bedeckt München 17°

Regensburg:Landesausstellung zeigt das Ende der alten Welt

Bayerische Landesausstellung

Eine Büste von König Ludwig II. neben einem einem Bild mit dem aufgebahrten König steht in der Bayerischen Landesausstellung.

(Foto: dpa)

Die neu eröffnete Landesausstellung "Götterdämmerung II" knüpft da an, wo die Ausstellung über Ludwig II. vor zehn Jahren endete. Sie schildert das Versagen der Eliten, die Dummheit und Borniertheit, die in den Ersten Weltkrieg führte.

Von Hans Kratzer, Regensburg

Beim Leichenbegängnis für König Ludwig II. am 19. Juni 1886 hat sich eine Szene zugetragen, deren Dramatik an Hollywood erinnert. Bevor der Sarg in die Münchner Michaelskirche getragen wurde, sammelte sich am blauen Himmel plötzlich schwarzes Gewölk. Und schon fuhr ein mächtiger Blitz herab, dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte. Durch den Luftdruck wurden mehrere Menschen an die Kirchenmauer geschleudert. "Das war das himmlische Finale zu dem irdischen Trauerakte", war später in der Zeitung über diese unheimliche Begebenheit zu lesen, die den Mythos des Königs zusätzlich befeuerte. Die Münchner Bevölkerung raunte sich zu, in jenem Moment habe Gott seinen Zorn über jene zum Ausdruck gebracht, die ihren König erledigt hätten.

Natürlich ranken sich um die an diesem Mittwoch in Regensburg eröffnete Bayerische Landesausstellung auch solche Geschichten. "Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen!" Dies schrieb der König 1876 selber an eine Schauspielerin. Der Satz erklärt die nicht nachlassende Faszination, die diesem Menschen entgegengebracht wird. Vor zehn Jahren lockte die Landesausstellung zum Thema Ludwig II. mehr als eine halbe Million Menschen nach Herrenchiemsee, ein einsamer Rekord.

Bayerische Landesausstellung

Mode einer Exzentrikerin: Dieses um 1889 angefertigte Kleid trug Kaiserin Elisabeth von Österreich bei besonderen Anlässen. Es ist aus Seidengaze, Seidentaft und Baumwolle gefertigt.

(Foto: dpa)

Die jetzige Schau knüpft zeitlich genau dort an. "Wir fangen da an, wo Herrenchiemsee endete", sagt Richard Loibl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte. Und so stehen die Besucher in der ersten Station sogleich mitten im Leichenzug, der medial geschickt inszeniert ist. Der dunkle Raum ist umhüllt von einer getragenen Trauermusik, auf einer großen Leinwand prangen Fotografien, auf denen das Großereignis dokumentiert ist. Die Straßen von der Residenz zur Michaelskirche waren schwarz vor Menschen. Zu sehen ist auch jene außergewöhnliche Aufnahme, die den König im Sarg zeigt, quasi aus der Vogelperspektive. In seiner rechten Hand steckt ein Strauß Jasminblüten, der von der Kaiserin Elisabeth stammte.

Damit sind wir mitten in dem Themenkomplex, der in dieser Schau abgehandelt wird. Der Titel "Götterdämmerung" ist quasi Programm: Es geht um die letzten Monarchen in Europa, die allesamt nach dem Ersten Weltkrieg zu Fall kamen. Kritiker haben moniert, es gehe schon wieder um Monarchien und Großkopferte. Die Veranstalter setzen diesem Einwand eine eindringliche Inszenierung entgegen, die sehr schnell deutlich macht, welch ein enormes Lernpotenzial jenseits der üblichen Verkitschung von Figuren wie Ludwig II. und Kaiserin Elisabeth in diesem Thema steckt. Die Tricks der Gestalter werden dabei immer ausgefeilter. Der Bodenbelag im ersten Raum gaukelt vor, in knöcheltiefem Wasser zu stehen, eine Anspielung auf Ludwigs Ende. Das Haus der Bayerischen Geschichte setzt bei dieser Schau mehr denn ja darauf, die Besucher emotional mitzunehmen, um ihnen zu zeigen, welche Lehren man aus der Geschichte ziehen kann.

Gerade bei diesem Thema ist wenig gegen spektakuläre Inszenierungen und mediales Auftrumpfen einzuwenden. Es geht um eine Zeit, die von Film und Fotografie schon sehr gut ausgeleuchtet ist. Begleitet man Richard Loibl auf einer Führung, dann merkt man, wie emotional dieses Thema sogar ihn packt, den erfahrenen Macher. Mehrmals greift er zu drastischen Worten, um sein Unverständnis über die damalige Führungselite zum Ausdruck zu bringen, die leichtfertig alles vermasselt hat und Millionen in den Tod trieb.

Das trifft durchaus auch eine wie Kaiserin Elisabeth. "Politisch war sie eine Katastrophe", belfert Loibl. Sie habe ihren Mann, Kaiser Franz Joseph, der 68 Jahre lang bestrebt war, das Großreich Österreich zusammenzuhalten, im Stich gelassen. "Der hätte eine Frau gebraucht, die ihn unterstützt. Das war ihr scheißegal."

Die Ausstellung offenbart, wie verflochten die Führungseliten in Europa waren. Fast alle waren miteinander verwandt. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. war etwa ein Enkel von Queen Victoria. Filmaufnahmen von 1913 dokumentieren, wie sich ein Jahr vor Kriegsbeginn alle bei der Hochzeit der Kaisertochter in Berlin trafen. Der Historiker Christopher Clark erregte vor Jahren Aufsehen mit seinem Sachbuch "Die Schlafwandler", in dem er schildert, wie die Eliten in den Krieg schlitterten. Die Ausstellung geht noch einen Schritt weiter als Clark und ergänzt dessen These mit dem Hinweis, dass ein einziger aus dieser Sippschaft gereicht hätte, um den Wahnsinn zu stoppen. Loibl sagt: "Es war eine Bankrotterklärung der Führungseliten."

Man wird beim Rundgang gewahr, dass die Katastrophe auch auf Dummheit und Borniertheit beruhte. Filmsequenzen zeigen, wie Potentaten eine Treppe heruntersteigen, mit ihren Federhelmen und mit ihrem Militärgegockel. Man ist beim Betrachten dieser Betonschädel sofort geneigt, von verantwortungslosen Hanswursten zu sprechen, bei allem Respekt vor der sprachlichen Verrohung der Gegenwart. Die Monarchien waren dem Untergang geweiht, sie hatten dem Wandel der Welt nichts mehr entgegenzusetzen.

Gerade der technische Wandel wird mit spektakulären Objekten demonstriert, etwa mit einem alten Motorrad, das so aussieht, als sei es gerade aus der Fabrik gerollt. Auch die neue Rolle der Frauen wird mit einer breiten Palette an starken Persönlichkeiten offengelegt. Etwa mit der Prinzessin Therese, die sich weigerte zu heiraten, was ihre Aufgabe gewesen wäre. Stattdessen wurde sie eine weltreisende Wissenschaftlerin. Es gab auch hellsichtige Persönlichkeiten, Kronprinz Rupprecht zum Beispiel, der schon 1915 erkannte, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei und seinen Vater Ludwig III. bekniete, eine diplomatische Lösung herbeizuführen. Vergebens.

Die Monarchie fiel wie ein Kartenhaus zusammen. Ein letztes Mal trat die Monarchie in Bayern 1921 beim Begräbnis Ludwigs III. und seiner Frau aus dem Schatten. Es gab noch einmal ein Staatsbegräbnis. Kardinal Faulhaber legte in seiner Predigt ein Bekenntnis zur Monarchie und gegen die Demokratie ab. Die Ausstellung lehrt zu Recht: Es war ein Webfehler der Weimarer Republik, dass die Könige gehen mussten, nicht aber die Oberschicht, die antidemokratisch eingestellt war.

© SZ vom 23.06.2021
Zur SZ-Startseite
König Ludwig II. von Bayern

Bayerische Geschichte
:Der verkannte Regent

Ludwig II. haftet das Image eines unfähigen Herrschers und bauwütigen Kunstliebhabers an. Völlig zu Unrecht: Experten bescheinigen dem bayerischen König politische Durchsetzungskraft und modern anmutende Ideen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB