Rechtsextremismus Die braunen Bauern von Illesheim

Sie tragen Nazi-T-Shirts, hören die "Zillertaler Türkenjäger" und benutzen den Hitler-Gruß. In Illesheim ist ein Großteil der Jugend in die rechte Szene abgedriftet. Und die Bewohner des Ortes haben Angst vor den "jungen Braunen".

Von Olaf Przybilla

Die Bayerische Jungbauernschaft (BJB) war einmal der ganze Stolz der Gemeinde Illesheim. Selbst einen Sportverein zu gründen lohnte sich kaum in der mittelfränkischen Gemeinde. Denn in dem 900-Seelen-Ort schloss sich die Dorfjugend von alters her den Jungbauern an, deren Ortsverband sich zu der ältesten Jungbauernschaften in Bayern rechnen durfte.

Künftig werden sich die Jugendlichen dort allerdings anders organisieren müssen. Denn Bürgermeister Heinrich Förster hat den Jungbauern den Gemeindeschlüssel zu ihrem Jugendraum entzogen. Auch die Vereinskasse wurde konfisziert, hernach wurden die jungen Bauern aus dem Bezirksverband ausgeschlossen.

Der Ortsvorstand, klagt der Bürgermeister, "hat unsere Jungbauern in den Schmutz gezogen". Bei der letzten Vorstandswahl sei es rechten Jungbauern plötzlich gelungen, das Ruder an sich zu reißen. Und zuletzt, weiß Stefanie Gärtner vom Kreisverband der Windsheimer Jungbauern, "war dieser Vorstand fast nur noch eine Ansammlung junger Rechtsradikaler".

Illesheim liegt vier Kilometer südlich von Bad Windsheim entfernt, im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Das ist der Landkreis, in dem junge Rechtsextreme im Oktober einen Brandanschlag auf ein vorwiegend von Ausländern bewohntes Mehrfamilienhaus verübt haben.

Im Februar verwüsteten dort zwei 17 und 18 Jahre alte Rechtsradikale einen jüdischen Friedhof in Diespeck. Und im vergangenem Monat musste Corinna Gräßel vom Windsheimer Bündnis für Toleranz schon mehrmals pro Woche irgendeinen Vorfall in ihre Liste rechtsradikaler Übergriffe eintragen.

Die Rechten verprügeln Ausländer, sie greifen Punks an, sprengen Veranstaltungen. Von der Polizei, sagt Bündnissprecher Dietmar Leberecht, höre er freilich immer wieder das Gleiche: "Die sagen uns: Einzelfall, Einzelfall, Einzelfall."

Bomberjacken und Stiefel

Auch in Illesheim wollten sie die braunen Umtriebe lange Zeit nicht wahrhaben. Das Dorf, erklärt der Bürgermeister, sei ein Militärstandort - Jugendliche mit Bomberjacken und Kampfstiefeln fielen da nicht groß auf.

Dass die Jungbauern gerne auch mal die Reichskriegsflagge hissten, rechtsextremes Liedgut in der Dorfmitte grölten, Sprüche gegen Juden und Ausländer klopften, will BJB-Kreischefin Gärtner spät erfahren haben - obwohl im Kreisvorstand auch ein Illesheimer Jungbauer sitzt.

Der jedoch habe lange Zeit Angst gehabt zu reden: "Wir wissen doch alle nicht, wie diese Typen ticken", sagt Gärtner, "im harmlosesten Fall hast du am nächsten Tag ein Hakenkreuz an deiner Hauswand." Der Ortsvorsitzende aus Illesheim traut sich unterdessen gar nichts mehr zu sagen über die jungen Braunen im Dorf.

"Das sind ja alles Nachbarn von mir", erklärt der junge Mann, der anonym bleiben will. BJB-Bezirkschef Martin Eberlein, Jungbauer und Student in Würzburg, redet da offener: Dass sie Probleme haben mit den Rechten in Windsheim, und nicht nur mit den "Hammerskins", sei lange schon bekannt.

Wenn in einem BJB-Ortsverband plötzlich sechs von sieben Vorständen rechtsradikal sind, sagt Eberlein, sei das beileibe kein Zufall. "Vertuschen hilft da nichts, man muss halt einfach hinschauen und dann Maßnahmen ergreifen."

In Bad Windsheim sehen das nicht alle so. Auf einer Internetplattform der Kurstadt ist gerade ein heftiger Streit entbrannt über die rechten Umtriebe. Von einem "braunen Netz" zu sprechen, schreibt da einer, sei übertrieben - auch wenn es "einige (nicht wenige) rechts eingestellte Jugendliche" gebe, die "in letzter Zeit immer bewusster als solche" auftreten.

Andere berichten von "fast einem Viertel" rechter Jugendlicher, die gerne die "Zillertaler Türkenjäger" hören, mit Nazi-T-Shirts spazieren gehen oder auf dem Ipsheimer Beatabend "mit dem Hitlergruß grölend vor der Bühne" stehen. Beobachter der rechten Szene wollen im Landkreis "nahezu Laborbedingungen" erkannt haben, um unter Jugendlichen rechte Anhänger zu rekrutieren.

Auf den Kirchweihen störe sich schon lang keiner mehr an der "massiven Präsenz von Neonazis", die enge Beziehungen zu örtlichen Jugendcliquen pflegten. "Vor allem in den ländlichen Gebieten gibt es eine dominierende rechte Jugendkultur."

Hinweise darauf sieht Landrat Walter Schneider (Freie Wähler) nicht. Die Anschläge in Windsheim und Diespeck, die Übergriffe in Illesheim, Ipsheim und Neustadt will er aber "keinesfalls wegdiskutieren". Gegen rechte Umtriebe, fordert er, müsse man nun mit allen rechtsstaatlichen Mitteln vorgehen.

Eben das sei das Problem, erklärt die Polizei: Das rechte Treiben in Illesheim etwa blieb "unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit", heißt es. Innenminister Günther Beckstein spricht von einem "harten rechtsextremen Kern in Windsheim", der vom Verfassungsschutz observiert werde.

Schwer zu beziffern sei dagegen die Zahl "vor allem jugendlicher Sympathisanten", gegen die mit den Mitteln von Polizei und Justiz nur schwer vorzugehen sei.

"Hysterische Sektierer"

Corinna Gräßel vom Bündnis für Toleranz hofft gleichwohl, dass die "Sache Illesheim" ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung war - da habe ein Verband "nicht mehr weggeschaut, sondern gehandelt". Ihr Bündnis, sagt sie, sei in Windsheim lange als ein Verein "hysterischer Sektierer" verlacht worden.

Mitten im Franken, habe es geheißen, gebe es rechte Anschläge von Jugendlichen ganz sicher nicht. In den letzten Wochen aber "ändert sich das allmählich".

Vier Kilometer nördlich der Windsheimer Kreisgrenze, im fränkischen Aschbach, wurde vor einer Woche ein weiterer jüdischen Friedhof geschändet. Die drei Täter, wie im nahen Diespeck 17 und 18 Jahre alt, wurden gefasst. Sie beschuldigen sich gegenseitig.

Warum sie einen jüdischen Friedhof geschändet haben, wollen sie nicht sagen. "Anzeichen auf einen politischen Hintergrund" gebe es derzeit keine, heißt es bei der Polizei.