Dass ein Stadtrat mal von einem Skandal spricht, ist nicht allzu ungewöhnlich. Dass dieser mehrmals von der Oberbürgermeisterin dazu angehalten wird, doch bitte ruhig zu sein, ist schon bemerkenswerter. Noch ungewöhnlicher ist es, wenn der Hinweis auf einen Skandal klammheimlich von der Stadtverwaltung aus dem Protokoll gelöscht wird, wie in Regensburg geschehen. Da lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Das hat regensburg-digital, ein bekannter Regensburger Blog, getan. Was dabei herauskam, ist, wenn nicht ein Skandal, dann doch äußerst unangenehm für die Stadt Regensburg. Es geht um den Stadtteil Keilberg, genauer um den Hollerweg. Dort sollte ein Wohngebiet entstehen vor allem für Menschen mit geringem Einkommen, für Genossenschaften und Ehrenamtliche. Tolle Idee. Die Umsetzung scheint weniger toll gelaufen zu sein.

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2022 kaufte die Stadt Regensburg für dieses Vorhaben neben einem schon erworbenen Gebiet mehr als zwei Hektar Land. Wie viel sie dafür genau ausgab, will die Stadt nicht sagen, laut Matthias Wanninger, dem Leiter des Liegenschaftsamts, lag der Preis unter dem damaligen Bodenrichtwert von 300 Euro pro Quadratmeter. Im Millionenbereich wird der Preis sicher gelegen haben, man munkelt von etwa sechs Millionen Euro. Sechs Millionen Euro, das ist nicht viel Geld für ein Baugebiet, nur gibt es da ein kleines Problem: Es ist kein Baugebiet, sondern ein Biotop. Statt Wohnungen wachsen dort nur die Heidenelke und Sandmagerrasen.
„Das ist eine sehr unschöne Situation“, so drückte es Wanninger vom Liegenschaftsamt aus. Man könnte auch sagen: Hier ist gehörig was schiefgelaufen. Offenbar lagen der Stadt zum Zeitpunkt des Kaufs zwar Unterlagen vor, auf denen Biotope ausgewiesen sind, allerdings waren diese Kartierungen veraltet. Darauf, so ist das in einem Beschluss zur Aufstellung des Bebauungsplans nachzulesen, ist die Stadt vor dem Kauf auch hingewiesen worden.
Eine neue Kartierung wurde offenbar nicht vorgenommen. Zwar gab es Besichtigungen vor Ort, etwa durch das Liegenschaftsamt, das Bauordnungsamt und das Stadtplanungsamt. Für die Beteiligten aber sei nicht erkennbar gewesen, ob Sandmagerrasen vorlag, teilt die Stadt mit. Die Wiese sei regelmäßig gemäht worden, daher sei kein Biotop vermutet worden. Zudem sei Sandmagerrasen äußerst selten in Regensburg und nur im Frühjahr durch Experten gut zu erkennen.
Der Biologe Albrecht Muscholl-Silberhorn ist da anderer Meinung: „Ein totaler Schmarrn“ sei das, sagte er regensburg-digital. In nur einer Stunde auf dem Areal hätten er und Kollegen vom Bund Naturschutz mehr als genug Hinweise für ein Biotop gesammelt. Die Stadt hatte damals offenbar keinen Experten wie ihn geschickt.
In Zukunft werde die Stadt bei derartigen Geschäften das Umweltamt hinzuziehen, verspricht der Leiter des Liegenschaftsamts. Auf den verbliebenen Flächen, die für Wohnungsbau genutzt werden können, soll nun dichter gebaut werden, um den Schaden zu minimieren. Statt 400 Wohnungen würden nun etwa 360 entstehen. Und nebenan wächst auf einem Gebiet, für das die Stadt Millionen ausgegeben hat: die Heidenelke.

