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Regensburg Ehemaliger Domspatz klagt an: Missbrauch auch unter Schülern

Die Regensburger Domspatzen sind berühmt, der Chor singt überall auf der Welt. Der Missbrauchsskandal warf einen Schatten auf die Institution, das Bistum bemühte sich spät um die Aufarbeitung.

(Foto: Armin Weigel/dpa)
Von Andreas Glas, Regensburg

Es ist jetzt acht Monate her, dass Ulrich Weber seinen Schlussbericht zu Gewalt und Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen vorgelegt hat. Es waren unfassbare Zahlen, die der Sonderermittler präsentierte: Über Jahrzehnte hinweg haben Priester und Lehrer insgesamt 547 Buben Gewalt angetan und 67 Chorknaben sexuell missbraucht. Der Bericht war ein Schock, trotzdem spürte Generalvikar Michael Fuchs "ein wenig Erleichterung", dass die Zahlen endlich dokumentiert waren. Auch manches Opfer sprach von der Hoffnung auf einen "Schlussstrich". Doch seit Dienstagabend gibt es erneut Vorwürfe im Domspatzen-Skandal.

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In einem Bericht des ARD-Magazins "Report Mainz" erzählt ein früherer Domspatz, dass er zwischen 1987 und 1992 mehrfach schwer sexuell missbraucht worden sei - und zwar nicht von Priestern oder Lehrern, sondern von seinen Mitschülern. Er sagt: "Ich weiß, dass es System hatte und auch gängige Praxis war, dass ältere Schüler sich an jüngeren Schülern vergriffen haben." Die Übergriffe hätten auf Konzertreisen stattgefunden, dazu in den Zimmern, Waschräumen und im Schwimmbad des Internats.

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In dem Fernsehbericht geht es um die Frage, ob sich das Bistum bei der Aufarbeitung des Domspatzen-Skandals zu einseitig auf Gewalt und Missbrauch durch Priester und Lehrer konzentriert hat und systematische Übergriffe von Schülern auf Schüler bewusst unter der Decke hielt.

Um einer Antwort näher zu kommen, muss man sich mit dem 425 Seiten dicken Schlussbericht des Sonderermittlers befassen. Darin schreibt Ulrich Weber, dass "die sexuelle Gewalt unter Mitschülern (...) nicht Bestandteil der Aufklärungsarbeit" gewesen sei. Er schreibt allerdings auch, dass "zahlreiche Opfer sowohl über freiwillige sexuelle Kontakte zwischen den Schülern als auch von sexuellem Missbrauch unter Schülern" berichteten. In einer anderen Passage heißt es dagegen, dass von solchen Vorfällen "nur einige Schüler Kenntnis" gehabt hätten.

Den Vorwurf, Übergriffe von Schülern auf Schüler verschwiegen zu haben, kann man dem Bistum also nicht machen. Wie umfassend derartige Übergriffe waren, darauf liefert der vom Bistum in Auftrag gegebene Schlussbericht aber tatsächlich keine konkreten Antworten. Den Eindruck, dass Missbrauch und Gewalt zwischen Schülern systematisch gewesen sei, könne er nicht bestätigen, sagt Ermittler Ulrich Weber am Mittwoch auf Nachfrage. Mit Blick auf den ARD-Bericht sagt er: "Wären eine Vielzahl solcher erheblicher Vorwürfe gekommen, hätten diese auch einen entsprechenden Raum in meinem Bericht bekommen."

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Im Laufe seiner zweijährigen Recherchen seien "weniger als zehn" frühere Chorknaben aktiv auf ihn zugekommen, um von eigenen Gewalterfahrungen durch Mitschüler zu erzählen. Keiner davon habe über derart schwere sexuelle Gewalt berichtet, wie sie nun in dem Fernsehbericht geschildert wurde. Darin wird auch der Missbrauch eines elfjährigen Schülers durch einen Abiturienten erwähnt. Dieser fand allerdings außerhalb des Internats statt. Der Täter, der nach seiner Schulzeit einen weiteren Buben missbrauchte, wurde Ende 2016 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Warum hat Ermittler Weber vom Bistum keinen expliziten Auftrag erhalten, auch Missbrauch und Gewalt unter Domspatzen-Schülern aufzuklären? Auf SZ-Anfrage verspricht der Bistumssprecher zunächst einen Rückruf. Stattdessen kommt dann aber nur eine schriftliche Erklärung. Darin widerspricht das Bistum dem Vorwurf, es habe Übergriffe von Schülern auf Schüler bei der Aufklärung nicht genug berücksichtigt.

Das Bistum verweist darauf, dass im Schlussbericht auch "Straftaten unter Schülern" dokumentiert seien. Zusätzlich werde "dieses Thema (...) derzeit im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Studie geprüft", die man bei der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden in Auftrag gegeben habe. Dort, sagt Aufklärer Weber, sei das Thema sehr gut verortet. Laut Bistum ist geplant, die Ergebnisse der Studie im März 2019 zu veröffentlichen.

Weiter teilt das Bistum mit, dass sich der Domspatz aus dem ARD-Bericht bereits vor acht Jahren bei der Diözese gemeldet habe. Die Diözese habe den Fall an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Wie es dann weiterging, konnte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch auf die Schnelle nicht beantworten. Laut Bistum hat sich der Betroffene im Mai 2015 ein zweites Mal gemeldet. Die Einladung zum Gespräch habe er jedoch "nicht angenommen". Der Missbrauchsbeauftragte werde nun erneut versuchen, Kontakt mit dem Betroffenen aufzunehmen und ihm "Hilfe anbieten".

Auch Alexander Probst, 57, nimmt das Bistum gegen die neuerlichen Vorwürfe in Schutz. Er war einer der ersten, der 2010 öffentlich machte, dass er als Domspatz verprügelt und sexuell missbraucht wurde. Als Opfervertreter gehört er dem Aufarbeitungsgremium um Domspatzen-Internatsdirektor Rainer Schinko und Bischof Rudolf Voderholzer an. Es habe ihm "furchtbar leid" getan, als er den früheren Domspatz im ARD-Bericht reden hörte, sagt Probst. Doch hätte der Betroffene "viele Jahre Zeit gehabt, dem Bistum seinen Fall zu schildern und Beweismaterial vorzulegen". Hätte er dies getan, "hätte das sicher auch Platz im Abschlussbericht von Herrn Weber gefunden", sagt Probst.

Hat das Bistum vielleicht nicht klar genug formuliert, dass sich neben der Opfer von Priestern und Lehrern auch Opfer von Mitschülern bei Aufklärer Weber melden dürfen? "Das könnte man sich vielleicht denken", sagt Probst, "aber ich bin mir sicher, dass diesen Dingen in der sozialwissenschaftlichen Studie nachgegangen wird". Er kenne den Zwischenstand dieser Studie, sagt Probst, sie wirke "sehr umfassend". Den Vorwurf, dass Gewalt unter Mitschülern bei den Domspatzen systematisch gewesen sei, hält Probst für gerechtfertigt. Wenn Übergriffe über einen längeren Zeitraum hinweg stattfinden, "steckt da immer ein System dahinter".

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