Hochwasser in BayernReichertshofen wurde zum Sinnbild der Juni-Flut – so geht es dem Ort heute

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Die Luftaufnahmen eines überfluteten Ortsteils von Reichertshofen gingen am 2. Juni 2024 um die Welt.
Die Luftaufnahmen eines überfluteten Ortsteils von Reichertshofen gingen am 2. Juni 2024 um die Welt. Sven Hoppe/dpa

Als die oberbayerische Gemeinde am 2. Juni im Hochwasser versank, reisten Olaf Scholz, Robert Habeck und Markus Söder an. Ein halbes Jahr später erlebt man als Besucher eine Überraschung.

Von Thomas Balbierer, Reichertshofen

Es muss Dramatisches passiert sein, wenn sich zwei Männer, die einander nicht ausstehen können, mit Gummistiefeln an den Füßen in einen Feuerwehrwagen quetschen. Am Vormittag des 2. Juni 2024 hatten Markus Söder und Robert Habeck keine andere Wahl. Der Weg ins oberbayerische Reichertshofen war kurz zuvor im Wasser versunken, die Einsatzzentrale im Feuerwehrhaus mit normalen Autos nicht mehr erreichbar. Also mussten die Politiker ihre bequemen Dienstlimousinen auf einem oberbayerischen Rastplatz gegen ein Löschfahrzeug tauschen.

Bei der Fahrt durchs Hochwasser sahen Bayerns Ministerpräsident und der Vizekanzler, was sich der sonst so ruhige Fluss Paar schon alles einverleibt hatte: Felder, Straßen, Häuser, Industrieflächen, Supermarktparkplätze, ein Umspannwerk. Große Teile des 8500-Einwohner-Ortes im Landkreis Pfaffenhofen wurden evakuiert, der Strom funktionierte nicht mehr, das Handynetz brach zusammen.

Wenige Stunden, nachdem Reichertshofen überschwemmt wurde, machten sich Vize-Kanzler Robert Habeck und Ministerpräsident Markus Söder ein Bild von der Lage.
Wenige Stunden, nachdem Reichertshofen überschwemmt wurde, machten sich Vize-Kanzler Robert Habeck und Ministerpräsident Markus Söder ein Bild von der Lage. Sven Hoppe/dpa
Auch am 3. Juni stand Reichertshofen im Fokus der Öffentlichkeit, als Bundeskanzler Olaf Scholz anreiste.
Auch am 3. Juni stand Reichertshofen im Fokus der Öffentlichkeit, als Bundeskanzler Olaf Scholz anreiste. Sven Hoppe/dpa

Im Feuerwehrhaus hörten Söder und Habeck, dass der Kampf gegen das Wasser verloren sei. „Wir können nichts mehr tun“, sagte der Einsatzleiter. Ein solches Extremhochwasser sei in Reichertshofen „noch nie verzeichnet worden“. Alle Versuche, den Fluten mit Sandsäcken, Dämmen und Schutzwänden beizukommen, seien gescheitert. Es gehe nur noch um den „Schutz von Leib und Leben“.

Am nächsten Tag kam Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach Reichertshofen, begleitet von Dutzenden Journalisten und Kamerateams. Scholz verwies auf die Klimakrise, die solche Katastrophen wahrscheinlicher und gefährlicher mache. Auch dieses Ereignis hatte der Klimawandel verschärft, ergab später eine Studie des Deutschen Wetterdienstes. Scholz sprach von einer „Mahnung“. Der Klimaschutz dürfe „nicht vernachlässigt“ werden.

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Reichertshofen wurde zum Symbol einer Flut, in der mindestens vier Menschen in Bayern starben, 26 verletzt und Tausende aus ihren Häusern gerettet wurden. Fast 85 000 Helferinnen und Helfer waren tagelang im Einsatz, ein Kraftakt. Experten schätzen die Schäden auf etwa zwei Milliarden Euro. Über die Kosten streiten Bund und Land noch heute.

Ein halbes Jahr später sind bei einem Spaziergang durch Reichertshofen kaum noch Spuren der Katastrophe zu sehen. Die Paar, ein Nebenfluss der Donau, fließt sanft dahin, das Umspannwerk liefert längst wieder Strom und auch die allermeisten Straßen und Gebäude sind intakt. Eine Seniorin sagt, dass sie das Wasser in der Straße aus ihrem Wohnungsfenster habe steigen und steigen sehen. Im ersten Stock sei sie zwar sicher gewesen, aber ganz allein. Ohne Strom konnte sie nicht mehr telefonieren oder fernsehen. Sie zog vorübergehend zu ihrem Sohn an den Ortsrand.

„Im Nachhinein hat es uns zum Glück nicht so schlimm getroffen, wie es sich zunächst dargestellt hatte“, sagt Bürgermeister Michael Franken (Junge Wähler Union). „Niemand ist gestorben, niemand wurde verletzt.“ Wichtige Systeme wie die Kanalisation hielten den Wassermassen stand. Den Schaden der Kommune beziffert Franken auf etwa 300 000 Euro. Hinzu kommen die Schäden an privatem Eigentum, die wohl im einstelligen Millionenbereich liegen.

Reichertshofens Bürgermeister Michael Franken hat eine Luftaufnahme seiner Gemeinde im Büro. Er deutet auf eine der vom Hochwasser betroffenen Stellen an der Paar.
Reichertshofens Bürgermeister Michael Franken hat eine Luftaufnahme seiner Gemeinde im Büro. Er deutet auf eine der vom Hochwasser betroffenen Stellen an der Paar. Thomas Balbierer

Der Bürgermeister ist erleichtert, dass es nicht noch schlimmer kam. Als er am Ende des Jahres über die Katastrophe spricht, hat er die diesjährigen Flutkatastrophen aus Spanien und Osteuropa vor Augen. Ganze Landstriche wurden dort vom Wasser verwüstet, Hunderte Menschen kamen ums Leben. „Wir hatten Glück im Unglück“, sagt er.

„Am Sonntagmorgen war klar: Es wird verheerend“

Das war am frühen Morgen des 2. Juni längst nicht klar. Gegen 5.30 Uhr wurde Franken von den Einsatzkräften aus dem Bett geklingelt. Nach tagelangem Starkregen hatten die Behörden zwar Vorbereitungen für ein Hochwasser getroffen. Doch nun überstiegen die Prognosen alle Befürchtungen. „Am Sonntagmorgen war klar: Es wird verheerend“, sagt der Bürgermeister.

In den Warnungen der Hochwasserexperten war plötzlich von „Überschwemmungen historischen Ausmaßes“ die Rede. „Zu dem Zeitpunkt hatten wir alles an Hochwasserschutz aufgeboten, was wir hatten“, sagt Franken. „Es war klar: Jetzt geht es nur noch um einen geordneten Rückzug.“

Zahlreiche Häuser, Straßen und Gewerbeflächen standen unter Wasser.
Zahlreiche Häuser, Straßen und Gewerbeflächen standen unter Wasser. Sven Hoppe/dpa
Am Sonntagvormittag gaben die Rettungskräfte den Kampf gegen das Wasser auf. Es ging nur noch um den Schutz „von Leib und Leben“.
Am Sonntagvormittag gaben die Rettungskräfte den Kampf gegen das Wasser auf. Es ging nur noch um den Schutz „von Leib und Leben“. Sven Hoppe/dpa

Der Politiker nahm eine Ansprache auf, die zwischen 6 und 7 Uhr aus den Lautsprechern der Feuerwehr durch die Straßen tönte: „Achtung, Achtung, hier spricht Ihr Bürgermeister! Wir erwarten in den nächsten Stunden ein extremes Hochwasser an der Paar. Es besteht Gefahr für Leib und Leben! Bitte verlassen Sie umgehend den gefährdeten Abschnitt und begeben Sie sich in höher gelegene Bereiche!“ Franken sagt, er hatte Gänsehaut, als er den Text einsprach.

Kurz darauf baute sich vor Reichertshofen eine nie dagewesene Flut auf. Die Paar, so Franken, schwoll an einer Stelle um mehr als einen Zentimeter pro Minute an. Dann sei auf einmal überall Wasser gewesen. In der Einsatzzentrale im Feuerwehrhaus sahen sie, wie das Wasser näher und näher kam, Sandsäcke überspülte und bald das gesamte Gebäude umschloss. Franken weiß noch, dass er irgendwann die verängstigten Rufe mehrerer Rehe in der Umgebung hörte. Später tauchten zwei Rehkitze am Feuerwehrhaus auf. „Sie haben sich selbst gerettet.“

In diesen dramatischen Stunden blieb den Verantwortlichen kaum mehr übrig als „Beten und Hoffen“, sagt Franken. Daher sei es auch keine große Behinderung gewesen, als Reichertshofen zum politischen und medialen Schauplatz wurde. Scholz, Habeck, Söder und viele weitere Politikerinnen und Politiker ließen sich am Hochwasser fotografieren, filmen und interviewen. Manche im Ort kritisierten das als „Hochwassertourismus“, doch Franken widerspricht. „Es war wichtig, dass Politik und Öffentlichkeit erleben konnten, was hier passiert.“

Die riesige Aufmerksamkeit führte in den Tagen danach zu Hilfsangeboten aus halb Europa – sogar aus dem Ahrtal, das drei Jahre zuvor von tödlichen Fluten getroffen wurde. „Am Ende haben wir aber keine überregionale Hilfe gebraucht“, sagt der Bürgermeister. Er wirkt immer noch ein wenig überrascht, wie wenig Verwüstung das Wasser letztlich hinterließ. „Nach zwei Wochen hat von außen wieder alles normal ausgesehen.“

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Franken sagt das auch mit schlechtem Gewissen. Denn im Nachbarort Baar-Ebenhausen hinterließ das Hochwasser ein Vielfaches an Schäden, die Summe wird auf mehr als 30 Millionen Euro geschätzt. In der Gemeinde war ein Damm gebrochen, geplante Hochwasserbauten hatten sich massiv verzögert – wie an vielen anderen Orten Bayerns. Die Flut traf Baar-Ebenhausen mit voller Wucht, viele Bewohner kämpfen noch heute mit den Folgen. Für ein Gespräch mit der SZ stand Bürgermeister Ludwig Wayand (CSU) nicht zur Verfügung.

In Reichertshofen sind sie weitgehend zur Tagesordnung übergegangen. Natürlich werde diskutiert, wie man sich noch besser für kommende Hochwasser rüstet, sagt Bürgermeister Franken: neue Einsatzpläne, mobile Hochwasserwände, Kooperationen mit anderen Gemeinden. Ein staatlich geförderter Schwammregion-Manager soll in den schwer betroffenen Landkreisen Pfaffenhofen und Neuburg-Schrobenhausen Verbesserungen anstoßen: begrünte Dächer, Rückhaltebereiche, unversiegelte Flächen. Auch Hausbesitzer müssten sich in Zukunft stärker mit dem Thema befassen, sagt Franken, und zum Beispiel wasserdichte Fenster in den Kellern einbauen.

Eines müsse aber allen klar sein, sagt der Bürgermeister: Einen absoluten Schutz gebe es nicht. Das Juni-Hochwasser sei so extrem gewesen, dass auch die stärksten Barrieren nicht geholfen hätten. „Da bist du ausgeliefert“, sagt er. Beruhigend klingt das nicht.

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