Essensausgabe für BedürftigeNach Skandal um veruntreute Gelder: Wie die Regensburger Tafel sich in Zukunft schützen will

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Viele hilfsbedürftige Menschen in Bayern sind froh um die Lebensmittel, die von den Tafeln an sie verteilt werden. Das soll künftig auch bei der Regensburger Tafel wieder im Mittelpunkt stehen.
Viele hilfsbedürftige Menschen in Bayern sind froh um die Lebensmittel, die von den Tafeln an sie verteilt werden. Das soll künftig auch bei der Regensburger Tafel wieder im Mittelpunkt stehen. (Foto: Daniel Vogl/dpa)

Die Vorständin der Regensburger Tafel soll 200 000 Euro für sich abgezweigt haben. Wie konnte das passieren? Das fragen sich die Tafel-Mitarbeiter jetzt und wollen einiges ändern.

Von Lisa Schnell, Regensburg

Natürlich werde jetzt vieles anders laufen, sagt Georg Forster. Schließlich war es ein handfester Skandal, der die Regensburger Tafel da erschütterte. Erst durchsuchte die Staatsanwaltschaft ihre Räume, dann verhaftete sie ihre Vorständin, Jonah L., wegen des Verdachts auf Untreue. Und schließlich bestätigte L. die Vorwürfe in einem Geständnis und erweiterte sie auch noch. Nicht 69 000 Euro, wie bisher angenommen, sondern ganze 200 000 Euro soll sie der Tafel entwendet haben, eine Frau, die nicht nur der Tafel in Regensburg vorstand, sondern auch stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands war. Aufgrund des Geständnisses muss sie nun nicht mehr in U-Haft sitzen, das Vertrauen in sie aber, das etwa Georg Forster, Schriftführer der Tafel, lange noch hatte – es ist dahin.

Vertrauen wollen sie bei der Tafel in Zukunft schon auch noch, ein bisschen mehr Kontrolle aber soll es auch geben.  Denn bis jetzt war das so: Jonah L. war die einzige Vorständin, nur sie konnte die wichtigen Unterschriften unter Dokumente setzen, niemand durfte sie vertreten. Und ein Vier- oder gar Sechs-Augen-Prinzip etwa bei finanziellen Entscheidungen gab es offenbar nicht. Forster gibt das ganz deutlich zu: „Unsere Satzung war nicht besonders gut ausgearbeitet.“ Das aber solle sich nun ändern. „Wir wollen durchgängig ein Vier- oder Sechs-Augen-Prinzip einführen, um persönliche Bereicherungen auszuschließen“, sagt er. Auch eine Vertreterregelung soll es in der neuen Satzung geben, um zu verhindern, dass eine Person alleine weitreichende Befugnisse hat. Für die Ausarbeitung der Satzung werde nun ein Anwalt engagiert. Sie brauchen eh einen, um Einblick zu bekommen in die Akten.

Wie ihre Chefin die Tafel und damit irgendwie ja auch sie, die Mitarbeiter, geschädigt haben soll, erfahren sie bisher nur aus der Zeitung, sagt Forster. Von einem digitalen Konto ist da zu lesen, das L. eingerichtet und Spendern als Konto der Tafel genannt haben soll. Sie und ihr Mann sollen einen luxuriösen Lebensstil geführt haben und das, obwohl sie beide nicht gearbeitet hätten. L. sei finanziell so gut abgesichert, dass sie sich ganz der Tafel widmen könne, so hörte man das über sie, als erste Gerüchte aufkamen. Selbstlos klang das. Dass sie auch deshalb finanziell so gut dagestanden haben könnte, weil sie sich bei der Tafel wenig ehrenamtlich bedient haben könnte, glaubte damals noch kaum einer.

Nun ist das anders, nun muss die Tafel in Regensburg sich wieder neu sortieren, alleine schon wegen der rund 5000 Bedürftigen, die sie nach eigenen Angaben wöchentlich versorgt. Am 8. September wollen sie wieder öffnen, sagt Forster. Eine Woche früher als eigentlich geplant. Auch das war ein Kritikpunkt an Jonah L. Seitdem sie Vorständin war, sollen sich die Schließzeiten der Regensburger Tafel erheblich ausgedehnt haben. Die gesamten Schulferien etwa war sie geschlossen, nur in den Sommerferien machte sie statt sechs, nur vier Wochen zu. Keine Tafel in Deutschland schließe so lange, behauptete der Vorsitzende eines anderen gemeinnützigen Vereins in Regensburg. Ob das wirklich so ist, kann nicht überprüft werden. Andere Tafeln aber, das konnte erfahren, wer sich ein wenig umhörte, haben durchaus länger geöffnet.

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Auch das wollen sie womöglich ändern, sagt Forster. Zwar kämen während der Ferien weniger Kunden, man könnte aber überlegen, etwa bei zweiwöchigen Ferien nur die Hälfte der Zeit zu schließen. Er wolle da aber nicht vorgreifen, sagt Forster, für solche Entscheidungen brauche es einen Mitgliederbeschluss. Wobei man bei der nächsten großen Herausforderung ist, die die Tafel in Regensburg zu meistern hat: Sie benötigt wieder einen Vorstand. Zunächst wird es wohl ein Notvorstand werden, sie haben das gerade beim Registergericht beantragt, sagt Forster. Der soll nur begrenzte Befugnisse haben: Er darf Spendenquittungen ausstellen, einen Anwalt beauftragen und eine Mitgliederversammlung einberufen, die später den richtigen Vorstand wählt.

Bis dahin könnte es noch ein wenig dauern, sagt Forster. Jetzt sei erst einmal wichtig, dass sie wieder öffnen: „Die Motivation ist groß.“ Trotz des Imageschadens seien keine Ehrenamtlichen abgesprungen. Dass ihr Team von rund 25 Mitarbeitern kleiner geworden ist, liege daran, dass sie keine Asylbewerber oder solche vom Bundesfreiwilligendienst mehr beschäftigen. Sich um sie zu kümmern, dafür fehlten einfach die Kapazitäten, sagt Forster: „Wir müssen uns jetzt auf das Kerngeschäft konzentrieren.“ Denn bei der Regensburger Tafel, das konnte man fast vergessen die letzten Wochen, geht es ja vor allem um eins: Menschen, die Hunger haben, Essen gebe. Von Montag an können sie das wieder tun.

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