Geschichte Bayerns:Eine Arena voller Rätsel

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Geschichte Bayerns: Eine Holzkonstruktion macht das Ausmaß des Amphitheaters deutlich, dessen Überreste vor 20 Jahren in einer Neubausiedlung in Künzing entdeckt wurden.

Eine Holzkonstruktion macht das Ausmaß des Amphitheaters deutlich, dessen Überreste vor 20 Jahren in einer Neubausiedlung in Künzing entdeckt wurden.

(Foto: Florian Trykowski/Museum Quintana Künzing)

Vor gut 20 Jahren erlebte der niederbayerische Ort Künzing eine Sensation. Damals legten Archäologen die Überreste eines römischen Amphitheaters frei. Aber nach wie vor gibt es mehr Fragen als Antworten.

Von Hans Kratzer, Künzing

Vor gut 20 Jahren sind der Archäologe Karl Schmotz und seine Helfer in einem Neubaugebiet in Künzing (Landkreis Deggendorf) ganz unerwartet auf die Überreste eines römischen Amphitheaters gestoßen. Was war das für eine Sensation, einen vergleichbaren Fund hatte es bis dahin in Deutschland nicht gegeben. Die Tagesschau servierte die Nachricht einem Millionenpublikum.

Das Amphitheater von Künzing ist seit seiner Entdeckung Gegenstand wissenschaftlicher Erörterungen. Natürlich warf das hölzerne Bauwerk viele Fragen auf, auch wenn es in seinem Erscheinungsbild durchaus typisch für eine römische Arena war. Eher ungewöhnlich ist der Standort am östlichen Ende des Gäubodens, denn nahezu alle anderen bekannten Amphitheater des römischen Reiches sind entweder Teil von großen Zivilkolonien oder sie sind den wichtigen Legionsstandorten beigeordnet, die einen ausgeprägt städtischen Charakter hatten. Das antike Künzing war dagegen nur eine kleine Grenzgarnison, die von einem Dorf umgeben war. Natürlich drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet hier ein Amphitheater gebaut wurde und welchem Zweck es gedient hat.

Es gibt dazu viele Theorien. Vielleicht loderte in der lokalen Bevölkerung eine ausgeprägte Begeisterung für den römischen Gladiatorenkampf. Es könnte auch sein, dass sich einer der Garnisonskommandanten vor seinen Männern besonders profilieren wollte. Und nicht zuletzt könnte der Bau der Arena in Künzing mit dem Besuch des Kaisers Hadrian in der Provinz Raetien anno 121 nach Christus in Verbindung stehen.

Wann das Amphitheater von Künzing gebaut wurde, ist unklar. Die Funde belegen aber, dass das Theater spätestens gegen Ende des 2. Jahrhunderts als Müllkippe genutzt wurde. Da Künzing frühestens um 90 n. Chr. Kastellstandort wurde, wird das Amphitheater wohl im Zeitraum zwischen 100 und 150 n. Chr. errichtet worden sein.

Boris Burandt, der Stadtarchäologe von Krefeld, gilt als ausgewiesener Amphitheater-Experte. Von 2019 bis 2020 beschäftigte er sich in einem von der Gemeinde Künzing und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege finanzierten Forschungsprojekt explizit mit den beiden Amphitheatern von Künzing und Dambach. Auch auf dem Areal des ehemaligen Römerkastells Dambach (Landkreis Ansbach) wurde mittlerweile ein kleines Amphitheater entdeckt. Burandt wird am kommenden Freitag im Museum Quintana in Künzing seine neuen Forschungsergebnisse vortragen (19 Uhr).

Seit Juli 2021 sind die im Boden erhaltenen Überreste des Amphitheaters zusammen mit einem Teil der Zivilsiedlung des römischen Künzings Teil des Unesco-Welterbes "Grenzen des römischen Reiches - Donaulimes". Um es für spätere Generationen zu erhalten, wurde nur ein Viertel des Areals ausgegraben.

Geschichte Bayerns: Roman Weindl, Leiter des Römermuseums Quintana in Künzing, vor dem Modell des dortigen Amphitheaters.

Roman Weindl, Leiter des Römermuseums Quintana in Künzing, vor dem Modell des dortigen Amphitheaters.

(Foto: Hans Kratzer)

Offen ist, ob in Künzing Gladiatorenkämpfe zu sehen waren. Kaum ein anderer Beruf der römischen Antike habe unser Bild vom "Alten Rom" so sehr geprägt wie der des Gladiators, sagt Museumsleiter Roman Weindl. Dass nicht jeder Gladiator ein Sklave war, dass die Niederlage in der Arena nicht automatisch den Tod bedeutete und dass es auch weibliche Gladiatoren gab, erfährt man in der aktuellen Ausstellung im Museum Quintana. Lebensgroße Figurinen mit Repliken der Bewaffnung zeigen anschaulich die Ausrüstung der Gladiatoren. Weitere Repliken archäologischer Funde aus Pompeji sowie aus den römischen Provinzen vermitteln eine Vorstellung vom Alltag der Kämpfer.

Geschichte Bayerns: Ein Gladiator Thraex, wie er in der aktuellen Ausstellung in Künzing zu sehen ist, war ein leichtbewaffneter Kämpfer mit Kurzschwert, Helm und Schild.

Ein Gladiator Thraex, wie er in der aktuellen Ausstellung in Künzing zu sehen ist, war ein leichtbewaffneter Kämpfer mit Kurzschwert, Helm und Schild.

(Foto: Gert Krautbauer/Museum Quintana)

Dass es in Künzing ein potenzielles Publikum für die Gladiatorenkämpfe gab, ist unbestritten. Der Nachweis solcher Kämpfe gestalte sich allerdings schwierig, sagt Weindl. Überreste der Ausrüstung von Gladiatoren fänden sich nur an wenigen ehemaligen Standorten von Kastellen.

Einen Hinweis auf Gladiatorenkämpfe liefern dagegen "Fanartikel" wie Darstellungen von Gladiatoren in Form von Reliefs, Malereien, Graffiti oder Mosaiken. In Künzing wurden solche Belege bislang nicht nachgewiesen. Einen Hinweis liefert höchstens eine Bronzekanne aus dem sogenannten "Künzinger Römerschatz", die zwei kämpfende Männer zeigt. Aufgrund des Fehlens von Inschriften und eindeutiger Funde müsse offenbleiben, ob in Künzing wirklich jemals Gladiatoren aufgetreten sind, sagt Weindl.

Trotzdem steht das kommende Wochenende in Künzing ganz im Zeichen der Römer. Darstellerinnen und Darsteller von Römergruppen aus Augsburg und aus Straubing geben den Besuchern am Samstag und am Sonntag in ihrem Lager beim Museum Quintana Einblicke in das römische Alltagsleben vor fast 2000 Jahren (jeweils von 10 bis 17 Uhr).

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