Regensburg gilt als wohlhabende Stadt. Das historische Zentrum ist als Unesco-Welterbe bekannt, die Universität zieht jährlich zahlreiche Studierende an. Doch im Schatten der Prachtbauten zeigt sich eine Seite, die oft ungesehen bleibt: Regensburg hat mit Armut zu kämpfen. Doch wie passt der sichtbare Wohlstand mit der hohen Armutsgefährdung zusammen?
Eine Frage, auf die das Team des 2025 veröffentlichten Armutsberichts für Regensburg immer wieder gestoßen ist. Jan Igloffstein, Mitautor des Berichts, erklärt: „Erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen und eine romantische Altstadt in gutem Zustand führen erst mal nicht dazu, dass der Einzelne mehr Geld im Geldbeutel hat.“
Der Regensburger Armutsbericht enthält zahlreiche Interviews mit Helfern und Betroffenen. „Wir wollten nicht über die Menschen, sondern mit ihnen reden“, erläutert das Ina Schildbach, Politikprofessorin an der OTH Regensburg und Projektleiterin des Armutsberichts. Dieser Ansatz hatte es dem Team ermöglicht, hinter die Zahlen zu blicken und die Armut in all ihren Facetten zu begreifen – auch vonseiten, die den Beteiligten zuvor selbst in dieser Form nicht bewusst waren.
Es ist eine Abwärtsspirale aus Armut, Scham und Einsamkeit.Ina Schildbach, Politikprofessorin an der OTH Regensburg
„Ich habe das Gefühl, Armut kann man riechen.“ Dieser Satz eines Befragten ist der Projektleiterin besonders im Gedächtnis geblieben. „Armut ist im Kern zwar ein materielles Problem, das sich dann aber in sämtlichen Lebenssphären verselbstständigt“, erklärt sie. Es handle sich oft um gebrochene Biografien: Menschen würden sich aus Scham aus der Gesellschaft zurückziehen. Sie spürten genau, dass man ihnen die Armut ansieht.
„Es ist eine Abwärtsspirale aus Armut, Scham und Einsamkeit, die letztlich darin mündet, nicht mehr teilhabefähig zu sein“, so die Projektleiterin. Viele Betroffene würden kaum noch soziale Kontakte pflegen. Ihre einzige Brücke zur Außenwelt sei oft der Gang zur Tafel. Diese psychologische Komponente sei im bisherigen Armutsdiskurs völlig unterbelichtet, so Schildbach.

Die Isolation steht im Kontrast zu den bestehenden Teilhabe-Angeboten in Regensburg. Dazu gehört der Sozialpass, der es Menschen ermöglichen soll, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen; bei Kultur- und Sportveranstaltungen werden vergünstigte Tarife angeboten. Trotzdem werden solche Leistungen oft nicht angenommen – teils aus Unwissenheit, mehr jedoch aufgrund der Scham. „Ich kann da nicht hin, was soll ich da anziehen? Man sieht es doch schon an meinen Zähnen, dass ich arm bin.“ Sätze wie diese liest man immer wieder in den Interviews im Armutsbericht.
„Die Leute haben das Gefühl, sie werden als arm gelesen“, sagt Igloffstein. Nach seiner Erfahrung nehmen sich Betroffene oft nicht mehr als Teil der Gesellschaft wahr und glauben, kein Anrecht auf Angebote zu haben. Damit gehe Armut weit über das Materielle hinaus: Sie sei ein tiefgreifendes Phänomen, welches das Selbstbild nachhaltig präge. Eine rein finanzielle Unterstützung reiche daher auch nicht aus; vielmehr sei eine niederschwellige soziale und psychologische Begleitung entscheidend.

Der Regensburger Armutsbericht bleibt deshalb nicht bei der Analyse stehen. Auch Handlungsempfehlungen werden präsentiert, welche durch den engen Kontakt mit Helfenden ausgearbeitet wurden. Igloffstein sieht den Bericht deshalb auch als Plattform zur Vernetzung. So sei das Projekt zum Bindeglied verschiedener Akteure geworden. „Es gibt viele Einzelkämpfer, die sich an Betroffene richten“, erklärt er. Doch die vielen einzelnen Hilfsangebote würden sich nur selten zu einer koordinierten Unterstützungsstruktur fügen. Zugleich betont Schildbach: „Es ist wichtig, dass die Politiker trotzdem aktiv werden und den Bericht nicht als Alibi nutzten, um zu sagen: Wir machen ja etwas.“
Regensburgs Zweite Bürgermeisterin Astrid Freudenstein erklärt, dass seitens der Stadt bereits Maßnahmen ergriffen worden seien. Die Weiterentwicklung des Sozialpasses sowie die Eröffnung eines Kontaktcafés für Frauen nennt sie als Beispiele. Zugleich müsse beachtet werden: Viele Maßnahmen wie Bürgergeld oder die Mietpreisbremse lägen nicht in der Hand der Kommune, sondern seien bundespolitische Entscheidungen.
Noch einmal 15 Jahre warten? Dieses Mal soll es anders kommen
Trotzdem bleibt Armut für die Bürgermeisterin ein zentrales Thema. Dies sei auch der Grund, warum man sich mit der OTH auf eine Fortführung des Berichts geeinigt habe. Die Arbeit geht also weiter: Das Team konzipiert bereits den nächsten Bericht, der 2028 erscheinen soll. Der Schwerpunkt wird dann auf den Themen Altersarmut, Teilhabe und Gesundheit liegen – wobei auch die Bedeutung von Sport- und Glaubensgemeinschaften im Kontext von Armut in den Blick genommen werden soll.
Mit der aktuellen Neuauflage wurde der Regensburger Armutsbericht nach über einem Jahrzehnt wieder aufgenommen. Zuletzt war er 2011 erschienen. Das „Forum gegen Armut“ hatte dieses Monitoring gefordert, um die soziale Lage sichtbar zu machen. Realisiert wurde der Bericht schließlich von der OTH Regensburg, wobei Studierende das Projekt bei Bachelor- und Masterarbeiten begleiteten und mit Daten füllten.
Neben Regensburg ist München die einzige Großstadt in Bayern, die einen Armutsbericht regelmäßig vorlegt. Eigentlich ist in der Landeshauptstadt dafür ein Turnus von vier Jahren vorgesehen, doch Personalengpässe führten zuletzt zu Verzögerungen. Ein Armutsbericht ist für Städte keine Pflichtaufgabe, begründet Regensburgs Bürgermeisterin Astrid Freudenstein das weitgehende Ausbleiben. Eine Kommune müsse sich das auch leisten können.


