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Regensburg:Wo Schüler tanzend Grammatik lernen

© 2016 pieknikphoto // sebastian pieknik

Satzglieder bestimmen in der Tanzklasse: "Der Nebensatz hängt leise am ebenfalls stillen Hauptsatz", ruft Deutschlehrer Stephan Roggenbuck.

(Foto: Sebastian Pieknik)

Am Regensburger Goethe-Gymnasium lernen Fünftklässler den Unterrichtsstoff mithilfe von Bewegungen und Musik. Längst haben die beiden Tanzklassen mehr Bewerber, als es Plätze gibt.

"Yo, Man, Yo, Sie betreten die Klasse der Pros!" Noch Fragen? Mit dem typisch-zähen Guten-Morgen-Singsang in Bayerns Schulen hat dieser Gruß nichts zu tun. Die Klasse 5 a des Regensburger Goethe-Gymnasiums tanzt und schmettert ihre Begrüßung. Ungewöhnlich? Für die 33 Kinder ist das Alltag, sie lernen in der Tanzklasse.

Seit 2014 gibt es dieses Unterrichtskonzept am Goethe-Gymnasium, die Nachfrage war von Anfang an groß. 66 Fünftklässler lernen heuer anders als ihre Mitschüler. Auch für das neue Schuljahr gibt es wieder deutlich mehr Anmeldungen als freie Plätze. Die beiden Tanzklassen lernen den Stoff in Deutsch, Sport und Musik anders als die Kinder in den Regelklassen. In diesen Fächern unterrichten die Regensburger Lehrer gemeinsam mit Tanzpädagoginnen. Ihr Ziel ist es, mit Bewegung den Kindern das Lernen zu erleichtern, damit sie Spaß in der Schule haben und gute Noten schreiben.

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Die Umstellung von Frontalunterricht zur Bühne dauert wenige Minuten, Tische an die Wand und los geht's. Deutsche Grammatik steht auf dem Programm. Klassenlehrer Stephan Roggenbuck ruft "Freaze!" Das erwartete Chaos bleibt aus. 33 Kinder erstarren, kein Mucks ist zu hören. Roggenbuck wartet kurz, ruft: "Go!"

Die Schüler haben die Besucher auf der Fensterbank längst vergessen. Sie murmeln leise mit ihrem Nachbarn. "Diese Disziplin kommt vom Tanzen", sagt Schulleiter Bernhard Rothauscher leise. Lehrer Roggenbuck teilt Blätter mit Konjunktionen aus. Die Kinder sollen bei jedem Wort entscheiden, ob sie Satzreihen oder Satzgefüge darstellen. Roggenbuck ruft "wenn", vier Paare stehen auf. Einer steht stabil im Ausfallschritt, der Partner hält sich an der Hand fest und lässt sich nach hinten fallen. "Satzgefüge!", ruft ein Mädchen. "Genau", sagt Roggenbuck, "der Nebensatz hängt leise am ebenfalls stillen Hauptsatz!"

Zwei Hauptsätze haken sich locker beieinander ein, bleiben aber gerade nebeneinander stehen. Die Fünftklässler im Sitzkreis gleichen ihre Notizen ab. Mit selbst erlebten Eselsbrücken merken sich die Schüler den Stoff leichter als durch reines Pauken. Und können sich nach der Tanzeinlage am Stundenbeginn leichter konzentrieren. Nächstes Thema: Adverbiale Bestimmungen. Die Tanzklässler analysieren den Satz "Bei Regen trage ich ungerne Sandalen."

Statt ins Heft zu malen, springen fünf Schüler auf die Tische - nacheinander, wenn sie ihr Satzglied richtig bestimmt haben. Juri wird zum Subjekt, Fiona zur adverbialen Bestimmung. "Und wie ersetzen wir jetzt Fiona?", fragt die Tanzpädagogin Kilta Rainprechter. Antwort: Durch den Nebensatz "Wenn es regnet" - dargestellt von drei Kindern, untermalt von einer Regenbewegung. Fiona bleibt auf dem Tisch stehen und bewegt ihre flatternden Finger von oben nach unten, wie Regentropfen.

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Das Konzept entwickelte Roggenbuck 2014 mit der Tanzpädagogin Rainprechter, die seit Jahren mit ihm und der Theatergruppe des Goethe-Gymnasiums arbeitet.