„Sterben, wo andere Urlaub machen“ – So brachten die Klappentext-Dichter von Jörg Maurers Erstling „Föhnlage“ (2009) den Hype um lokal verortete Kriminalliteratur treffsicher auf den Punkt. Fremdenverkehrsamtsdeutsch-Satire at its best. Mögen Crime-Puristen noch so sehr die Nase rümpfen, das Genre Regional-Krimi ist nicht totzukriegen. Der Tatort „ganz in Ihrer Nähe“ ist populär wie eh und je. Und so zieht sich auch 2025 wieder eine blutige Spur durch Bayern. Es ist sogar ein besonders mordlustiger Jahrgang, mit neuen Fällen für Franz Eberhofer und Kommissar Jennerwein. Aber auch in Bamberg, Eichstätt oder natürlich München sind die Serienermittler unterwegs. Eine Tour de crime mit zehn Stationen.
Franz und Rudi müssen campen

Franz Eberhofer hat es nicht leicht. Zumindest, was sein Privatleben betrifft. Denn das ist in „Apfelstrudel-Alibi“ genauso wie in allen bisherigen Fällen interessanter und witziger als der Mord, den er natürlich auch aufzuklären hat. Für seinen 13. Fall schickt ihn seine Erfinderin Rita Falk sogar nach Südtirol und lässt ihn „ohne jeden Motor“ auf einen Berg klettern. Eine harte Prüfung. Eberhofer-Fans wissen, wie ungern er Niederkaltenkirchen, das fiktive Dorf in Niederbayern, verlässt.
Andrerseits entgeht er dadurch den Auseinandersetzungen mit Lebenspartnerin Susi, deren steile Karriere als Bürgermeisterin von Niederkaltenkirchen dem Dorfpolizisten ganz schön zu schaffen macht. Sie erwartet allen Ernstes von Franz ein stärkeres Engagement im Haushalt. Ein unmögliches Ansinnen. Der Oma geht es übrigens auch nicht so gut, sie ist inzwischen doch schon ziemlich dement. Bloß gut, dass Eberhofer seinen Freund hat, den Birkenberger Rudi. Der hält auf diversen Campingplätzen Bayerns die Stellung und nervt Franz gewaltig. Doch Ermitteln ohne seine Hilfe, das geht eben gar nicht. srh
Rita Falk: „Apfelstrudel-Alibi“, dtv Verlag, 336 Seiten, 18 Euro.
Jennerwein und sein Kurschatten

Jörg Maurer ist ein Phänomen. Seit der Mann aus Garmisch-Partenkirchen 2009 vom Musikkabarettisten und Bühnenbetreiber („Unterton“) auf Krimi-Autor umsattelte, hat er in diesen 16 Jahren auch 16 Bücher mit seinem Kommissar Jennerwein geschrieben – und dazu noch zwei Romane und einen alternativen Reiseführer. „Föhnlage“, der erste Fall, schlug wie eine Bombe ein, schon im Jahr darauf wurde er verfilmt.
Aus der Flut der Regionalkrimis ragen Maurers Bücher durch seine schillernden Figuren einschließlich des schrägen Kommissars, hintergründigen Humor, einen eigenen sprachlichen Duktus und nicht zuletzt eine abschweifende Detailversessenheit hervor. So auch im jüngsten Fall „Kommissar Jennerwein und der tintendunkle Verdacht“, bei dem es sich um Literatur in der Literatur handelt: Ein Lesekränzchen inszeniert aus Protest gegen einen tumben Minister Verbrechen der Weltliteratur – bis natürlich ein echter Mord geschieht. oho
Jörg Maurer: „Kommissar Jennerwein und der tintendunkle Verdacht“, S. Fischer Verlag, 368 Seiten, gebunden 25 Euro, Taschenbuch 13 Euro; Hörbuch im Argon Verlag
Dünnes Eis auf dem Grüntensee

Eigentlich ermittelt Irmi Mangold, ehemals Hauptkommissarin in Garmisch-Partenkirchen, überhaupt nicht mehr. Sie ist schließlich im Ruhestand. Sich in denselben einzufinden, bereitet ihr aber mehr Schwierigkeiten als erwartet. Den Skikurs macht die unsportliche Irmi allerdings nicht freiwillig, sondern nur weil sie eine Wette gegen Fridtjof Hase, ihren Lebenspartner und Sportfreak, verloren hat. Doch dann bricht ihre Skilehrerin Coci, im Hauptberuf Journalistin, im dünnen Eis des Allgäuer Grüntensees ein. Ein Unfall? Irmi glaubt das nicht und ermittelt, aber dieses Mal eben nicht in Garmisch-Partenkirchen, sondern im Allgäu.
Wie immer hat Nicola Förg gründlich recherchiert, wie gewohnt verhandelt sie auch in ihrem 16. Alpenkrimi aktuelle Gegenwartsprobleme, etwa die Frage, ob Skifahren ökologisch überhaupt noch vertretbar ist. Erörtert die kontinuierlich abnehmende Qualität vieler Tageszeitungen und fragt sich, ob Künstlerinnen genügend Wertschätzung erfahren: Frauen wie Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus am Bannwaldsee bei Füssen sich 1947 die Gruppe 47 gründete. Und natürlich kommt – auch das ein Muss bei dieser Autorin – der Tierschutz nicht zu kurz. srh
Nicola Förg: „Verdammte Weiber“, Piper Verlag, 336 Seiten, 17 Euro
Verbrechen rund ums Murnauer Münter-Haus

Noch eine ruhige Kugel schieben, das wollte Kommissar Heini Bieder eigentlich bis zu seiner Pensionierung. Doch daraus wird nichts. Der Tischler Johann Reintaler ist im Murnauer Moos brutal ermordet aufgefunden worden. Und nun steht der gemütliche Kommissar, der deftiges Essen liebt, ratlos vor seinem vielleicht schwierigsten Fall. Gretel Mayers historischer Krimi „Das Geheimnis von Murnau“ spielt im Jahr 1925. Hitler hat seine Landsberger Haft gerade hinter sich, überall, auch in Murnau, treiben NSDAP-Ortsgruppen nun ihr Unwesen. Nicht nur für Bieders Kollege Pfleiderer, einen überzeugten Sozialdemokraten, wird es gefährlich.
Immer wieder setzt Gretel Mayer auch Rückblenden ins Jahr 1909, als Gabriele Münter und Wassily Kandinsky noch im „Russenhaus“ in Murnau lebten. Und auch Münchens illustre Galerieszene kommt vor, sogar der Name Gurlitt fällt. Was das alles mit der entstellten Leiche des armen Reintaler zu tun hat, und wie Heini Bieder doch noch in seinen wohlverdienten Ruhestand kommt, klärt sich nach mehr als 280 vergnüglichen Seiten. czg
Gretel Mayer, „Das Geheimnis von Murnau“, Gmeiner Verlag, 288 Seiten, Taschenbuch 15 Euro
Mit Frauenpower gegen Münchner Autotuner

Pia Traxl ist schlagfertig, trägt Lederjacke, joggt regelmäßig und geht zum Boxen. Ganz anders ihre Kollegin, Bentje Schammach aus Schleswig-Holstein: Sie ist klein, pummelig, schießt und fährt supergut Auto. Falls für manche Ohren die Nachnamen irgendwie vertraut klingen, wäre das kein Wunder: Die beiden Frauen sind wie ihre Kollegen aus dem Polizeipräsidium an der Ettstraße nach Orten im Landkreis Ebersberg benannt. Dort wohnt Wolfgang Oppler nämlich.
In seinem zweiten Krimi geht es um einen Toten, der dann doch noch lebt, um Rechtsanwälte und rivalisierende Banden aus dem Autotuning-Milieu. Dass der 69-Jährige, der 30 Jahre mit der Juristerei sein Geld verdiente, auch als Stadtführer in München gearbeitet hat, merkt man an seiner detaillierten Ortskenntnis, egal ob es sich um die Michaelskirche, den Viktualienmarkt samt Metzgerzeile oder diverse Lokale handelt. Mehr als einmal laufen die Ermittlungen fast aus dem Ruder. Aber letztlich gelingt es dem ungewöhnlichen Ermittler-Duo doch, alles aufzuklären. srh
Wolfgang Oppler: „Traxl und der linke Rechtsanwalt“, Volk Verlag, 18 Euro
Hacker -Angriff und Zombie-Sitting

In Grünwald die Büroadresse, die Privatvilla in Harlaching und die Biogasanlage bei Oberhaching oder so. Der Münchner Privatdetektiv Lorenz Teuffel hat alles noch im Kopf von seinem letzten Auftrag mit dem „fremdgehenden Biogas-Heini“. Jener Bertram Ramsauer von Eco Fair Gas hat nun bei seinem Ex-Arbeitgeber, der Großdetektei Stahleder & Partner, ausgerechnet ihn als Ermittler angefragt. Ein easy Fall, denkt Teuffel schlaftrunken, den eben erst seine Nachbarin Frau Kottbauer aus dem Bett geklingelt hat, um ihren Sohn Sebastian bei ihm abzuliefern. Zum „Zombie-Sitting“, wie Teuffel und sein erotomanischer Kumpel Sascha das nennen. Denn Sebastian hat das Cotard-Syndrom, eine neuropsychiatrische Störung, die ihn glauben lässt, er sei tot, sein Körper bereits verwest.
Dem nicht genug, wird es richtig gefährlich für Teuffel, denn der „Kraken“, wie sich die fiesen Hacker in Martin Arz' neuem Krimi nennen, verstehen keinen Spaß. Sie wollen Lösegeld von Ramsauer erpressen, es kommt zu einer Entführung und zu einem bestialischen Mord. Nach „Ghosting Giesing“ schickt der Münchner Autor, Künstler und Verleger seinen unkonventionellen Privatermittler in seinen zweiten Fall. czg
Martin Arz, „Der Kraken“, Hirschkäfer Verlag, 256 Seiten, 16,90 Euro
Kommissar Pascha und das große Beben

„Plötzlich spürten die beiden ein Vibrieren. Der Boden unter ihnen begann sich zu bewegen. Wenige Sekunden nur währte das Erdbeben, das Istanbul in Panik und Schrecken versetzte.“ Bekanntlich leben 16 Millionen Einwohner der Metropole unter erhöhter tektonischer Spannung. Es wird kommen, das Jahrhundert-Beben, da sind sich die Experten einig. Nur wann? Im neunten Fall aus Su Turhans „Kommissar Pascha“-Reihe ist die Katastrophe eingetreten: Nach einem verheerenden Erdbeben in Istanbul liegt Zeki Demirbileks Ex-Frau Selma im künstlichen Koma in der Klinik. Er selbst ist auch nur knapp dem Tod entronnen. Zurück in München, stürzt er sich in Ermittlungen im Immobiliengewerbe, Bauleiter und Buchhalter einer Baufirma sind ermordet worden. Doch die Spuren führen Zeki zurück nach Istanbul. czg
Su Turhan, „Schattenbauten“, Maximum Verlags GmbH, 350 Seiten, 16,90 Euro
Der Killerwolf im Altmühltal

In Venedig kann man Touristen-Grüppchen begegnen, die auf den Spuren des smarten Commissario Brunetti unterwegs sind. Kultautorin Donna Leon, möchte man wetten, ist bei diesen Stadtführungen eher nicht höchstselbst mit von der Partie. Anders in Eichstätt, dort folgen die Fans Richard Auer zu den Schauplätzen, an denen sein Oberkommissar Mike Morgenstern ermittelt. Denn Auer ist nicht nur bewährter Krimi-Autor, sondern auch zertifizierter Stadtführer.
Anders als Anzugträger Brunetti ist sein Mike Morgenstern eher ein lässiger Schmuddelzausel, in Jeansjacke und Cowboystiefel, einstmals strafversetzt von Nürnberg nach Eichstätt. Im nunmehr elften Fall „Altmühlwölfe“ legen er und sein notorisch mit Spargel dealender Kollege Hecht sich mal eben mit der Bayerischen Staatsregierung an, denn die will alle Wölfe im Altmühltal ausrotten lassen. Ein Toter wurde gefunden im Wald. War es wirklich ein Wolf, der ihm die Gurgel durchgebissen hat? Morgenstern und Co. wittern ein Komplott. Wie gut, dass Auers Kommissar mit den neuesten kriminologischen Methoden arbeitet: Er notiert alles schön in seinen zerfledderten Kellnerblock von der Hofmühl-Brauerei. czg
Richard Auer, „Altmühlwölfe“, Emons Verlag, 237 Seiten, 14 Euro
True Crime in Schwabach

Angie und Ina sind die Hosts des True-Crime-Podcasts „Verbrechen damals und heute“, der im Probenkeller von Angies Oldieband in Schwabach produziert wird. Angie aka Doktor Angelika Müller ist eine pensionierte Lehrerin, Inas Oma, und irgendwie weit cooler als ihre Hafermilch trinkende Gen-Z-Enkelin. Zusammen aber sind die beiden ein gutes Ermittler-Gespann. Ebenso wie die Autoren dieses Frankenkrimis, Petra Rinkes und Roland Ballwieser. In „Die letzte Karte des Johann Philipp Andreae“ geht es um einen zwielichtigen Globenbauer, der 1760 in einem Schwabacher Kerker starb. Um Hacker, Wett-Betrug und einen Social-Media-Hype um einen angeblichen Schatz. Dann taucht ein Toter auf, Ina wird entführt und es wird ziemlich hektisch, bis Omas Rentnerband am Ende „Angie“ von den Stones intonieren kann. czg
Petra Rinkes und Roland Ballwieser, „Die letzte Karte des Johann Philipp Andreae“, ars vivendi verlag, 252 Seiten, 15 Euro
Eine Bierleiche der anderen Art

„Wird scho wern, ist schon immer wieder worn.“ Omas Leitspruch hat ihrer Enkelin Evi schon in so manch misslicher Lage geholfen. Nun ist die 32-jährige Staatsanwältin nach einer Trennung wieder von München in die fränkische Heimat gezogen. Zu den Eltern nach Schweinsbrunn, in ihr altes Kinderzimmer.
Kurz darauf wird Evi – große Klappe, großes Herz – zu einem Tatort gerufen. Eine Prostituierte wurde in der nahegelegenen Stadt ermordet. Grüner Flaum bedeckt ihren Körper, Malzgeruch liegt in der Luft, und neben der Leiche steht der Gerichtsmediziner Niklas Rosenbeet. Ein super Mann, in den sich Evi sofort verliebt. Bis beide zueinanderfinden, müssen aber noch einige Feste gefeiert und weitere Tote beklagt werden.
Der Verlag bewirbt „Das Bierkomplott“ als „Cosy Crime meets RomCom“. Es zielt also mindestens so sehr aufs Herz wie auf den kriminalistischen Spürsinn. Ja, eigentlich ist der Fall Nebensache. Genauso wichtig ist ein Strafprozess gegen einen gewalttätigen Mann, die unbändige Lust am Essen und Trinken, sind die Freundes- und Familienbande. Das Ergebnis ist ein liebevolles Porträt Frankens, der Heimat der Autorin. flow
Carina Heer: „Das Bierkomplott. Staatsanwältin Evi Pflaum ermittelt“, Gutkind Verlag. Berlin 2025. 304 Seiten, 16 Euro.

