Zum Tod des CSU-Politikers Reinhold BockletAbschied von einem loyalen Kämpfer für die Demokratie

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Von 1979 bis 1993 war Reinhold Bocklet Mitglied des Europäischen Parlaments, danach wechselte er in die Landespolitik.
Von 1979 bis 1993 war Reinhold Bocklet Mitglied des Europäischen Parlaments, danach wechselte er in die Landespolitik. (Foto: Günther Reger)

Ob in Brüssel, München oder im Landkreis Fürstenfeldbruck – Reinhold Bocklet verstand es über Jahrzehnte, Kompromisse zu schmieden und Netzwerke zu nutzen. Nun ist der CSU-Politiker und ehemalige Erste Landtagsvizepräsident im Alter von 82 Jahren verstorben.

Von Gerhard Eisenkolb, München

Der an diesem Samstag im Alter von 82 Jahren gestorbene ehemalige Staatsminister Reinhold Bocklet (CSU) war weder Populist, der anderen nach dem Mund redete, noch ein verbohrter Ideologe. Er ging den schwereren Weg und versuchte, mit Sachargumenten zu überzeugen. Da ihm das nicht immer gelang, fand er sich als absolut loyaler Parteisoldat damit ab, solche Widersprüche auszuhalten. Immer wieder erlebte er, wie wechselhaft die Gunst von Parteifreunden und Bürgern sein kann. Auch dadurch ließ er sich nicht entmutigen.

Seine Antwort auf die Frage, warum er es 39 Jahre lang aushielt, zuerst als Europaabgeordneter, dann als bayerischer Landwirtschaftsminister, danach als Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten, also als bayerischer Außenminister, und quasi im Austrag noch als Erster Landtagsvizepräsident zu agieren, lautete: „Weil es mir Spaß macht.“ Und es machte ihm auch nichts aus, im Alter von 75 Jahren als „Exot“ noch Landtagssitzungen zu leiten.

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Dafür, wie unabhängig er sich als Politiker fühlte, steht die folgende Aussage: „Man ist als Politiker selbständiger Unternehmer, man ist Herr seiner selbst, trotz aller Verpflichtungen.“ Dementsprechend verhielt er sich. Das mag erklären, warum es ihm gelang, zu verhindern, dass das geschlossene Militärflugfeld in Fürstenfeld in seinem Stimmkreis in einen Zivilflugplatz mit mindestens 40 000 Starts und Landungen im Jahr umgewandelt wird. Das Erstaunlichste, was er nach seiner eigenen Einschätzung zuwege gebracht hat. Damals sah er sich mit dem Widerspruch konfrontiert, einerseits Mitglied der Staatsregierung zu sein, die den Zivilflugplatz gegen den Widerstand der Bevölkerung durchdrücken wollte, andererseits auch für seine Wähler und damit die Gegner des Projekts eine tragbare Lösung finden zu müssen. Mit Chuzpe und einem großen Netzwerk brachte er beides unter einen Hut. Er fädelte geschickt den Kompromiss ein, auf dem Flugfeld das BMW-Fahrsicherheitstraining anzusiedeln und davon sowohl den Ministerpräsidenten und das Kabinett als auch die Bevölkerung zu überzeugen.

Der Abschied aus der Politik fiel Bocklet nicht leicht

Typisch Bocklet ist auch sein größter Coup in Brüssel. Auch hier musste der Kümmerer viele parteiinterne und externe Widerstände überwinden, um die von ihm favorisierte Unterbringung der bayerischen Landesvertretung am Sitz der Europäischen Union im ehemaligen Institut Pasteur, einem im Stil des Historizismus erbauten Schlösschen am Rand des Parc Leopold, durchzubringen. Das Projekt galt als viel zu groß und viel zu teuer. Aber inzwischen schätzen sich die Bayern glücklich, über eine der repräsentativsten Vertretungen in bester Lage in Brüssel zu verfügen.

Dem Wahl-Gröbenzeller fiel nach vier Jahrzehnten der Abschied aus der aktiven Politik nicht leicht. Aber nicht, weil er nicht loslassen wollte, sondern weil er früh erkannte, wie gefährdet die Demokratie ist. Er sah frühzeitig, welche Gefahren vom an Zuspruch gewinnenden Radikalismus und Nationalismus für das politische System der Nachkriegs- und Nachwendezeit ausgingen.

Von den vielen Auszeichnungen, die der Jurist und Politikwissenschaftler Bocklet erhielt, schätze er eine ganz besonders. Das war die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion der Französischen Republik.

Ministerpräsident Markus Söder teilte mit, Bayern trauere um „einen engagierten Landespolitiker und überzeugten Europäer“. Landtagspräsidentin Ilse Aigner erinnerte an Reinhold Bocklets „singuläre europapolitische Kompetenz“, von der das Parlament immer wieder in besonderer Weise profitieren konnte.

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Von Gerhard Eisenkolb

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