Reenactment:Alles Moderne muss draußen bleiben

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"Wenn ich mich für einen Moment tatsächlich in der Zeit fühle - das ist ein Geschenk", sagt Dorothea Fischer. Im echten Leben ist sie Finanzfachwirtin. Das Reenactment sieht sie als Ausgleich zum Beruf. Ihren braunen Mantel und das Reifrock-Kleid hat Fischer selbst genäht, nach historischen Schnittvorlagen. "Zum Glück gab es um 1860 schon Nähmaschinen!"

Mit der Authentizität nimmt es der Verein sehr genau: Nichts an den Teilnehmern darf ans 21. Jahrhundert erinnern. Deshalb sind moderne Uhren und Brillen genauso verboten wie Piercings und Smartphones, fotografiert wird nur im Ausnahmefall. Nicht einmal unterhalten sollen sich die Darsteller über moderne Themen. "Wenn jemand über Autos oder Serien spricht, wird das nicht gern gesehen", sagt Bräunling.

Über unauthentische Mittelaltermärkte rümpft die Gruppe die Nase, auch Zuschauer will sie meist nicht. Anwohner hatten die Treffen der Gruppe anfangs argwöhnisch beäugt. Einmal rückte sogar die Polizei an: Ein Spaziergänger hatte Alarm geschlagen. Ältere Männer, die im Wald Krieg spielen? Da denkt die Öffentlichkeit gern an eine Horde Waffennarren.

Reenactment: Sogar die Fototechnik stammt aus dem 19. Jahrhundert. Darsteller Andreas Bräunling und Dorothea Fischer aus Egenhofen in historischem Schwarz-Weiß.

Sogar die Fototechnik stammt aus dem 19. Jahrhundert. Darsteller Andreas Bräunling und Dorothea Fischer aus Egenhofen in historischem Schwarz-Weiß.

(Foto: Peter Kubala)

"Uns wird immer wieder vorgeworfen, Kriegsverherrlichung zu betreiben", sagt einer der Teilnehmer, "das ist Unsinn." Der Krieg eigne sich nun mal gut für die Darstellung, auch deshalb, weil der Alltag der Soldaten gut dokumentiert ist. Viele Mitglieder wälzen Literatur und lesen zeitgenössische Tagebücher. Durch die Rekonstruktion bekomme man zumindest einen kleinen Einblick in die Kriegsstrapazen, sagt Bräunling. "Auch wenn wir nie die Todesgefahr der Soldaten nacherleben können: Bei nasskaltem Wetter im Freien zu sein, das lässt einen erahnen, was die Menschen damals durchgemacht haben."

Auch ein Engländer und ein Amerikaner gehörten zur Gruppe, sagen die Darsteller stolz. Sie selbst üben fleißig Englisch, den schweren deutschen Akzent können viele trotzdem kaum verstecken. Doch selbst das sei authentisch, sagt Bräunling: Der Amerikanische Bürgerkrieg sei auch Teil der deutschen Geschichte. Unter den ausländischen Soldaten waren Deutsche die zweitgrößte Gruppe.

Der Waldweg wird zur Zeitschleuse

Armen Einwanderern bezahlte man die Überfahrt nach Amerika, wenn sie sich zum Kampf verpflichteten. "Wir stellen eine Einheit aus dem Shenandoah Valley in Virginia dar", sagt Bräunling, seit Ende des 17. Jahrhunderts ein traditionelles Einwanderungsgebiet. Vielleicht waren sogar Bräunlings Vorfahren aus seinem Geburtsort Bayreuth dabei.

Viele der Darsteller kennen sich seit mehr als 20 Jahren. "Wir sitzen hier und erinnern uns. Wie Veteranen", sagt einer und lacht. Und Veteranen fällt es bekanntlich nicht leicht, in den Alltag zurückzukehren. Auch Dorothea Fischer und Andreas Bräunling nehmen sich gerne Zeit auf dem Rückweg in die moderne Welt. Ein Pfad führt zu den Parkplätzen. Für manche ist der Wald wie eine Zeitschleuse. Man hört die Hauptstraße, sieht ein Dorf in der Ferne - und ist plötzlich wieder im Jahr 2016. Nur eben mit einem Federhut auf dem Kopf.

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