Regensburg Seit 830 Tagen versucht Wolbergs, seine Version der Affäre zu verbreiten

Es liegt der Verdacht nahe, dass in Regensburg bereits ein System aus Spenden, Gönnern und Profiteuren existierte, bevor Wolbergs sich anschickte, OB zu werden. Ein Netz, in das Wolbergs eher reingestolpert ist? Manche sagen das. Auch er selbst klingt manchmal so, wenn er über "meine Version der Dinge" spricht, über "meine Wahrheit". Und immer dann, wenn er betont, dass auch die CSU Spenden bekam. Er will nicht wahrhaben, dass andere weitermachen dürfen und er nicht. Er beklagt, dass ein Abgeordneter wie Franz Rieger "völlig anders behandelt wird". Noch während die Ermittlungen gegen ihn liefen, wurde Wolbergs suspendiert. Rieger dagegen sitzt trotz Erpressungsverdachts weiter im Landtag.

Mit solchen Aussagen hat Wolbergs geschafft, dass viele Regensburger ihn als Opfer wahrnehmen. So zornig und zynisch er zu denen ist, die er für Feinde hält, so einnehmend und freundlich tritt er jenen gegenüber, die ihn noch nicht abgeschrieben haben. Er ist ein begabter Rhetoriker, das ist sein großes Talent. Auf manche wirkt er immer noch wie ein Magnet, allen Zweifeln an seiner Glaubwürdigkeit zum Trotz. Seit 830 Tagen ist er unterwegs, um den Regensburgern seine Version der Affäre zu erzählen. Bei Festen, Parteiveranstaltungen, auch auf der Bühne des "Leeren Beutels". Dort, wo sie ihn damals, bei der Wahlparty, feierten.

Im "Leeren Beutel" ist kürzlich auch seine Frau Anja Wolbergs aufgetreten. "Liebe Anja", sagte der Moderator und bat sie auf die Bühne. Warme Worte, Scheinwerferlicht, Applaus. Fast wie früher, als sie hinter ihrem Mann, dem Helden, durchs Menschenspalier schritt. Und doch war alles anders. Anja Wolbergs kam, um aus ihrem Roman zu lesen. Die Hauptfigur heißt Jana Wolters, deren Mann heißt Jonas. Man braucht keine Fantasie, um zu kapieren, dass der Roman größtenteils die Geschichte der Autorin erzählt. Einer Frau, die einen "Albtraum an der Seite ihres Mannes" erlebt. So steht es auf der Rückseite des Buches.

Anja und Joachim Wolbergs leben seit 2015 getrennt. Der Trennungsgrund soll eine Mitarbeiterin im Rathaus gewesen sein. Aber das Buch ist keine Abrechnung einer betrogenen Ehefrau, eher eine Liebeserklärung. Es beschreibt einen Mann, der unverschuldet ins Feuer der Ermittler und Medien geraten ist. "Manches ist Fiktion, manches ist Wahrheit", sagt Anja Wolbergs, was immer das bedeuten mag. Sie ist beim Prozess als Zeugin geladen. Sie war Kassiererin des SPD-Ortsvereins, auf dessen Konto die Parteispenden für ihren Mann flossen, den Vereinschef. Aber darüber steht kaum etwas in ihrem Buch. Bei ihrer ersten Lesung hat sie trotzdem Applaus bekommen, eine Minute lang, die Menschen haben sich dafür erhoben.

Auch hinter ihrem Mann stehen immer noch viele Bürger, trotz der Anschuldigungen. Gut möglich, dass er ein passables Ergebnis bekäme, wäre demnächst wieder OB-Wahl. "Wenn ich freigesprochen bin, will ich wieder in mein Amt", sagt Wolbergs. Auch diesen Satz hat er mal gesagt: "Solange ich von meiner Unschuld überzeugt bin, werde ich definitiv nicht zurücktreten." Er hat nicht von der Überzeugung eines Gerichts gesprochen. Sondern von seiner eigenen. So wie er stets von "meiner Wahrheit" spricht. Wenn am Montag der Prozess beginnt, kommt Wolbergs' Wahrheit auf den Prüfstand.

Politik in Bayern Vermeintliche Gewinner und Verlierer in der Regensburger Korruptionsaffäre

Prozess gegen Wolbergs

Vermeintliche Gewinner und Verlierer in der Regensburger Korruptionsaffäre

Nach der Entscheidung des Landgerichts, den suspendierten Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anzuklagen, gibt es viele offene Fragen. Die Antworten im Überblick.   Von Andreas Glas