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Religion:23 Antworten auf eine unbeantwortbare Frage

  • Die Frage nach der Existenz des Göttlichen ist populär, aber wenig ergiebig. Bevor man sie stellt, sollte klar sein, was man da eigentlich bejaht oder verneint. Woran glaubt, wer glaubt?
  • Darauf gibt es so viele Antworten, wie es Menschen gibt. 23 Repliken von mehr oder weniger prominenten Bayern auf eine nicht beantwortbare Frage.

Für mich ist Gott das absolute Geheimnis, vor dem ich stehe. Ich habe viele Bilder von Gott: Gott ist Vater und Mutter, Gott ist Schöpfer und Grund allen Seins. Gott ist das reine Sein und nicht ein Seiendes, das ich begreifen könnte. Aber bei all den Bildern ist mir klar, dass Gott jenseits aller Bilder ist. Ich kann Gott nur in Gegensätzen denken. Er ist persönlich und überpersönlich, er ist Grund allen Seins und ist doch auch ein Du, das mir aus dem unbegreiflichen Geheimnis gegenüber tritt.

Anselm Grün, Benediktinerpater in Münsterschwarzach und Buchautor

Gott ist eine soziale Tatsache - nicht mehr und nicht weniger, aber immerhin. Auch wenn ich nicht religiös bin, weiß ich natürlich, dass vielen Menschen ihr Glaube wichtig ist. Das ist solange okay, wie ihre Glaubensgebote nicht auf Unbeteiligte übergreifen. Leider denken religiöse Menschen oft, dass sie nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen die Wahrheit kennen. Wenn Gott auf diese Weise politisch wird, ist er eine Bedrohung der Freiheit.

Michael Bauer, Vorstand des Humanistischen Verbands im Freistaat

Gott ist für mich, wenn eine Frau aus der tiefsten Niedergeschlagenheit heraus, am absoluten Ende ihrer Kräfte den letzten und einzigen Willen in sich in reine Energie umwandelt und aus dieser Kraft heraus ihr Kind mit den letzten Wehen in unsere Welt gebärt: Leben ist geboren! Leben, in dem alles möglich erscheint, in dem die Macht schlummert, die Welt zu verändern. Mit dem Moment, in welchem die Mutter ihr gerade geborenes Kind aufnimmt, ist all ihr Leid der Geburt in den Hintergrund gerückt, alle Zweifel vergessen: Dieses Kind ist bedingungslos ihr Kind - mit aller Liebe, mit aller Zuversicht und voller Opferkraft! Diesem Augenblick als Hebamme beiwohnen zu dürfen, erfüllt mich jedes mal aufs Neue mit Ehrfurcht, Dankbarkeit und dem tiefen Wissen von Gottes Anwesenheit.

Friederike Engelen, Hebamme und Mutter aus Bayreuth

Was ist Gott? Das kommt ganz darauf an, wer an ihn glaubt. Ob man sich einer bestimmten Religion verpflichtet fühlt oder nicht, auf welche Kulisse unserer Vorstellungskraft er gerade projiziert wird. Gott ist die nicht erfassbare physikalische Größe. Er ist das Absolute, das Transzendente, das größer ist als wir selbst und gleichzeitig unsere gesamte Existenz durchdringt. Und eines ist ganz sicher: Ich habe mit meiner Antwort nicht Recht.

Luise Kinseher, Kabarettistin

Gott ist eine Idee. Eine Idee von einer Welt voll Liebe. Einer Welt vom Miteinander - vor allem davon, wie wir miteinander leben wollen und wofür. Für mich ist er genauso Buddha, Allah und Jahwe - je nachdem, wie man auf ihn blickt. Und ich glaube, ihm ist es völlig wurst, wie man ihn nennt. Ich finde es, gelinde gesagt, erstaunlich, dass viele Menschen vor allem damit beschäftigt sind, dass ihre Sicht auf Gott die einzig richtige ist. Das ist vor allem dann grauenvoll, wenn dadurch alle, die anders auf Gott blicken, angeblich des Teufels sind. Gott ist ein Angebot für die Art, wie ich ein sinnstiftendes Leben leben kann. Wie wundervoll wäre unsere Welt, wenn wir uns mehr damit - mit der Essenz von Gott - beschäftigen würden."

Altötting Auf Knien vor der Schwarzen Madonna
Altötting

Auf Knien vor der Schwarzen Madonna

An Mariä Himmelfahrt wird die Gnadenkapelle wieder Tausende Pilger anlocken. Kein anderer Ort in Bayern straht eine vergleichbare Kraft aus- auch auf weniger Gläubige.   Von Sebastian Beck

Dagmar Manzel, Schauspielerin und Nürnberg-Tatortkommissarin

Wie Richter 2016 mit dem Wissen von dem, was Nazi-Rechtsprechung war, in einem weniger freien Land als der BRD, zum Beispiel der Türkei, (sich) entscheiden würden? - Gott ist jemand, dem ich dafür danke, dass ich in dem Deutschland der Jahre 1971 bis 2006 Recht sprechen durfte. Gott ist auch jemand, dem ich dafür danke, dass ich nicht nur Urteile, sondern auch Romane schreiben konnte, in denen ich nicht Recht haben und richten musste.

Benno Hurt, Richter und Schriftsteller

Als Gott uns im Paradies die Früchte vom Baum der Erkenntnis verweigerte, verweigerte er uns damit auch die Erkenntnis, sich in seine göttliche Richtung zu entwickeln. Das Wort Gott ist für uns heute "Gott sei Dank" ein universeller Erlaubnisschein, all die Verbrechen zu begehen, die wir begehen. Egal ob es um Krieg, Umwelt, Medizin, Sexualität, Erziehung oder Ernährung geht. In "Gottes Namen" erlauben wir uns heute, "Teufel" zu sein. Ja, das sind wir. Teufel. Wir durften schon damals nicht die Erkenntnis haben, es zu ändern.

Hans Söllner, Liedermacher

Gott ist unverfügbar: Gott definieren zu wollen, wäre ein Widerspruch in sich. Denn wenn Gott wirklich Gott ist, ist er größer, als alle menschlichen Kategorien es ausdrücken können. Gott ist menschennah: Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden und hat im Foltertod am Kreuz die tiefsten Tiefen des Menschseins erfahren. Gott ist ein Freund des Lebens: Gott hat uns Menschen geschaffen zu seinem Ebenbild und ist uns durch alles Dunkle hindurch in Liebe zugewandt.

Heinrich Bedford-Strohm, Evangelischer Landesbischof

Gott ist vor allem Privatsache. Wer andere Menschen vom "eigenen" Gott überzeugen muss, hat Gott und seine Grundbotschaft nicht verstanden: Sei ein guter Mensch. Respektiere deine Mitmenschen. Kämpfe für eine bessere Welt.

Tobias Afsali, Landesvorsitzender der Jusos

"Gott" ist für mich die innerste Kraft in uns allen. Ich muss sie nicht verstehen oder an sie glauben, ich fühle sie. Menschen in Verlustsituationen zu begleiten, wenn Oberflächlichkeit nichtig wird und Sinnfragen Raum fordern, bringt mich zu einer achtsamen Haltung, die "Religion" in den Alltag integriert. Wenn ich mein Innerstes spüre, gehe ich zum Beispiel wohlwollender und verständnisvoller mit Anderen um, bringe damit sozusagen Jesus in unsere Welt und erlebe Tag für Tag Weihnachten.

Petra Wegmann, Bestatterin aus Aschaffenburg

Gott ist der Urgrund allen Seins. Ich bin dankbar dafür, dass ich von klein auf christlich erzogen wurde und einen Bezug zu Gott entwickeln konnte. Mir hat mein Gottvertrauen immer geholfen, mir Halt und Zuversicht gegeben - gerade in schwierigen Lebenssituationen. Ich bin froh, dass wir in Bayern die christliche Botschaft der Nächstenliebe und des Friedens leben und vermitteln und damit das Wertefundament in unserem Land stärken."

Horst Seehofer, Bayerischer Ministerpräsident

Gott? Ein tragischer Hokuspokus! Nee, ich buckle und winsle vor keinem, auch nicht vor einem Weltenhöchsten, den man als Angstmaschine in die Welt gezerrt hat. Ich will ein frei bestimmter Mensch sein, ich brauche keine Götter, ein cooler Humanismus reicht mir völlig. Humanisten schlachten nicht, erfinden keine Höllen, glauben kein einziges "Wort Gottes". Dafür lerne ich jeden Tag den Satz von Brecht auswendig: "Das Schicksal des Menschen ist der Mensch."

Andreas Altmann, Buchautor aus Altötting

Ich bin zwar in einem protestantischen Umfeld aufgewachsen und wurde in der Schweiz zwinglianisch-calvinistisch getauft, empfinde aber einen großen Respekt vor Religiosität. Obwohl ich selbst agnostisch bin, ist die Frage nach Gott für mich nur abstrakt zu fassen und steht in einem humanistischen Zusammenhang in Form von Toleranz, Nächstenliebe sowie Respekt vor den anderen Mitmenschen, aber auch vor den uns geschenkten Ressourcen der Natur.

Peter Theiler, Intendant am Staatstheater Nürnberg

Amtsärzte bestätigten meinem Vater 140 Prozent Kriegsbeschädigung. Daran sei er nicht gestorben, hieß es in der Ablehnung der Rente meiner Mutter. Er starb mit 39, da war ich 15. Seit damals sehe ich in Gott keine Person, eher die Idee vom Sinn und inneren Zusammenhang allen Lebens. Jenseits von Raffgier und Profitdenken fordert sie Empathie und konkretes Handeln. Leitlinien sind die Gleichnisse des Neuen Testaments. Sie spiegeln sich nicht zufällig in der Verfassung unseres Landes.

Harald Grill, Schriftsteller

Denken wir Liebe, Liebe schlechthin. Absolute, unbedingte Liebe, die unser Denken maßlos übersteigt. Das ist Gott. Und denken wir Wahrheit, absolute Wahrheit. Und Schönheit, unendlich herrlicher als alles Endliche, das schön ist. All das ist Gott. Er begegnet uns in Jesus. Er ist ein Du. Einer, dem ich begegnen kann und durch den ich beschenkt werde mit dem Unfassbaren: dass die absolute Schönheit, Wahrheit, Liebe zugleich Vater ist, mein Vater.

Stefan Oster, Passauer Bischof

Gott meint es gut mit allen Menschen. Für ihn sind alle Menschen gleich. Viele Menschen fragen sich, warum Gott Leid zulassen kann. Gläubige Menschen können Krisensituationen besser durchstehen, weil sie Gott haben, der sie nicht alleine lässt und mit dem sie all ihren Kummer teilen können und der einem immer Kraft gibt. Es ist für mich auch ein großer Trost, dass es nach dem Tod weitergeht und wir die, die von uns gegangen sind, wiedersehen.

Ilse Aigner, Bayerische Wirtschafts- und Energieministerin

Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von Gott. Es ist schwierig, eine rationale Definition zu geben. Viele Menschen haben ihr Bild von Gott durch Religionen bekommen, und die Religionen haben uns Gott als Schöpfer der Welt und Lenker des Schicksals vorgestellt. Meine persönliche Meinung ist, Gott und Glauben sind eine private Sache, die zwischen dem Menschen und Gott bleibt, und ich glaube auch, dass es eine mysteriöse, geheime Beziehung zwischen Gott und den Menschen gibt, jeder kann Gott definieren und sehen, wie er will. Aber das Wichtigste ist, dass man sich nicht radikalisiert und neutral bleibt.

Yazdan Ayo, Flüchtling aus Syrien

Gott ist eine menschgewordene Idee und wird in einer psychiatrischen Anstalt, für Menschen die sich für Gott halten, behandelt. Leiter dieser Anstalt ist Gott.

Walter Landshuter, ehemaliger Betreiber des Passauer Scharfrichterhauses

Für mich als Wissenschaftler ist Gott etwas, woran Menschen glauben. Gott gibt es im Singular oder Plural. Gott kann personal oder unpersönlich, weiblich, männlich oder geschlechtslos, wichtig oder unwichtig für die betreffenden Menschen sein. Gegenstand meiner Forschung ist nicht Gott als solches, sondern die unterschiedlichen Arten, wie Menschen damit umgehen. Auch Theologien und atheistische Weltdeutungen sind daher Gegenstand meiner Arbeit.

Christoph Bochinger, Religionswissenschaftler in Bayreuth

Ich traue mich nicht, einfach eine Antwort auf die Frage "Was ist Gott?" zu geben. Ich weise auf Georg Cantor hin, den Erfinder der Mengenlehre in ihrer heutigen Form: "Das Transfinite mit seiner Fülle von Gestaltungen und Gestalten weist mit Notwendigkeit auf ein Absolutes hin, auf das 'wahrhaft Unendliche', an dessen Größe keinerlei Hinzufügung oder Abnahme statthaben kann." Das Transfinite - der Bereich der unendlichen Mengen - gelange in der Welt des Geschaffenen zur Existenz, "um die Herrlichkeit des Schöpfers, nach dessen absolut freiem Ratschluss, stärker zum Ausdrucke zu bringen, als es durch eine bloß 'endliche Welt' hätte geschehen können."

Ernst-Wilhelm Händler, Schriftsteller

Das Definieren ist für mich genauso wie das Messen und Zählen eine vom Menschen erdachte, sehr weltliche und auch eine recht männliche und einseitige Herangehensweise. Ich glaube, das war schon immer ein Stolperstein für die Religionen und für die Philosophie. Aber ich bin auch ein bisserl einseitig, zugegebenermaßen, bloß in die andere Richtung halt. In meinem Leben gibt es nur Göttinnen, weltliche und auch überirdische, da fühl ich mich wohler und ich komm dann gar nicht mehr so viel zum Nachdenken.

Thomas Niggl, Wirt des Cafés "Kaffä" in Rosenheim

Gott ist für mich das Gute, das in jedem angelegt ist. Dieses zu leben ist gleichermaßen Chance wie Verpflichtung.

Anna Rosmus, Autorin historischer Bücher über die NS-Zeit in Bayern

Gott wird für mich immer dann besonders spürbar, wenn wir aktiv und bewusst Gemeinschaft leben. Beim Musizieren wird das doppelt erlebbar: zwischen den einzelnen Musikern und zwischen Aufführenden und Publikum. Die Musik ermöglicht uns als Sprache ein friedliches und universelles Verständnis füreinander, wie wir es auch in alle anderen Lebensbereiche hineintragen sollten - als Zeichen für den einen Schöpfergedanken, der uns alle durchwirkt.

Thomas Guggeis aus Straubing, Musikalischer Assistent an der Staatsoper Berlin

Protokolle: Toni Wölfl

Lesen Sie mit SZ Plus die Seite Drei über die Resl von Konnersreuth:
Katholische Kirche Wer's glaubt

Resl von Konnersreuth

Wer's glaubt

Im bayerischen Konnersreuth soll Resl Neumann Wunder vollbracht haben. Hartnäckig fordern die Menschen ihre Seligsprechung. Die große Frage: Wer profitiert von dem Zauber?   Von Rudolf Neumaier