Oberpfalz Bis in die Neunziger sei es hier miefig gewesen, finster und provinziell

1803. Er meint das Jahr, in dem der Grill kaputt ging. Das Ende des Heiligen Römischen Reichs stand kurz bevor - und damit das Ende von Regensburg als politisches Zentrum. Man muss sich das vorstellen, als würde heute in Brüssel die EU zusperren. Von 1663 bis 1803 hatten sich im Immerwährenden Reichstag in Regensburg die Gesandten der europäischen Herrscher getroffen, um Politik zu machen. Regensburg war Römerstadt, bayerische Hauptstadt, Kaiserstadt. Nach 1803 versumpfte das Brüssel des Mittelalters in der Provinz. Und blieb 200 Jahre lang stecken.

Selbst die Bayern hatten Regensburg irgendwann nicht mehr auf dem Zettel. Damals, als BMW ein neues Werk bauen wollte, schlug die Staatsregierung 50 Standorte vor. Regensburg? Stand nicht auf der Liste. Die Stadt musste sich selbst ins Spiel bringen, musste kämpfen, bis BMW überzeugt war. 1986 ging das Werk in Betrieb, 1989 fiel der Eiserne Vorhang. Plötzlich rückte Regensburg vom Rand in die Mitte Europas, plötzlich wollten die Firmen alle her. Bis der Boom spürbar wurde, sollte es noch dauern. Aber damals, sagt MR-Chef Maier-Scheubeck, habe es das erste Mal "bumm gemacht".

Regensburg, das ist auch eine Wiederauferstehungsgeschichte. Als er hier studiert hat, habe sich die Stadt noch angefühlt "wie Nachkriegszeit", sagt Maier-Scheubeck. "Dunkel" sei es hier gewesen, die Fassaden "schwarz", überall "kleinstädtischer Mief". Aus der Kneitinger-Brauerei roch es nach Hopfen, aus der Händlmaier-Senfküche nach Essig, "du hast in jedem Hausgang einen eigenen Geruch wahrgenommen. Das hatte was vom Charme des ausgehenden Mittelalters. Es gab viele, die einfach wegwollten".

Haus der Bayerischen Geschichte gleicht Dunkelkammer

Der Entwurf eines Frankfurter Architekturbüros ist ein trauriges Beispiel dafür, wie verantwortungslos hierzulande mit öffentlichem Raum umgegangen wird. Von Laura Weissmüller mehr ...

Und heute? Wollen alle her. "Regensburg liegt gar schön", schrieb Goethe 1786 in sein Reisetagebuch. Gar schön? Das ist wahr, aber untertrieben. Die Altstadt ist so herrlich, dass ihr kein Postkartenfoto gerecht wird. Der Dom, die Gassen, die bunten Häuser, die etwas erzählen über den alten und neuen Reichtum der Stadt. Weil ihre Fassaden sich wölben wie Wohlstandsbäuche. Dazu die Steinerne Brücke, die nicht nur die Donau überspannt, sondern 900 Jahre Geschichte. Im Sommer sitzen Hunderte am Fluss, trinken Bier, lassen ihre Füße überm Wasser baumeln. Das Donauufer ist einer dieser Orte, an dem aus einem Bier drei werden, plötzlich ist Mitternacht, man sitzt immer noch da, und hat beschlossen, nie wieder hier wegzugehen.

Theoretisch. Praktisch ist es so, dass die Stadt ihre Menschen langsam vertreibt. Die Mieten sind explodiert, die Kaufpreise für Wohnungen auch (4616 Euro pro Quadratmeter, Stand 2017). Teurer war es zuletzt nur in München, Stuttgart Frankfurt, Freiburg, Ingolstadt und Freiburg. Seine Mitarbeiter könnten sich in Regensburg eine Wohnungsmiete oder ein Haus in angemessener Größe nicht mehr leisten, sagt MR-Chef Maier-Scheubeck. Er weiß, dass seine Firma mitverantwortlich ist für den Boom, der einigen nun um die Ohren fliegt. Ob ihn Gewissensbisse plagen? "Ja, klar."

Der Boom produziert nicht nur Gewinner, das also ist das erste Kapitel des Lehrstücks Regensburg. Nun Kapitel zwei: die Korruption. Wer mehr erfahren will, muss rein in die Altstadt, rein ins Rathaus, rauf in den ersten Stock. Hier hatte Joachim Wolbergs (SPD) sein Büro. Hohe Decken, Fischgrätparkett, nett hatte es der Oberbürgermeister. Bis Juni 2016, bis eine Heerschar an Polizisten ins Rathaus einrückte. Seither steht OB Wolbergs im Verdacht, Schmiergeld aus der Baubranche angenommen zu haben. Seither fragen sich die Leute, ob es nur Zufall ist, dass diese Korruptionsaffäre in Regensburg spielt.

Ist der Boom Nährboden für Korruption? "Das glaube ich nicht", sagt die Zweite Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Die Nummer zwei ist jetzt die Chefin im Rathaus. Seit bald zwei Jahren, seit OB Wolbergs für sechs Wochen in Haft musste und suspendiert wurde. Maltz-Schwarzfischer, 58, kinnlanges Haar, bunter Schal, sitzt im zweiten Stock des Rathauses. Auch hier: hohe Decken, Parkett, sehr nett. Über Korruption will sie nicht reden. Nicht bevor das Gericht ein Urteil gesprochen hat. Der Prozess gegen OB Wolbergs beginnt am 24. September. Lieber spricht sie über die "Dynamik" ihrer Stadt, über die "gezielte Ansiedlungspolitik", die in Regensburg betrieben wurde. "Ich lebe gern hier", sagt Maltz-Schwarzfischer.

Sie hat ja recht. Regensburg hat es geschafft, dass die Rädchen ineinandergreifen. Erst kam BMW, dann kamen die Zulieferer, aber eine reine Autostadt ist hier nicht entstanden. Die Politik hat einen gesunden Branchenmix forciert, hat Unternehmen, Hochschulen und Verwaltung klug vernetzt. Der Mann, der dieses Netzwerk gesponnen hat, heißt Hans Schaidinger. 18 Jahre war er OB, bis 2014. Ein Gemälde des CSU-Politikers hängt auf dem Rathausflur. Es zeigt einen Mann mit Glatze und Schnauzbart, der den Kopf schief legt wie ein zutraulicher Wellensittich. Doch auch bei Schaidinger gibt es Zweifel. Hat er es mit der Zutraulichkeit gegenüber der Baubranche übertrieben? Er steht ebenfalls im Fokus der Ermittler.