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Reinhard Knodt:"Ja, lass uns Ruinen bauen"

Zeppelintribüne in Nürnberg

Die Zeppelintribüne, Nazi-Relikt aus Kalkstein, auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg bröckelt an zahlreichen Stellen.

(Foto: dpa)

Schriftsteller und Philosoph Reinhard Knodt schätzt die deutsche Betroffenheitskultur. Trotzdem sammelt er Unterschriften dafür, das ehemalige Nazi-Parteitagsgelände in Nürnberg nicht zu sanieren.

Der Berliner Schriftsteller und Philosoph Reinhard Knodt sammelt Unterschriften von Intellektuellen gegen die Instandsetzung der Zeppelintribüne. 140 Autoren, Künstler und Architekten haben unterschrieben, darunter die Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, Hans Christoph Buch und Tanja Kinkel.

SZ: Herr Knodt, Sie wollen die Zeppelintribüne zur Garten-Ruine werden lassen.

Reinhard Knodt: Meiner Ansicht nach sollte man das Ding verfallen lassen und mit Bäumen bepflanzen. Vor zwei Jahren hab' ich das als provokativ gemeinten Vorschlag gehört. Das hat mir keine Ruhe gelassen. Inzwischen habe ich mit einer Gartenarchitektin ein Konzept skizziert, das einen Garten für das Areal vorsieht.

Was treibt Sie an?

Die Vorstellung, dass man nicht immer nach dem selben Schema von vor 25 Jahren verfahren kann. Ich formuliere es vorsichtig: Die sich häufenden Fälle von Geschichte zum Anfassen halte ich nicht für die perfekte Lösung. Mit unglaublichen Summen, die Rede ist von 73 Millionen Euro, die Details eines NS-Geländes rekonstruieren? Ich bin sicher: Da gibt es Besseres.

Und zwar?

Mein Vorbild sind die Gärten der Welt in Berlin-Marzahn. Die Anlage umfasst Gartenanlagen aus diversen Teilen der Welt: von China bis Mexiko, vom englischen bis zum Renaissance-Garten. Ein schönes Symbol. Das wäre es auch für Nürnberg.

Das heißt aber: Sie wollen es kommenden Generationen verwehren, die Zeppelintribüne als Mahnmal kennenzulernen.

Das ist eine Floskel. Mit Verlaub: Was kommende Generationen in diesem Bauwerk sehen, das haben wir ohnehin nicht in der Hand. Ich bin selbst Historiker. Aber bei allem Glauben an den Wert von Überlieferung: Wie wir heute über römische Arenen denken, wo die Leute den Löwen ja zum Fraß vorgeworfen worden sind, das haben die Römer nicht in der Hand gehabt.

Aber ihre Arenen wurden erhalten.

Aber anfangs doch nicht etwa um zu dokumentieren, wie schlimm die Römer waren. Ich fürchte: Das Erhalten und Rekonstruieren von Monumenten führt auf lange Sicht immer in Richtung Verherrlichung. Als Mahnmal wirkt etwas nur so lange, wie in den Generationen die Mahnung auch tradiert wird. Wenn das mal tausend Jahre alt ist, könnte man sich durchaus wundern, was von der Mahnung noch übrig bleibt. Man muss in solchen Fällen immer eine Art Dokumentationszentrum dazu bauen.

Das ist doch in Nürnberg geschehen.

Das soll ja auch weiter gepflegt werden, dieses Doku-Zentrum. Aber was ist der didaktische Wert des sogenannten Goldenen Saals im Inneren der Zeppelintribüne? Alle 30 Jahre wird man den erneuern müssen. Für was? Ich setzte da ein großes Fragezeichen. Erst recht hinter die vermeintliche Erkenntnis, wie damals die Toilettenanlagen in dieser NS-Tribüne aussahen.

Andererseits: Es gibt genau ein ehemaliges NS-Reichsparteitagsgelände.

Das kann man doch äußerlich sichtbar machen. Es redet ja keiner von Abriss. Es gibt auch antike Anlagen, die nicht eingeebnet, sondern als Ruine erhalten werden. Die Zeppelintribüne als Monument soll natürlich bewahrt werden. Aber doch bitte ohne diesen Materialtausch: marode Jurakalkplatten gegen neue austauschen? Was ist denn das für ein absurder Aufwand? Und was macht man mit den alten Platten?

Die Stadt argumentiert: Es gibt eine Sicherungspflicht. Man würde die Tribüne wegsperren müssen und bekäme einen mythischen Ort, den keiner haben will.

Man kann die Hohlkörper doch mit Sand oder Beton auffüllen, dann stürzt da gar nichts ein. Man sichert das, setzt ein paar Bäume drauf und der Fall ist erledigt. Nürnberg hat ein akutes Defizit an Parks. Und der Dutzendteich war ja vor den Nazis eine Parkanlage. Inzwischen ist er kein Nazi party rally ground mehr. Wie vorher.

Auf Ihrer Liste stehen prominente Unterzeichner. Wie sammeln Sie?

Man fängt mit Freunden an, dann nimmt das seinen Lauf. Enzensberger hat mir als Zusatz zu seiner Unterschrift den Satz geschickt: "Ja, lass uns Ruinen bauen".

Wie stark ist der Gegenwind?

Logisch funkeln mich Bekannte an und entgegnen: Da bin ich aber ganz anderer Meinung. Aber ich bin eher überrascht, wie wenig da kommt. Bitte kein nationales Denkmal, wie man das in den Achtzigerjahren gemacht hätte, sagen viele. Und dass unsere Zeit etwas Neues braucht, einen mutigeren Umgang, nicht mehr nur die Ausweitung schon existierender Betroffenheitskultur. Dafür braucht es Mut, aber den haben eben Architekten, Künstler, Autoren.

"Betroffenheitskultur" - so was kann Beifall von der falschen Seite geben.

Ich selbst schätze ja diese Betroffenheitskultur. Aber sie hat, zugespitzt formuliert, offenbar nur die Gymnasiasten erreicht. Und nicht diejenigen, die jetzt neues rechtes Gedankengut in die Welt blasen. Eine Betroffenheitskultur wirkt immer nur mit einer Bildungskultur. Ich kenne eine Lehrerin, die immer wieder Schüler auf dieses Areal führt. Während sie einem Vortrag zuhören sollen, zücken sie ihre Mobiltelefone. Das lässt in ungefähr erahnen, was sie mitbekommen und mitbekommen wollen davon. Das kann kontraproduktiv sein.

Was ist denn die Alternative?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich hat keiner etwas gegen den Versuch, durch Sichtbarmachung von Geschichte einen Gedanken am Leben zu halten. Aber es darf keine Rotation bleiben, auf der immer wieder dasselbe passiert. Das reicht nicht. Damit erreichen Sie die Leute in der Sekundarstufe II. Und die anderen fühlen sich vergessen. Die erreichen Sie durch instandgesetzte Hitlertribünen sicher nicht.

Die erreichte Sekundarstufe II wäre ja schon mal nicht schlecht.

Ich bin doch gar nicht gegen das Erhalten! Aber ich bin schon sehr dagegen, dass von dieser Tribüne aus Autorennen zu besichtigen sind. Das passiert ja so: Das ist der Zieleinlauf beim so genannten Norisring-Rennen. Was ist denn das für ein Gedenk-Ort?

In Ihrem Konzept würde man dort durch Bäume und Blumen wandeln.

Okay, Sie können sagen: Das ist ein Streit um die Art der Mehrfachnutzung. Aber dann bin ich immer noch der Meinung: Gärten liegen einem Gedenkort näher als Autorennen. Gejubelt und gedröhnt wurde an dem Ort immer schon, auch zur Nazi-Zeit. Genau das sollte da nicht weiter so sein.

Die Pläne für die Instandsetzung der Tribüne sind weit gediehen. Kommen die Bedenken nicht ein bisschen spät?

Vielleicht kann wenigstens dieser unsinnige Austauschen von Kalk-Platten noch vermieden werden. Wir werden einen langen Atem haben. Die Stadt Nürnberg hat uns anfangs nicht beachtet. Das ändert sich gerade. Da kann ich mit Gandhi nur sagen: Erst lachen sie über dich, dann nehmen sie dich ernst, am Ende hat man gewonnen.

© SZ vom 11.05.2017/eca

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