Tausendfaches Verbrechen: Die App „NaziCrimesAtlas“ zeigt Tatorte der Nationalsozialisten bundesweit. Allein für die Pogrome im November 1938 gibt es mehr als 3000 Einträge. Auf der Karte ist zu sehen, wie flächendeckend die Übergriffe in der Nacht auf den 10. November 1938 und teils an den Tagen danach waren.
„Die Anwendung zeigt detailliert, wo im gesamten Reichsgebiet Verbrechen begangen wurden“, erläutert Initiator Wolfgang Hauck vom Verein „Die Kunstbaustelle“ in Landsberg am Lech das Projekt.Klickt man auf die Einträge, erscheinen Erläuterungen zur Tat – und Angaben, in welchem Archiv die Akten liegen. Das sei der Schlüssel zum schnellen Zugang für Interessierte und insoweit eine Demokratisierung der Erinnerung, sagt Hauck.

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Keineswegs seien nur die großen Städte betroffen gewesen. Die App dokumentiert Verbrechen auch in kleinen Orten und will Antworten geben auf Hintergrund-Fragen: Wer waren die Opfer? Wer waren die Täter? War auch die Hitlerjugend beteiligt? Was geschah teils vor den Augen der Nachbarn am eigenen Wohnort?
In den Novembertagen vor 87 Jahren wurden nach Angaben Haucks, der sich dabei auf die Bundeszentrale für politische Bildung beruft, 1406 Synagogen und Betstuben zerstört. 191 Synagogen wurden in Brand gesteckt und mehr als 7500 jüdische Geschäfte geplündert. Danach drang der Mob in die Wohnungen jüdischer Bürger ein. Die Zahl der Todesopfer in der Pogromnacht und direkt danach wird auf etwa 1500 geschätzt. Rund 30 000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager deportiert.

Über die Novemberpogrome hinaus sind in der App NS-Verbrechen auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands verzeichnet, die staatsanwaltschaftlichen Akten zufolge nach 1945 gerichtlich verfolgt wurden. Dabei kamen die Initiatoren auf mehr als 25 000 Taten.
„Dieser historisch umfassende Blick auf die Masse der Verbrechen ist bislang einmalig in einer digitalen Anwendung“, erläutert Projektleiter Hauck. „Wir erfassen die Fälle, die gerichtlich verhandelt wurden. Es gibt natürlich noch eine Vielzahl von Verbrechen, die in unserem Atlas noch nicht enthalten sind.“ Es gebe deshalb eine Kooperation mit Initiativen, Erinnerungsprojekten und Einrichtungen an den unterschiedlichsten Orten. Die Initiatoren wollen mit der App auch dazu anregen, selbst vor Ort zu recherchieren.
Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) hat das Projekt mit 770 000 Euro gefördert.

