Papst Leo XIV. ist jetzt ein halbes Jahr lang im Amt, da wird es aber auch endlich Zeit für Clemens Maria Haas, ihn im Vatikan zu besuchen. Der Musiker hat schon vor zwei anderen Pontifices gesungen, Leo wird sein dritter Papst. Das wäre selbst für einen normalen Katholiken höchst außergewöhnlich, für einen ehemaligen Neue-Deutsche-Welle-Star ist es aber mit Sicherheit einzigartig.
Die Wahrscheinlichkeit, dass der aus den USA zugezogene Leo XIV. das Lied „Katharine, Katharine“ kennt, ist eher gering. Obwohl die fetzige Nummer von Haas’ einstiger Band Steinwolke aus dem Jahr 1983, zu der ihn im Übrigen die DDR-Eiskunstläuferin Katharina Witt inspiriert haben soll, durchaus Weltruf genießt. Angeblich wird sie sogar von Radios in Italien, Kuwait und Uganda noch gespielt; dank des Einsatzes in Serien und Filmen und des Internets verzeichnet sie gerade wieder steigende Zugriffszahlen. In der Opel-Manta, Ford-Capri- und Trecker-Szene soll die olle Katharine kultisch verehrt werden. So kommt sie in ihren zehn Versionen momentan auf 273 Millionen Streams.
Von Johannes Paul II., vor dem Clemens Haas als Siebenjähriger mit den Münstersängerknaben in Rom auftrat, ist bekannt, dass er die deutsche Serie „Derrick“ schaute. Dass Leo XIV. den Song in einer ZDF- oder Netflix-Serie entdeckt hat, sich der Manta-Szene zugehörig fühlt oder dass ihm sein Privat-Sekretär vor dem Treffen mit Haas „Katharine, Katharine / Was ist los mit dir? / Steig in die Luxuslimousine / Komm wir fahr’n zu mir“ vorsingen wird, steht indes zu bezweifeln. Bei der anstehenden Privataudienz geht es aber auch um ganz andere Musik, für die Clemens Maria Haas gefeiert wird, nämlich in der Welt der Kirchenmusik.
Der Schwarzwälder hat Chorgesang, Dirigieren und Piano studiert. Er beherrscht das Harmoniewerk aus dem Effeff. Und im Laufe einer mit kapriolenhaft nur unzureichend beschriebenen Karriere von der NDW zum Tour-Gitarristen von Ray Charles zum Filmmusikkomponisten zum singenden Fremdenführer in Italien bis aktuell zum Après-Ski-König der Alpen hat er also auch einmal eine Hymne für den Orden der Heiligen Virginia von Genua geschrieben, eingesungen und als Tonträger produziert.
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Die wird in vielen Sprachen in Italien, Indien, Santo Domingo oder Nicaragua von gläubigen Jugendlichen gesungen und ist auch in das offizielle Liederbuch des Vatikans aufgenommen worden: „Regalo di Dio – Santa Virginia“ ein Ohrwurm von Italo-Pop-hafter Eingängigkeit. Den soll er dem neuen Papst also am 18. November bei einer Privataudienz auf der Gitarre vorspielen. Dazu legt er dann die Tracht der Bruderschaft Confraternita Sant`Erasmo an, mit der er seine Eitelkeiten abstreife und sich bemühe, karitativ zu dienen, sagt er, deswegen gab er jüngst auch in seiner Auswandererheimat La Spezia für Kranke kostenlos ein Konzert.

Glaube ist ihm wichtig, von klein auf. Er war einer der „Taizé“-Jugendlichen, die als großes Abenteuer ihre Jungchristen-Fahrten zu Frère Roger in Frankreich erlebten. Der Prior brachte dem 14-Jährigen seine Version von „Halleluja“ bei. Und da Bruder Roger sehr eng mit dem damaligen Papst befreundet war, durfte Haas zur Messe der Heiligsprechung von Johannes Paul am 27. April 2014 dieses „Halleluja“ mit der Gitarre vortragen. Diesmal in Anwesenheit Papst Benedikts (der einmal Haas’ Vater den Ritterorden für seine Dienste als Bildhauer verliehen hatte). Und dies neben dem Original-Auto Johannes Pauls II. aus Polen, das er selbst über rote Ampeln rasend und eskortiert von vier Motorrädern des Vatikans zum Petersplatz gefahren hatte. Alles „filmisch dokumentiert“. Nicht selten, wenn man Clemens Maria Haas aus seinem Leben erzählen hört, staunt man nicht schlecht.


Zum Beispiel die Geschichte, wie Haas sich dieser Tage mit einer vertrauten Melodie aus dem Jahr 1986 zum „König der Berge“ aufschwingt. Darf man den berühmtesten Song von Rio Reiser, dem – Pardon – Papst des deutschen Anarcho-Pop, so einfach umtexten fürs Almhütten-Publikum? Es ist alles recht verschlungen. Aber doch konsequent. Erst einmal: Ja, Haas ist ein Kind der Berge. Momentan spielt er öfter Konzerte für Touristen in alten Carrara-Marmorstollen der Apuanischen Alpen.
Und früher schon, da schickten die Eltern ihn, eines von acht Kindern, für die beiderseitige Erholung regelmäßig aus dem Schwarzwald zur schillernden Oma Rosemarie ins Allgäu. Später verdiente er sich am Söllereck in Oberstdorf als Skilehrer das Geld für sein Musikstudium, wobei er abends auf den Hütten Musik spielte. Also war er quasi ein Pionier des Après-Ski, das es Anfang der Achtziger noch gar nicht in der heute ballernden Form gab – „das war mehr Stubenmusik“.
Dabei hatte Haas mit der Familien-Folk-Band Steinwolke – mit zwei Brüdern und einem Adoptiv-Bruder aus Uganda – eben schon diesen einen Party-Hit (den übrigens als Erster Thomas Gottschalk auf Bayern 3 auflegte). Und den wollte Haas unbedingt im Vorprogramm von Rio Reisers Untergrund-Helden Ton, Steine, Scherben in Freudenstadt spielen. Er rief bei deren Managerin an, nämlich bei der späteren Kulturstaatsministerin Claudia Roth, und die mochte sein Lied. Rio mochte es auch. Er sagte sogar nach dem Konzert zu Haas: „Mensch, so einen Gassenhauer will ich auch haben.“


Haas erinnert sich, dass Rio Reiser Schlager und Pop durchaus schätzte, Rex Gildo und so weiter, und eigentlich wollte er weg von seinem Hausbesetzer-Image. Haas riet ihm: „Da brauchst du Verbindungen!“ Und die verschaffte er ihm, stellte ihn dem damals angesagtesten Produzenten in Berlin vor: Udo Arndt aus dem Umfeld der Kreuzberger Fabrik von Jim Rakete, Nena und Spliff. Und so brachte er Rio Reisers Mainstream-Karriere als „König von Deutschland“ ins Rollen. Auch wenn der „brave“ Clemens in Reisers wildem Haufen immer der Exot war, wurden die beiden Freunde. Reiser holte ihn als Gitarrist in seine Band, sie spielten Konzerte zusammen – Haas erinnert sich gern an einen Spontan-Auftritt zu zweit unplugged im Theatron, der Seebühne im Münchner Olympiapark.
Sie gingen aber auch in große Fernseh-Shows, etwa zu Dieter Thomas Heck in die Hitparade. „Der Rio hatte mich gerne dabei wie Mick Jagger seinen Keith Richards, ich sollte immer zusammen mit ihm in ein Mikro singen“, erinnert sich Haas. In einer Show von Thomas Gottschalk mit David Bowie und Tina Turner lernte er Joe Cocker kennen, für den er dann eine Weile Gitarre spielte. Nicht der einzige Große, mit dem er unterwegs war: Marius Müller-Westernhagen, Wolfgang Petry, Cock Robin oder Ulrich Tukur. Und eben einmal als 19-Jähriger bei einer USA-Reise, nachdem ein „Mädchen“, mit dem er rumzog, spontan den „friend from Germany“ in der Blues-Kneipe von BB King auf die Bühne gelotst hatte, da fand ihn ein Gast richtig gut und nahm ihn auf Tour mit: Ray Charles.
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Das ist jetzt ein weiter Sprung zu einem Video, in dem Clemens Maria Haas in seiner extra dafür angeschafften Lederhose, auf einem Einhorn reitend, begleitet von zwei Ski fahrenden Gartenzwergen zu E-Gitarrensolo und Partybeats seinen Almhütten-Hit „König der Berge“ singt: „Wenn das Gebirgsmurmeltier im Echo singt / und der Grüslibär dir aus dem Wald zuwinkt / Dann möcht’ ich mich auf ’ne Gebirgswiese schmeißen / herzhaft in Tiroler Knödel beißen ...“
Er ist sich der Fallhöhe bewusst. Er dachte auch nicht, dass Rio Reisers Erben ihm das durchgehen lassen würden. Er hatte als Produzent für diverse Partymusiker schon mehrmals angefragt, und wusste, dass sie wöchentlich Cover-Versionen der ewigen deutschen Spaß-Hymne abschmetterten. Aber Gert Möbius, Reisers Bruder, erinnerte sich nun eben an Haas’ Rolle in Rios Leben. Und offenbar gefiel ihm der Text, denn er gab ihm seinen Segen.

Besonders mit einer Zeile knüpft Clemens Maria Haas an die Haltung der alternativen Szene damals an: „Ich würd’ keine bösen Menschen / In die Berge reinlassen / Auch wenn alle Diktatoren / dieser Welt mich dafür hassen.“ Seinem Freund Rio hätte das gefallen, glaubt er. Der mochte die Alpen, sie stapften selbst einmal gemeinsam auf Frank Zappas Spuren durch die Schweizer Bergwelt. Haas will Reiser noch gerecht werden, diesem Anspruch, gute Musik zu machen. „Qualität ist auch Identität“, sagt er, und natürlich beiße sich das mit der umsatzstarken, aber eben „obszönen“ und „teutonischen“ „Besatzer“-Szene am Ballermann. Für ihn ist es „das Grauen“. Dass er dort selbst aufgetreten ist, bezeichnet er als seinen „größten Fehler“.
Ausgewählte Auftritte im Après-Ski-Milieu sind sein Kompromiss. Man merkt, Haas will noch einmal beachtet werden. Und sei es wie jüngst bei der Verleihung des „Top-of-the-Mountains-Award“ für den „besten deutschen Party-Song“ beim Auftakt des FIS-Ski-Zirkus in Sölden. Vielleicht bringt ihm das die Aufmerksamkeit und das Geld, noch einmal ein Herzensprojekt zu verwirklichen: Nicht nur das „Grusical“ oder die Oper über Frankenstein, an der er gerade schreibt. Sondern ein Album mit Liedern, die lange in seiner Schublade schlummern. Er hat sie zusammen mit Rio Reiser geschrieben. Es wird endlich Zeit, dass er sie veröffentlicht.

