Süddeutsche Zeitung

Richard Kurländer:Ein Pionier der Volksmusik ist gegangen

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Als Gründer der "Fraunhofer Saitenmusik" und der Fraunhofer Volksmusiktage erweiterte er die engen alpinen Grenzen des Genres - und trat in aller Welt auf. Zum Tod von Richard Kurländer.

Nachruf von Oliver Hochkeppel

"Volksmusik in schwierigen Zeiten" hieß die 1983 erschienene erste Platte der Fraunhofer Saitenmusik. Man mag beim Vergleich der Situation des Musikbetriebs damals und heute darüber lächeln, aber in diesem Genre war das damals Ausdruck einer revolutionären Programmatik. Ging es Richard Kurländer, dem Gründer und Leiter der Gruppe, doch darum, die traditionelle Volksmusik aus den Klauen der volkstümlichen Musik zu befreien. Ersichtlich schon am Äußeren, trug Kurländer doch keine Tracht, sondern alternative Klamotten und - bis zuletzt - sehr lange Haare.

Mit als erste Gruppe ging die Fraunhofer Saitenmusik aber auch im Repertoire weit über die bislang engen alpinen Grenzen hinaus und beschäftigte sich mit irischer Folklore, alter Musik oder russischer Volksmusik. Das Trio mit Kurländer an der Harfe sowie am Appenzeller und Salzburger Hackbrett, Heidi Zink an Hackbrett und Blockflöte sowie Gerhard Zink am Kontrabass - später auch immer wieder mit dem Gitarristen Michael Klein zum Quartett erweitert - betrat damit nicht nur musikalisches Neuland, sondern erspielte sich sogar ein junges Publikum. Jahrzehntelang. Und trat damit in aller Welt auf, von Indien über Südafrika bis Haiti.

Für Kurländer selbst war diese Karriere sozusagen der dritte Bildungsweg. 1948 in München geboren, zunächst vom sehr früh verstorbenen Vater allein aufgezogen, dann bei den Großeltern aufgewachsen, musste er erst etwas "Sicheres" machen, was in der Mittleren Beamtenlaufbahn mündete. Seit seinen Teenagerjahren aber hatte, angeregt von Donovan und Bob Dylan, die Gitarre immer mehr Platz in seinem Leben gefordert, und ihn zum "Wochenendgammler durch die Straßen Schwabings mit Mundharmonika und zwölfsaitiger Gitarre" gemacht, wie er es später beschrieb.

Der Wendepunkt kam 1971, als er am Chinesischen Turm Arthur Loibl und Wolfram Kunkel und damit "zum ersten Mal hörte, wie schön Instrumente ohne Verstärker und Lärm klingen können." Er wandte sich erst der Volksmusik, dann dem Hackbrett und schließlich der Harfe zu, die sein Hauptinstrument wurde.

Die ersten Schritte passierten im MUH, bis 1974 das Fraunhofer seine Pforten öffnete und zu seiner zweiten Heimat wurde. Buchstäblich, denn 1976 kündigte er als Beamter, zog als Mieter in zwei leer stehende Räume im Theater ein (nach zwölf Jahren zog er nach Unterhaching um), und stellte mit seiner zunächst Fraunhofer Stubnmusi genannten Truppe die Hausband.

Nebenbei verdiente er als Musiklehrer Geld, und 1979 kam dann mit den Zinks die endgültige Fraunhofer Saitenmusik zusammen. Die auch Keimzelle für eine andere wegweisende Sache war, die Kurländer 1990 mit Fraunhofer-Wirt Beppi Bachmaier ausheckte: Die "Fraunhofer Volksmusiktage". Unter Kurländers Leitung wurde aus einem einwöchigen Treffen von Volksmusikfreunden das fast zweimonatige Stelldichein aller denkbarer Volksmusik-Vertreter von Nah und Fern.

Viele Jahre lang, bis zum Tod von Heidi Zink 2013, bestritt die Fraunhofer Saitenmusik traditionell den Auftakt - immer stärker als "Klassiker", blieb Kurländer mit den Seinen doch dem Rahmen der traditionellen Volksmusik treu und ging den Schritt vieler anderer ( Quadro Nuevo beispielsweise) in den Genre-Mix nicht mit.

Am vergangenen Freitag ist Richard Kurländer nun nach längerer schwerer Krankheit gestorben. Er war für einige Tage vom Krankenhaus beurlaubt, saß in seinem Schaukelstuhl und hörte Musik.

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