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Rechtsterrorismus in Cham:"Wie ein Soldat, der ins Leere schaut"

Prozessbeginn gegen mutmaßlichen Rechtsextremisten

Bereits beim Prozessauftakt hat der 23 Jahre alte Angeklagte nicht geredet.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Fabian D. soll in seinem Elternhaus eine staatsgefährdende Straftat vorbereitet haben. Am zweiten Verhandlungstag wird aus einem Chat vorgelesen, der Einblick in die sehr spezielle Welt der "Feuerkrieg Division" gibt.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Der Hinweis kam vom Verfassungsschutz, und er klang bedrohlich. Da sei ein junger Mann aus einem Dorf in der Nähe von Cham, der plane womöglich einen rechtsextremistisch motivierten Anschlag. "Klang ziemlich brisant", sagt der Polizeibeamte aus Regensburg, der am Landgericht Nürnberg über den Angeklagten Fabian D. aussagt. Der 23 Jahre alte D. muss sich wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verantworten. Am zweiten Verhandlungstag wird er abermals gefragt, ob er sich zu dem Vorwurf äußern oder überhaupt irgendetwas sagen wolle. Fabian D., im Anzug erschienen, schüttelt nur den Kopf. Danach schaut er wieder stur geradeaus.

"Wie ein Soldat, der ins Leere schaut", so habe er das auch nach seiner Festnahme gemacht, berichtet der Chefermittler. Am 5. Februar 2020 ist D. auf einem Firmenparkplatz in Cham von Spezialkräften festgenommen worden. Ein Messer hatte der gelernte Elektriker bei sich, auch ein Handbeil im Rucksack und allerlei Schreckschusswaffen. Auf der Fahrt zu seinem Wohnort habe D. im Polizeiwagen immer nur stur geradeaus geschaut, vermutlich ziehe sich der Angeklagte auf diese Weise in sich zurück, "das ist wohl seine Art sich zu konzentrieren", sagt der Ermittler.

22 Jahre alt war D. bei der Festnahme, das Leben eines potenziellen Rechtsterroristen aber dürften sich viele wohl anders vorstellen. Im Haus bei der Mama in der Oberpfalz lebte er zu dem Zeitpunkt, in einer Einliegerwohnung. In der zeigte er sich bei der Hausdurchsuchung dann durchaus kooperativ. Zeigte den Terrorermittlern technischen Kram, den er hinter Regalen versteckt hatte und die Festplatte im Küchendunstabzug. Überrascht über seine Festnahme sei D. offenkundig nicht gewesen, sagt der Hauptsachbearbeiter der Regensburger Polizei. In einem Chat findet sich sogar der Hinweis in eigener Sache, er fliege nun wohl bald auf. Woher er das hatte? Intuition? Oder einfach Wichtigtuerei? Der Ermittler kann es sich nicht erklären.

Aus jenem Chat wird an diesem Verhandlungstag über Stunden vorgelesen, er gewährt einen Einblick in eine sehr spezielle Welt. Seit 2019 mischte D. im Chat der sogenannten Feuerkrieg Division mit, einer von einem 14 Jahre alten "Commander" angeführten Gruppe von Netznazis. In Vernehmungen außerhalb des Gerichtssaals hat sich D. dazu eingelassen, er stehe politisch der AfD nahe. Der rechtsextremistische III. Weg dagegen sei ihm zu radikal. Mit einem der führenden Köpfe habe er mal Kontakt gehabt, damit habe er nichts zu tun haben wollen.

Im Netz aber? Die Äußerungen in der Gruppe klingen nach pathologischem Menschenhass, egal ob gegen Frauen, Juden, Ausländer. Politisch passe das nicht zusammen, sagt der Ermittler. Aber so sei dies offenbar in solchen Gruppen. D. habe dort wohl nach "Anerkennung gesucht, die er im normalen Leben nicht hatte". Im Nazichat stilisierte sich D. als weltläufiger Computerexperte, der mit Spezialwissen über Waffen, Schutzausrüstung, Bombenbau fachsimpelt. Im richtigen Leben wohnte er in der Bude seiner Mutter, ärgerte sich über seinen Bauchansatz und fand keine Partnerin. Was grundsätzlich an den modernen Frauen liege, die nicht dem nationalsozialistischen Bildnis von Weiblichkeit entsprächen, wie sich alle in der digitalen Gruppe einig waren.

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft D. vor, sich dazu entschlossen zu haben, an einem "Ort der Andacht", einer Synagoge oder Moschee, mit von ihm umgebauten Waffen einen Anschlag zu begehen, um viele Menschen zu töten. Für das Gericht dürfte die Frage von entscheidender Bedeutung sein, ob eine der Waffen, die D. hortete, dazu geeignet gewesen wäre. Waffenexperten der Polizei äußern sich da eher skeptisch. Er wolle nicht sagen, dass D. ein "Hochstapler" gewesen sei, sagt einer der Polizisten. Um aber die wohl gefährlichste Waffe aus dem Arsenal von D. scharf zu machen, hätte es zunächst eines Waffentechnikers bedurft. Ein Urteil wird für kommende Woche erwartet.

© SZ vom 27.11.2020/kafe/van
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