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Regensburger Domspatzen:Die Vergangenheit lässt die Domspatzen nicht los

Lange Zeit "hatten wir keine Chance zu sagen, dass es heute anders ist, ohne durch den Wolf gedreht zu werden", sagt Büchner, "jeder Hinweis darauf, wie es heute ist, wurde als Rechtfertigung für die Fehler von damals gewertet. Das hat sich inzwischen gedreht."

Und trotzdem: Die Vergangenheit lässt ihn nicht los. "Es tut weh", dass die jetzigen Schüler mit dem Missbrauch von damals in Zusammenhang gebracht werden. "Mir geht das voll an die Nieren", sagt Büchner, der dabei ist, wenn sich an diesem Montag die Vertreter der Opfer von damals mit den Bistumsverantwortlichen von heute treffen, um über Entschädigungszahlungen zu reden und darüber, was das Bistum tun kann, damit es nie wieder so weit kommt wie damals.

Nichts soll mehr unter den Tisch gekehrt werden

"Wir reden ständig mit den Schülern, wir versuchen nichts zu nivellieren, wir sagen ihnen, was damals abgegangen ist", versichert Büchner. Für ihn, den Stimmenausbilder, hat das Stimmtraining eine zweite Dimension bekommen. Für ihn gibt es nicht mehr nur das Training der Singstimmen. Für ihn geht es auch darum, dass die Kinder eine Stimme kriegen, falls es wieder zu einem Übergriff kommen sollte. "Sie wissen, dass es heute nicht mehr so ist wie früher. Sie wissen aber auch, dass sie sich rühren dürfen, wenn sie jemand unsittlich berührt", sagt Büchner.

Eine Stunde später, das Vorsingen hat begonnen. Wieder steht Büchner am Klavier, neben ihm Antonius von Rohr, gescheiteltes Haar, kariertes Hemd unterm Pulli. Büchner stemmt die Arme in die Hüften, dreht die Handgelenke nach oben, er steht jetzt da wie ein Gorilla. "So geht der Brustton besser durch", sagt Büchner. Auch Antonius geht in Gorilla-Stellung, fängt an zu singen. Der Zwölfjährige besteht den Test, der Kapellmeister ist begeistert, genauso wie Antonius' Vater, gescheiteltes Haar, kariertes Hemd unterm Sakko.

"Fördern und fordern", sagt er, sei die Aufgabe der Eltern, und beides, findet Guido von Rohr, biete die Ausbildung bei den Domspatzen. Was damals war, sagt er, darüber habe er mit seinem Sohn gesprochen. Ein Grund, ihn deswegen nicht zu den Domspatzen zu schicken, sei die Vergangenheit nicht: "In den christlichen Handwerkskasten gehört auch das Werkzeug des Vergebens und des Neuanfangs."

Mit dem neuen Gymnasium soll ein Stück Vergangenheit verschwinden

Peter Lutz, Brille, Marco-Reus-Frisur, Bartansatz, wird im Sommer Abi machen, dann endet seine Zeit bei den Domspatzen. Mit den Vorfällen von damals hat er nichts zu tun - mit den Vorurteilen von heute muss er trotzdem leben. Manche Spatzen erzählen, dass sie sich dummes Zeug von Altersgenossen anhören müssen, heftige Sprüche wie: Na, heute schon vergewaltigt worden? "Man hört nur: Missbrauch, Missbrauch, Missbrauch", sagt Lutz, "aber man wird damit fertig".

Er steht immer noch im Altbautrakt, am Ende des Internatsflurs. "Das hier kommt alles weg", sagt Lutz, zurzeit wird ja ein neues Domspatzen-Gymnasium gebaut. Sobald es fertig ist, wird der Altbau abgerissen, er wird verschwinden - und mit ihm ein Stück Vergangenheit.

© SZ vom 01.02.2016/vewo
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