Renaissance der Dorfläden Der weite Weg zur Nahversorgung

Michaela Weidehaas und Stephan Schlaug im Dorfladen Habach.

(Foto: Manfred Neubauer)

50 von 282 Gemeinden im Alpenraum haben keinen Supermarkt, oft fehlen sogar Bäcker und Metzger. Dorfläden sollen den Mangel beheben - und sind mitunter so erfolgreich, dass sich japanische Städteplaner für sie interessieren.

Von Sarah Kanning, Habach/Rettenbach

An diesem Vormittag gibt es keine Maurerlaiberl. Doch die alte Dame nimmt es gelassen: "Ja, die waren gestern schon nicht da, dann gibst mir Schwarzmaier, die gibt's ja eh nur donnerstags." Sie legt die Brotzeitsemmel in ihren Korb und tippelt zum Ausgang. Sie hat es nicht weit, kommt sie eben morgen wieder. In der Sonne neben dem Laden sitzen Simon und Johannes und trinken Spezi für 78 Cent. "Wo sollen wir uns denn sonst treffen?", sagt Simon. Er ist zehn, sein Bruder ist 14. "Wir sind oft hier, später kommen die anderen noch," sagt Johannes.

Habach, Landkreis Weilheim-Schongau, 1100 Einwohner. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Oder vielleicht müsste man sagen: wieder. Denn zehn Jahre lang war Habach ein Dorf ohne Supermarkt, wie 50 von 282 Gemeinden im bayerischen Alpenraum. Das hat der Landtag gerade auf eine Anfrage der Freien Wähler hin ermitteln lassen. Doch Habach war härter betroffen als die meisten der 50 Gemeinden: Hier gab es nicht einmal einen Bäcker oder Metzger am Ort - vier Kilometer sind es zur nächsten Bäckerei. Eine Herausforderung für Habacher ohne Auto. "Nachdem vor zwölf Jahren der letzte Kramer am Ort zugemacht hatte, kam einmal die Woche der Obstmann, ein paar Mal der Bäcker - aber sonst spürten wir vor allem den Mangel", sagt Gabi Bierbichler.

Alle sind beteiligt

Sie ist eine von drei Geschäftsführern des zwei Jahre alten Dorfladens in dem weißen Holzhaus neben dem Feuerwehrhaus. Von 2009 an hatte sich die Bürgerinitiative Dorfladen jeden Montag getroffen und geplant. Manchmal war es zäh, manchmal schien es aussichtslos. "Irgendwann haben wir gesagt, jetzt müssen wir einfach anfangen", erzählt Geschäftsführer Stephan Schlaug. Der Lehrer für Schreinerhandwerk zeigte den Dorfbewohnern, wie man aus Holz ein Haus bauen kann - "so haben wir den Dorfladen auf die Schiene gebracht, alle packten an - das hat das Dorf zusammengeschweißt", sagt Schlaug.

"Unser Laden ist für die Habacher nicht irgendein Geschäft: Das ist ihr Dorfladen." Das Gelände ist gepachtet, rund 200 Familien sind in einer Unternehmergesellschaft beteiligt: 50 000 Euro Eigenkapital, dazu die Zuschüsse der EU, inzwischen schreibt der Laden schwarze Zahlen. Manche Produkte sind etwas teurer, Milch- und Fleischprodukte, Backwaren und Eier dafür regional. Dazu verkauft der Dorfladen Öle, Mehl von der Mühle im Nachbarort, aber auch Zahnpasta, Spülmittel und Puddingpulver. "Wir haben Leute, die kaufen für den täglichen Gebrauch hier und fahren einmal die Woche zum Discounter, andere kaufen aus Prinzip nur bei uns, um den Laden zu erhalten", sagt Bierbichler.

Dass die Freien Wähler im Herbst die Anfrage nach der Nahversorgung in den Voralpengemeinden an den Landtag stellte, ist einer Entwicklung geschuldet, die viele mit Sorge erfüllt: Supermärkte, die aus dem Ortskern verschwinden oder sich auf der Grünen Wiese ansiedeln - sind oft genauso schwer erreichbar wie das nächste Dorf. Gerade hat in Bad Heilbrunn der Tengelmann die Schließung angekündigt. In Icking sucht die Gemeinde nach einem Nachfolger für den Netto. Für viele Gemeinden ist ein Dorfladen die letzte Lösung. Aber das braucht viel Engagement, und die Finanzierung ist oft schwierig. Um Dorfzentren zu erhalten, unterstützt die Städtebauförderung fast 100 bayerische Städte und Gemeinden mit 25,5 Millionen Euro.