Raubtiere in Oberbayern Dem Wolf auf der Spur

Experten sind sich sicher: In Bayern wird demnächst wieder ein Wolf zuwandern, der aus einem Rudel in einem Nachbarland kommt.

(Foto: dpa)
  • Im Kreuther Tal in Oberbayern ist eine Hirschkuh gerissen worden. Experten schließen nicht aus, dass ein Wolf das Tier angefallen hat.
  • Schon zuvor war ein Wolf durch das südliche Oberbayern gezogen. Ende März 2014 wanderte ein junger Rüde aus der Zentralschweiz in das Wendelsteingebiet bei Oberaudorf zu.
Von Christian Sebald

Der Kadaver der alten Hirschkuh muss kein schöner Anblick gewesen sein. Das tote Tier lag an einem Waldrand hinten im Kreuther Tal, wo es nicht mehr weit ist zum Sylvensteinspeicher. Es war offenbar richtig übel zugerichtet worden, tief klafften Bisswunden in dem Kadaver. Als die tote Hirschkuh am Freitag entdeckt wurde, riefen die Finder sofort die Raubtier-Experten des Landesamts für Umwelt (LfU) herbei. Und nun besteht zumindest der Verdacht, dass in Oberbayern erneut ein Wolf herumstreift. "Die Spurenlage deutet auf ein hundeartiges Tier (großer Canide) als Verursacher hin", ließ das LfU in kryptischem Bürokratendeutsch am Montagabend verlauten. "Ein Wolf ist als Verursacher nicht sicher auszuschließen."

In Jägerkreisen schießen derweil die Spekulationen ins Kraut. Angeblich soll die alte Hirschkuh sogar von zwei Caniden angefallen worden sein. Anders lasse sich die Vielzahl der Bisswunden nicht erklären. Der Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky hat diese und andere Spekulationen auch schon gehört. Er dimmt die Aufregung deutlich herunter. "Sollte das mit den zwei Caniden stimmen, dann waren das garantiert keine Wölfe", sagt Wotschikowsky. "Denn es ist praktisch ausgeschlossen, dass zwei Wölfe gleichzeitig ins südlich Oberbayern zuwandern, dann gleich gemeinsam hier umherstreifen und miteinander Beute machen."

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Womöglich waren es ja zwei große Hunde, die ausgerissen sind und der Hirschkuh nachgestellt haben. "So was passiert häufiger, als man denkt", sagt Wotschikowsky. Am LfU will man sich dazu, wie zu anderen Fragen, nicht näher äußern. Man lasse Proben des Kadavers genetisch untersuchen, um herauszufinden, wie die Hirschkuh zu Tode gekommen ist. Das dauere aber. Genaueres könne man wahrscheinlich erst in etwa zwei Wochen sagen.

Wölfe kreuzen die Landesgrenzen

Auf der anderen Seite rechnet Wotschikowsky natürlich damit, dass schon bald wieder ein Wolf oder sogar mehrere nach Bayern zuwandern könnten. Schließlich ist vor allem der südliche Freistaat attraktiv für Wölfe. Seit einem Jahr häufen sich hier die Wolfssichtungen. Erst im Dezember war im Allgäu ein Wolf von einer automatischen Wildkamera fotografiert worden. Bereits Ende Mai war südlich von Oberstdorf ein Wolf nachgewiesen worden, der anschließend in den Raum Bregenz in Österreich abwanderte. Wotschikowsky ist sich ziemlich sicher, dass es sich bei den beiden Nachweisen um den selben Wolf handelt. "Mal ist er hier, mal ist er dort", sagt der Wolfsexperte. "Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Wolf zwischen zwei Staaten hin- und herpendelt."

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Schon zuvor war ein Wolf durch das südliche Oberbayern gezogen. Ende März 2014 wanderte ein junger Rüde aus der Zentralschweiz in das Wendelsteingebiet bei Oberaudorf zu. Etliche Tage später sichteten Autofahrerinnen nahe Dorfen (Landkreis Erding) frühmorgens einen Wolf, als er über einen Acker streifte. Die Spuren des oder der Tiere verliefen sich wenig später - ohne dass jemals nachgewiesen werden konnte, ob es sich um das selbe Tier oder verschiedene Wölfe handelte. "Da ist beides möglich", sagt Wotschikowsky. "Wir werden das nie wissen, außer der Oberaudorfer Wolf tritt noch einmal irgendwo auf und hinterlässt Spuren, sodass man ihn identifizieren kann."

Wölfe werden Reviere in Deutschland suchen

Die vielen Sichtungen sind es nicht alleine, warum sich Wotschikowsky so sicher ist, dass demnächst erneut Wölfe in Bayern auftauchen. "In unseren Nachbarstaaten leben immer mehr Rudel, die Jahr für Jahr Nachwuchs kriegen und die irgendwo hinziehen", sagt der Fachmann. Zum Beispiel im Calanda, einem Gebirgsstock in den Schweizer Kantonen Graubünden und St. Gallen. "Dort hält sich seit 2011 das erste sesshafte Wolfsrudel der Schweiz auf", sagt Wotschikowsky. Vom Calanda ins Allgäu sind es gerade mal 60 Kilometer Luftlinie - ein Klacks für einen jungen Wolf auf Reviersuche. "Aber auch für Jungtiere aus den französischen oder den italienischen Alpen ist Bayern in Reichweite", sagt Wotschikowsky.

So wie auch für die Wölfe aus Sachsen, wo in der Lausitz gleich mehrere Rudel leben. Sie ziehen allmählich gen Süden, zuletzt hielt sich bereits eines im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet auf. Auch in Thüringen wurde schon eine Wölfin gesichtet. "Egal ob von Norden her oder von Süden", sagt Wotschikowsky, "nach Bayern kommen sicher wieder Wölfe und zwar bald."