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Religion an bayerischen Schulen:Allahs Musterschüler

Islamunterricht in Friedrichshafen

Der Islamunterricht soll Kinder und Jugendliche auch vor politischen Extremisten schützen. (Symbolbild)

(Foto: dpa)
  • 11 500 bayerische Schüler mit muslimischem Glauben besuchen den Islamunterricht an 260 Schulen.
  • Der Islamunterricht, wie es ihn im Freistaat gibt, ist noch immer ein Modellversuch.
  • Darunter leidet nicht nur die Ausbildung der Fachlehrer.

Das lernen also bayerische Muslime in der vierten Klasse über den Beginn der Zeitrechnung, wenn sie "Mein Islambuch" lesen: "In Medina lebten in dieser Zeit aber nicht nur Muslime. Dort waren Juden und auch einige Christen zu Hause und viele kleinere Stämme, die an mehrere Götter glaubten. Die muslimische Gemeinschaft zwang niemanden, den Islam anzunehmen."

Schon den Kleinsten soll Islamunterricht Grundlagen und Traditionen vermitteln, damit sie wissen, wie ein Muslim betet. Die Kinder sollen aber auch lernen, über ihre und andere Religionen zu sprechen und diese kritisch zu reflektieren. Staatlich geregelt, um mitunter zwielichtigen Koranschulen die alleinige Deutungshoheit zu entziehen.

Jugendliche müssen an Schulen betreut werden

Nach den Anschlägen von Paris dreht sich die Debatte auch um die Frage, wie die Radikalisierung junger Menschen zu verhindern sei. Der staatliche Islamunterricht gilt als ein Mittel, darin sind sich Bildungsforscher und Lehrer einig. "Wenn die Jugendlichen in der Schule nicht betreut werden, keine religiöse Anerkennung erfahren, dann laufen sie uns weg", sagt Tarek Badawia, der seit 20 Jahren die Lebenssituation muslimischer Jugendlicher in Deutschland erforscht und Bayerns Pädagogen für Islamische Religionslehre an der Erlanger Friedrich-Alexander-Universität (FAU) ausbildet.

Auch für Walter Hauenstein ist das Konzept ein Erfolg: "Die Schüler fühlen sich geschätzt und identifizieren sich viel stärker mit der Schule", sagt der Direktor des Nürnberger Dürer-Gymnasiums, das als erstes in Deutschland Islamunterricht einführte. Je nach Jahrgangsstufe besuchten bis zu 90 Prozent der Muslime diese Stunden.

Die meisten Angebote an Grund- und Mittelschulen

Etwa 94 000 Schüler muslimischen Glaubens lernen in Bayern. 11 500 von ihnen besuchen den Islamunterricht an 260 Schulen, darunter sind vier Realschulen und zwei Gymnasien. Die meisten Angebote gibt es an Grund- und Mittelschulen. 65 Lehrer müssen sich in der Regel um mehrere Schulen kümmern. Nicht zuletzt wegen der Flüchtlingskinder wird der Bedarf deutlich steigen. Zwei Millionen Euro will Kultusminister Ludwig Spaenle aus dem 100-Millionen-Integrations-Budget für Flüchtlinge in den Islamunterricht stecken. Bis dieses Angebot flächendeckend wird, wie von SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher gefordert, dürften allerdings noch etliche Jahre vergehen.

Das liegt nicht allein an der Staatsregierung, das Thema ist Kultusminister Ludwig Spaenle wichtig. Auf wen die Initiative zurückgeht? "Na, auf mich natürlich", entgegnet er. 1999 habe er die Idee in den Landtag eingebracht. 2003 folgte der erste Schulversuch in Erlangen. Die Islamische Religionsgemeinschaft in Erlangen hatte einen Antrag gestellt. Die nahe Uni begleitete das Projekt am neugegründeten Interdisziplinären Zentrum für Islamische Religionslehre. "Wir wollten es gescheit machen", sagt Spaenle.

Modellversuch wurde verlängert

In den Achtzigerjahren unterrichteten türkische Lehrer Gastarbeiterkinder auf türkisch. "Murks", sagt der Minister. Ein Team von Muslimen, Islamwissenschaftlern und Pädagogen um Ulrich Seiser vom Ministerium und Harry Harun Behr von der FAU entwarf Lehrpläne und Schulbücher. 2009 begann der bayernweite Modellversuch "Islamischer Unterricht".

Der Modellversuch wurde 2014 um fünf Jahre verlängert, bleibt aber Provisorium. Das Problem: Islamunterricht ist in Bayern kein richtiger Religionsunterricht. Dieser wird laut Grundgesetz "in Übereinstimmung mit den Religionsgemeinschaften erteilt". Aber es gibt keine Vereinigung in Deutschland, die für alle Muslime spricht. Solange es keine einheitliche rechtliche Regelung für den Islam gibt, improvisieren die Bundesländer.

Die Rahmenbedingungen sind schlecht

Das wirkt sich auch auf die Lehrerausbildung aus: Die Pädagogen, die an der FAU Islamische Religionslehre studieren, dürfen das nur zusätzlich zu anderen Fächern machen. Erst seit diesem Semester können sie mit dem Staatsexamen abschließen. 80 Studenten unterrichtet Tarek Badawia derzeit, darunter 25 Lehrer. Nur praktizierende Muslime dürfen Islam unterrichten. "Das reicht auf keinen Fall aus", sagt Badawia. Das Interesse sei groß, aber die Rahmenbedingungen zu schlecht. Das Erweiterungsfach bringe bei der Jobsuche keine Vorteile, es fehle an Praktikumsplätzen und einer Koordinierungsstelle, die weiß, wo Jobs frei sind.

Solange die politischen Rahmenbedingungen nicht geklärt sind, das ist für den Palästinenser Badawia klar, tut sich nichts. Die Querelen um die muslimische Vertretung nennt er ein "Dauerproblem". Er könnte sich als Lösung einen Arbeitskreis mit Vertretern verschiedener islamischer Religionsgemeinschaften vorstellen - mit Fachleuten, damit wenigstens der Unterricht vorankomme. Und damit irgendwann nicht mehr politisch, sondern nur noch schulisch gedacht werde. Als Hilfe für junge Muslime, ihre Persönlichkeit zu entfalten.

Rechtliche Fragen müssen geklärt werden

Eine Lösung gibt es nach Meinung von Spaenle nur dann, wenn die rechtlichen Fragen endlich geklärt sind. Sich auf einen Verein festzulegen oder wie in Nordrhein-Westfalen einen Beirat zu bestimmen, komme nicht in Frage. "Eine verfassungsrechtliche Debatte muss her, aber niemand stellt sich dem", sagt Spaenle. Niemand habe sich bisher genug mit der Frage beschäftigt, wie das Grundgesetz mit dem Islam umgehen soll. Er nimmt seine Ministerkollegen in die Pflicht: "Innen-, Justiz- und Bildungsministerium und die Staatskanzlei sollten sich dem widmen."

Der Freistaat sieht sich als Vorreiter beim Islamunterricht und erreicht noch die meisten Schüler. Aber Nordrhein-Westfalen führte 2012 Islamischen Religionsunterricht als ordentliches Schulfach ein. Immerhin 80 Prozent der Moscheegemeinden sind über vier Verbände im Koordinationsrat vertreten und erteilen den Pädagogen die Lehrerlaubnis - wie die Kirchen bei Religionslehrern.

© SZ vom 25.11.2015/vewo
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