Rosenheim

Attila Hildmann redet sich in Rage an der Absperrung zu Journalisten und anderen Beobachtern seiner Kundgebung. Der Kochbuchautor, bekannt geworden als Leitfigur einer aggressiven Bewegung von Corona-Verschwörungstheoretikern, beschimpft die Zuschauer als "Faschisten", deren Schutzmaske nennt er "Damenbinde, die du in der Fresse hast". Und er droht: Man werde "eure Namen finden und dann gucken wir weiter". Auch wenn das nicht so konkret ist wie die Hinrichtungsfantasie, die er unlängst über den Grünen-Politiker Volker Beck äußerte ("Todesstrafe durch Eier-Treten auf öffentlichem Platz") - Journalisten des Vereins Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) fühlten sich an jenem Tag "Bedrohungen, Einschüchterungen und massiven Bedrängungen ausgesetzt" und dokumentierten das per Video. In Hildmanns Entourage, wohl als eine Art Hofberichterstatter an jenem Junitag: Stefan Bauer, Youtuber, Vorstandsmitglied der AfD im Landkreis Rosenheim.

Bauer ist derzeit sehr präsent im Netz und auf Plätzen, er begleitet vorgeblich als Berichterstatter Veranstaltungen von "Corona-Rebellen"; dabei tritt er auch selbst als eine Art Akteur in Erscheinung. Im Berliner Fall mit Hildmann versucht er, Journalisten offenbar zu einem Interview für seinen Kanal zu nötigen. Betroffene fordern Bauer mehrmals auf, den Mindestabstand zwecks Infektionsschutzes einzuhalten. Selbst nach Ermahnung durch Polizisten gibt Bauer die Belästigungen nicht auf, für ihn gälten Abstände nicht, sagt er. Wer nicht möchte, brauche kein Interview zu geben, meint ein Polizeibeamter. Bauer sagt: "Doch." Das JFDA schrieb im Nachhinein: "Die Aggressivität und Hartnäckigkeit, mit der Stefan Bauer agierte, weist eine erhebliche Bedrohlichkeit auf", man fühlte sich "traktiert" von dem AfD-Mann, der Schriftführer im Rosenheimer Kreisverband ist. Unter dem Stichwort "Regierungskriminalität" auf seiner Seite neigt er zum Ansatz, es gebe eine große Weltverschwörung gegen die Bürger.

Die AfD in und um Rosenheim gibt sich gerne bürgerlich und sachorientiert, die Landtagsabgeordneten Andreas Winhart und Franz Bergmüller geben den Ton an. Oft polternd und mitunter grenzwertig scharf gerade beim Thema Migration, aber ohne klaren Rechtsextremismus. Im völkischen Lager der AfD werden die Rosenheimer oft als "Halbe" verspottet - halbe Patrioten. Wie passt da ein Vorstandsmitglied dazu, das wenig Hemmungen zeigt und sich im Fall Hildmann mit Leuten umgibt, die Hitler loben ("ein Segen im Vergleich zur Kommunistin Merkel")?

Ob Bauer Hildmanns womöglich volksverhetzende Aussagen teilt und ob er die Vorfälle bei der Demo anders interpretiert, ist nicht zu erfahren. Er ließ eine Anfrage der SZ unbeantwortet. Äußern will sich dagegen AfD-Kreischef Winhart. Sonderlich erfreut über den Aktivisten im Kreisvorstand wirkt er nicht. Generell, so Winhart, stehe man den Corona-Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung "sehr kritisch gegenüber", es gebe eine gewisse Sympathie für die Anliegen der Rebellen und inhaltliche Überschneidungen. Bauers Engagement sei aber kein Teil der politischen Arbeit der AfD. "Er hat dazu weder von uns einen Auftrag bekommen, noch wurde in irgendeiner Weise Unterstützung dafür geleistet." Ohnehin sei Bauer kaum anwesend bei Veranstaltungen oder im Vorstand. Winhart persönlich sieht vor allem die Kooperationspartner in vielen von Bauers Youtube-Videos "als schwer mit den Werten der AfD vereinbar. Bedrohungen und vulgäre Beleidigungen sind grundsätzlich absolut inakzeptabel".

Die Causa Bauer sei intern schon öfter Thema gewesen, Vertreter des Kreisverbandes hätten mehrmals mit ihm über eine klare Trennung seiner Aktivitäten gesprochen; der Landesvorstand habe Bauer dazu vorgeladen. Derzeit gibt es laut Ansicht des Bezirksvorstands - "noch" - keine Möglichkeit für Ordnungsmaßnahmen der Partei - was aber "Teile des Kreisvorstandes seit längerer Zeit anders sehen".

Die Rosenheimer SPD hat die AfD ohnehin aufgefordert, sich von Bauer zu distanzieren. "Wenn die AfD den Anschein einer bürgerlichen Partei wahren möchte, die sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegt, dann muss sie sich schnell von ihm trennen", sagt der SPD-Stadtrat Abuzar Erdogan. Gleichwohl wundert es ihn erklärtermaßen nicht, dass Bauer in der AfD ist, denn er passe ja sehr gut in die Partei. Ähnlich sehen es die Grünen: "Diese Partei ist sowohl in Rosenheim als auch in der gesamten Republik mit oder ohne einen Herrn Bauer rechtsextrem." Aktivisten wie Bauer seien da "nur die Spitze des Eisbergs antidemokratischer Strömungen".

© SZ vom 08.08.2020/syn
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