Die norwegische Violinistin Ragnhild HemsingVivaldi auf der Hardangerfiedel

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Ragnhild Hemsing mit ihrer Hardangerfiedel.
Ragnhild Hemsing mit ihrer Hardangerfiedel. Catherine Dokken

Die glänzende norwegische Violinistin Ragnhild Hemsing präsentiert mit ihrem Projekt „The Norwegian Seasons“  Nähe und Gegensätze zwischen Barockmusik und norwegischer Volksmusik.

Von Harald Eggebrecht

Wer zum ersten Mal eine Hardangerfiedel hört, fühlt sich nicht nur in eine andere Klangwelt, sondern sogar in eine andere Zeit versetzt, von so weit her klingt dieses Streichinstrument der besonderen Art. Vergleichbar ist dieser unverwechselbare Klang am ehesten mit dem der Viola d’amore oder dem des Barytons, zwei Spezialinstrumenten des späten Barock. Das Mitschwingen der Resonanzsaiten erinnert auch ein wenig an den Klang von Dudelsäcken.

Schon das Aussehen der Hardangerfiedel hat etwas Zauberisches mit den umlaufenden Perlmuttverzierungen an Decke und Boden und den Intarsien auf dem Griffbrett. Dazu kommt noch der lange Wirbelkasten, in dem nicht nur die vier Wirbel für die Violinsaiten G, D, A, E stecken, sondern auch noch fünf für die Resonanzsaiten, die unter dem Griffbrett hindurchlaufen weiter durch Extraöffnungen im Steg. Sie bestehen aus Stahl oder Messing wie Zittersaiten.

Und dieser Aiquot-Saitenchor, der nicht mit dem Bogen berührt wird, sondern frei mitschwingt, wenn die Normalsaiten gestrichen werden, bewirkt jenen Zauberklang, der nicht nur aus der Ferne zu kommen scheint, sondern auch ins Ferne führt, dorthin, wo Berge, Fjorde, Wälder und Seen die grandiose norwegische Landschaft bilden: Die Hardangerfiedel ist das bekannteste Instrument norwegischer Volksmusik.

Wer wie Ragnhild und ihre jüngere Schwester Eldbjørg Hemsing in Südnorwegen im kleinen Dorf Aurdal geboren ist und früh zeigt, dass die besondere Begabung fürs Geigenspiel nicht zu übersehen ist, kommt auch von Beginn an mit der Hardangerfiedel in Berührung. Vor allem Ragnhild, Jahrgang 1988, hat sich beiden Instrumenten gleichermaßen intensiv gewidmet und darauf mit großem Erfolg eine Riesenkarriere aufgebaut, während Eldbjørg als reine Violinistin ebenfalls weltweit gefeiert wird.

Seit 2013 findet in Aurdal das Hemsing-Festival statt, zu dem die Schwestern weltbekannte Musiker einladen, um in der kleinen Dorfkirche und anderen immer intimen Örtlichkeiten mitten im Herzen Südnorwegens für Nachbarn und Angereiste zu spielen. Damit folgen sie einer bei bedeutenden Musikern Norwegens wie etwa beim Pianisten Leif Ove Andsnes und anderen beliebten Form der je eigenen Festspiele in Dörfern und Orten, die nicht an den Hauptstraßen liegen.

Schon Edvard Grieg ließ sich von norwegischen Volksweisen inspirieren

Ragnhild Hemsing begnügt sich aber nicht damit, traditionelle Volksweisen auf der Hardangerfiedel darzubieten. Übrigens spielte auch einer der „Väter“ der norwegischen Nation, der große Geiger Ole Bull, neben der Violine die Hardangerfiedel und richtete auch das Augenmerk des von ihm geförderten Edvard Grieg auf diese typischen Klänge der Heimat. Grieg, dank Ole Bulls Initiative in Leipzig ausgebildet, zeigte nach seiner Rückkehr dem großen Mentor, was er in Leipzig gelernt und studiert hatte.

Doch Ole Bull schüttelte den Kopf, nahm den angehenden Komponisten mit hinaus in die Natur und spielte ihm dort auf der Hardangerfiedel vor. In diesen Volksweisen und ihrer Klanglichkeit müsse er seine Inspiration suchen, nicht in Leipziger Schulweisheit. Nun, Grieg nahm sich Ole Bulls Ermahnung zu Herzen, mit Welterfolg.

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In ihrem Projekt „Norwegian Seasons“ gemeinsam mit dem norwegischen Barockensemble Barokkanerne präsentiert Ragnhild Hemsing nun Antonio Vivaldis berühmte „Jahreszeiten“-Violinkonzerte gleichsam ins Norwegische gedreht auf der Hardangerfiedel. Selbstverständlich wird da auch improvisiert und verziert, denn das gehört zum Hardangerfiedel-Spiel dazu. Außerdem wurde die älteste Hardangerfiedel 1651 gebaut, also kurz vor Vivaldis Geburt 1678. Daher ist Ragnhild Hemsings Idee, Vivaldis Musik in norwegischem Gewand zu präsentieren, keineswegs eine geschmäcklerische Populärvariante, sondern auch historisch informiert erhellend und erfrischend. Zwischen den vier Jahreszeitenkonzerten wird sie auch noch Hardangerfiedelmusik bieten, sodass sich reizvolle Querverbindungen zwischen italienischem Barock und norwegischer Volksmusik ergeben.

Vier Jahreszeiten: „The Norwegian Seasons“, Sonntag, 15. März 2026, 15.30 Uhr Prinzregententheater; Ensemble Barokkanerne, Ragnhild Hemsing, Violine & Hardangerfiedel.

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