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Regensburg:Ein aufsehenerregender Erreger

"Der Erreger" heißt die Skulptur des Berliner Künstlers Götz Lemberg, die bereits seit 2016 auf dem Gelände der Universitätsklinik Regensburg steht und von der Form her an das Coronavirus erinnert.

(Foto: Götz Lemberg)

Eine Skulptur aus dem Jahr 2016 sieht aus wie das Coronavirus. Der Künstler Götz Lemberg bestreitet jedoch, hellsichtig zu sein.

Von Hans Kratzer, Regensburg

"Sag mal, bist du ein Hellseher?" In den vergangenen Monaten ist diese Frage immer wieder an den Berliner Künstler Götz Lemberg herangetragen worden. Die allgemeine Neugier hatte durchaus ihre Berechtigung. Um das alles zu verstehen, muss man sich allerdings auf das Gelände des Universitätsklinikums Regensburg begeben, wo vor dem Trakt der Virologie seit einigen Jahren eine Skulptur die Blicke der Passanten auf sich zieht. Sie wirkt massiv und schwer, ihre Spiegelungen verleihen ihr aber auch eine gewisse Leichtigkeit.

Die Form des Gebildes kommt einem auf den ersten Blick irgendwie bekannt vor. Ist das etwa das Modell eines Coronavirus? Dieser Plagegeist ist ja von Natur aus so winzig, dass er für das menschliche Auge unsichtbar ist. Und doch weiß man mittlerweile aus wissenschaftlichen Abbildungen, dass das Virus ungefähr die Form jener Skulptur hat, die der Künstler Lemberg in Regensburg aufgestellt hat. Die stachelige Kugel ist aus poliertem Edelstahl geformt. Sie ist 1,38 Tonnen schwer und trägt den passenden Namen "Der Erreger". Dass Lemberg hellseherische Fähigkeiten angedichtet werden, hat also einen einfachen Grund: Die Plastik, die so große Ähnlichkeit mit dem Modell des Coronavirus hat, wurde freilich schon im Jahr 2016 aufgestellt. Vier Jahre vor dem Ausbruch der Pandemie.

"Ich erlebe zwar manchmal helle Momente, aber hellsichtig bin ich wirklich nicht", sagte der Künstler lachend, als die SZ ihn anrief, um mehr über die Entstehung dieses kuriosen Kunstwerks zu erfahren. Lemberg erzählte, er habe sich damals mit seinem Werk bei einem Wettbewerb "Kunst am Bau" des Staatlichen Hochbauamts durchgesetzt. Auch wenn das Auftauchen des Coronavirus noch in weiter Ferne lag, habe er doch schon jahrelang das Modell eines Virus vor Augen gehabt. "Ich bin seit jeher fasziniert von biomedizinischen Fotografien und Bildern." Und so schuf er lange vor Corona die abstrahierte Form eines unsichtbaren Virus, das er in einer millionenfachen Vergrößerung anschaulich machen wollte. Die Arbeit habe nicht nur einen unmittelbaren Bezug zum Ort und zu dessen Nutzung, sondern sie verbinde auch das Spannungsfeld von medizinischer Versorgung und Forschung, lautete damals die Begründung der Jury.

Lemberg ist vor allem mit Licht- und Klanginstallationen bekannt geworden. Bei der Feier des 20-jährigen Bestehen des Gasteig-Kulturzentrums in München im Jahr 2005 beeindruckte er die Besucherschar mit einer Lichtshow. Schon damals beschäftigte er sich mit der Frage, wie man "etwas sichtbar macht, was wir sonst gar nicht sehen können". Seine Skulptur erweist sich bei längerer Betrachtung als eine raffinierte Lösung des Problems. Auf der glatten Oberfläche spiegeln sich nämlich die Betrachter und die Umgebung in verzerrter Form. Auch das Virus, das sich in die menschlichen Zellen einschleicht, zeigt sich keineswegs symmetrisch und rund, sondern "ein bisschen wobbelig", wie ein Forschungsteam der Universität Würzburg herausgefunden hat.

"Die Krümmung verzerrt, und das tut das Virus auch", sagt Lemberg dazu. Erst vor Kurzem habe ihm das Staatliche Bauamt mitgeteilt, es träfen immer noch Reaktionen auf das Kunstwerk ein, das es "in dieser Form bisher noch nicht gab."

Die Herstellung, das gibt er zu, sei eine Materialschlacht gewesen. Lemberg fand in Deutschland keine Firma, die sein Modell handwerklich umsetzen konnte. Erst nach einem halben Jahr hatte er Erfolg. Ein alter Metallbauer wusste noch, wie man so eine Riesenkugel anfertigt. "Da sieht man einmal, was in einem Industrieland mit dem Fokus Massenproduktion nicht mehr möglich ist, nämlich individuelle Handwerkskunst, für die ein langer Atem nötig ist." Die Herstellung dauerte ein Jahr.

Seine Skulptur, sagt Lemberg, lenke den Blick auf Themen, die jede Forschung und Krankheit begleiten. Es gehe um die Bedeutung der kleinsten Teile, die uns seit dem Ausbruch der Pandemie zu einem genauen Blick auf die komplizierten Zusammenhänge in der Welt zwingen.

© SZ vom 18.05.2021/van/syn
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