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Neues Buch:Tiefere Einblicke ins System Domspatzen

Die Regensburger Domspatzen, hier bei einem Konzert aus dem Jahr 2009.

(Foto: Tobias Gerber/laif)

Zwei Historiker schreiben den Abschlussbericht über den Regensburger Missbrauchsskandal fort. Was machte den Wahnsinn möglich? Eine Antwort steckt schon im Buchtitel: "Der Chor zuerst".

Zwei Jahre ist es her, dass Ulrich Weber das Fenster zur Hölle öffnete. "Hölle", so nannten frühere Chorknaben ihre Zeit bei den Regensburger Domspatzen. In seinem Abschlussbericht zum Domspatzen-Skandal gab Rechtsanwalt Weber den Opfern eine Stimme. Er identifizierte 49 mutmaßliche Täter, die über Jahrzehnte hinweg 547 Buben misshandelten, 67 Buben sexuell missbrauchten. Nun erscheint ein Buch, das Webers Bericht fortschreibt. Eine Milieustudie, die nach den historischen, organisatorischen und strukturellen Ursachen fragt, die den Wahnsinn möglich machten. Eine Antwort steckt schon im Titel, den die Historiker Bernhard Löffler und Bernhard Frings ihrem Buch gegeben haben: "Der Chor zuerst".

Der Erfolg und die Finanzierung des Chores "standen stets im Zentrum und waren wichtiger als individuelles Wohlergehen der Schüler oder eine kindgerechte Pädagogik", sagte Löffler im Sommer, als er die Studie bei einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit präsentierte. Das gut 400 Seiten dicke Buch gibt nun noch tiefere Einblicke ins System hinter dem Skandal. Der untersuchte Zeitraum: 1945 bis 1995.

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Das erste große Kapitel skizziert die innere Struktur der Domspatzen. Von "Polykratie" ist die Rede, von Konkurrenzkämpfen der Entscheider, unklaren Verantwortlichkeiten zwischen Trägern, Aufsicht und Leitern der Vorschule in Etterzhausen (seit 1946/47) und Pielenhofen (von 1981 an), des Regensburger Musikgymnasiums sowie der Domspatzen-Internate. Diese Gemengelage ist für die Autoren der Boden für jahrzehntelange Gewalt und Missbrauch. Die Täter konnten demnach in den "Dunstschleiern eines Organisationssystems agieren, das für viele nicht zu durchdringen und zu durchschauen war".

Über dem Polykratie-Chaos schwebten der Studie zufolge die Chöre, die lange von nur zwei Domkapellmeistern geleitet wurden: Theobald Schrems (1924 bis 1963) und Georg Ratzinger (1964 bis 1994). In Schrems' Persönlichkeit sehen die Autoren den Ursprung der Maxime, dass der Chorerfolg über dem Heil der Kinder stand. Er sei getrieben gewesen "von musikalischem Sendungsbewusstsein und großem persönlichen Ehrgeiz". In seiner Ära gelangten die Domspatzen zu Weltruhm. Mit Blick auf den früheren Vorschulleiter Hans Meier ist von "Sadismus und Allmachtsfantasien" die Rede. Ratzinger charakterisieren die Autoren weniger brutal, aber ebenfalls als ehrgeizig und musikbesessen. Wie Schrems soll auch Ratzinger jahrelang nichts unternommen haben - trotz Kenntnis von Gewalt und Missbrauch. Um eben den Ruf des Chores nicht zu gefährden, wurden die Missstände so gut es ging unter der Decke gehalten. Auch die Rolle der Eltern und Medien nehmen die Autoren hierbei kritisch in den Blick.

Im weiteren Verlauf nennt das Buch etliche Faktoren, die das System begünstigten. Etwa die mangelnde pädagogische Ausbildung der Lehrer und Präfekten, deren Traumata infolge des Krieges, deren Überforderung durch chronischen Personalmangel. Schließlich widmet sich die Studie auch dieser Frage: Entsprach die Gewalt bei den Domspatzen schlicht dem, was "normal" oder erlaubt war - zumindest bis in die Siebzigerjahre, bis sich die Zustände langsam besserten? Die Antwort der Autoren: teils ja. Doch gebe es zahlreiche Fälle von "brutalen, sadistischen Prügeleien", die schon damals die Vorstellungen von Strafe sprengten und verboten waren; Missbrauch sowieso.

Bernhard Frings, Bernhard Löffler: Der Chor zuerst. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2019. 424 Seiten, 24,95 Euro.

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