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Mitten in Regensburg:Deckel-Pflicht für Kaffeetrinker

Teilgeschlossenes Lokal in München während der Corona-Krise, 2020

Viele Lokale bieten ihre Speisen und Getränke zum Mitnehmen an - um Müll zu vermeiden, immer öfter auch mit Pfand-Geschirr. Wenn die Regeln nicht zu umständlich sind.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wann ist ein Getränk mitnahmefähig? Das hat jetzt die Staatsregierung geklärt.

Glosse von Lisa Schnell

Die Grünen merkten es als erste. Schon bei den Kommunalwahlen 2020 stellten sie fest, dass sich irgendwie niemand mehr für die Umwelt interessierte. Fridays for Future? Ihh, Menschenansammlung! U-Bahn? Ahh, Ansteckung! Gerade hatte Markus Söder einen Baum umarmt und die Erkenntnis ereilt, dass der Klimawandel keine Wahnvorstellung der Grünen ist - da kam Corona. Das einzige Klima, das jetzt die Gemüter erregt, ist das Raumklima. Zwei Weltkatastrophen auf einmal hält eben keine Menschenseele aus. Verständlich.

Nur ist es leider so, dass die eine Katastrophe die andere noch verschärft. Der Müllberg nämlich, den Corona produziert, kann sich bald in die Alpenkulisse einreihen. Recyceln war gestern, das Virus verlangt die Einweg-Kultur.

Es türmen sich Einweghandschuhe, Einweganzüge, Einweg-Tests, Einwegboxen aus Styropor, aus Plastik oder in was unser Essen sonst gerade lauwarm nach Hause kommt, um sich in einem für ein einziges Pizzastück angeschmissenen Ofen wieder zu erwärmen. Ja, sogar Recycling-Kaffee-Becher, deren Sinn darin besteht, beim nächsten Geschäft wieder abgegeben und damit nicht weggeschmissen zu werden, bekommen von Corona einen Plastikdeckel aufgedrückt.

Oder besser: von der Stadt Regensburg. Die nämlich legte die Infektionsschutzmaßnahmenverordnung auf ganz besondere Weise aus. "Mitnahmefähig" müsse ein Getränk sein, steht da und - Regensburger Logik - wer nimmt schon einen Becher ohne Plastikdeckel mit? Ist doch verwirrend. Könnte man ja meinen, der Kaffee-to-go sei ein Kaffee-to-stay. Ein Risiko, das mit einem Bußgeld von bis zu 25 000 Euro verhindert werden musste.

Das wiederum stiftete wirklich Verwirrung, etwa bei den Grünen, die jetzt die Möglichkeit hatten, gleichzeitig über Corona, das alle interessiert, und die Umwelt, die sie interessiert, zu reden. Sie fragten bei der Staatsregierung nach und erfuhren: Es kommt nicht darauf an, wie der Kaffee bedeckt ist, sondern darauf, dass er mitgenommen wird. Deshalb gibt es in Regensburg jetzt statt einer Deckel-Pflicht eine Deckel-Empfehlung, die Grünen konnten mal wieder von der Umwelt reden und der Corona-Müllberg erreicht die Höhe der Zugspitze nun also nicht schon im Mai, sondern erst im Juni.

© SZ vom 22.04.2021/infu
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