Räuber Kneißl Bayerns beliebtester Mörder

Wie der Räuber Mathias Kneißl zum Volkshelden wurde, obwohl er in Wirklichkeit ein armer Hund war.

Von Hans Kratzer

Das Land der Bayern hat schon viele Volkshelden hervorgebracht, aber die meisten sind längst in Vergessenheit geraten. Einer dauerhaften Verehrung erfreuen sich lediglich einige Könige, Gelehrte, Bauernführer und Fußballer - und kurioserweise auch zwei Räuber. Einer von ihnen ist der "Bayerische Hiasl" (1736-1771), der eigentlich Matthias Klostermayr hieß und einen grässlichen Tod durch Erdrosseln und Rädern fand.

Räuber Mathias Kneißl: Sein Weg ins Gefängnis war vorgezeichnet, ein Neuanfang scheiterte an seinem Vorleben.

(Foto: Foto: dpa)

Der andere ist der Räuber Kneißl, der zwar auch schon lange tot ist, aber als Volksheld lebendiger erscheint denn je, was beileibe nicht nur an dem neuen Kneißl-Film liegt, der gerade im Kino zu sehen ist. Es ist gleichwohl erstaunlich, dass der Schachermüller Hias (1875-1902), wie der Räuber Kneißl zu Lebzeiten genannt wurde, in so hohem Ansehen steht, denn schließlich endete sein Leben auf dem Schafott, was normalerweise nicht gerade eine überbordende Volksverehrung auslöst.

Im Grunde genommen war die Verklärung des Räubers Kneißl schon kurz nach der Hinrichtung voll im Gange. "De Woch fangt ja schon guat o", soll er auf dem Weg zur Guillotine trotzig geraunt haben. Allein mit diesem Satz hat sich der Kneißl ein Denkmal gesetzt, und dabei spielt es auch gar keine so große Rolle, dass er wohl gar nicht von ihm stammt, denn das Todesurteil wurde ja an einem Freitag vollzogen.

Der Stilisierung Kneißls zu einem Volkshelden tat dies keinen Abbruch. Beeinflusst durch die populären Geschichten über den Bayerischen Hiasl, wandelte sich auch das Bild des gegen die Obrigkeit aufbegehrenden Rebellen Kneißl recht bald zum Mythos. "Die beiden Räuber waren arme Hunde, die in eine Rolle gedrängt worden sind", sagt Toni Drexler, der Kreisheimatpfleger von Fürstenfeldbruck, der sich viele Jahre lang mit deren Schicksal beschäftigt hat.

Ein zeitloser Held

Wie aber konnten Ehr- und Gesetzlose wie der Kneißl zu zeitlosen Helden aufsteigen? Wesentlich dazu beigetragen hat sicherlich, dass ihn die kleinen Leute schon zu Lebzeiten als eine Art bayerischen Robin Hood betrachteten, der sich gegen Willkür, Not und Unterdrückung wehrte.

Zwar wurde der Kneißl als Einbrecher und Polizistenmörder verurteilt, aber große Teile des Volks sahen ihn im Laufe der Zeit anders und begegneten ihm mit Respekt. Die Zeit beschrieb ihn einmal zutreffend als Bayerns beliebtesten Mörder, und auch der Kabarettist Georg Ringsgwandl nahm in einer Ballade das Robin-Hood-Motiv auf und zeichnete den Kneißl als einen, der die Beute aus seinen Raubzügen stets den Armen und Alten schenkte. Darüber hinaus belegen viele Legenden, Lieder und Sprichwörter seine geradezu mythische Verklärung.

In diese Richtung zielte auch der Regisseur Reinhard Hauff, der schon 38 Jahre vor Marcus H. Rosenmüller einen Kneißl-Film drehte. Hauff übte in seinem sozialkritischen Werk nicht nur Kritik an der Gesellschaft des 19.Jahrhunderts, sondern auch an den Verhältnissen zu Beginn der siebziger Jahre. Oliver Herbrich nahm in seinem 1980 gedrehten Film "Das stolze und traurige Leben des Mathias Kneißl" dagegen mehr den Menschen Kneißl ins Visier.

Autoren und Cineasten von Kneißl gebannt

Auch auf der Bühne wird das Thema Kneißl immer wieder aufgegriffen. Manchmal, wie es die Iberl-Bühne tat, im derben Stil des krachledernen Bauerntheaters, manchmal, wie vor kurzem am Münchner Volkstheater, mit ernsten, wegweisenden Ambitionen.

Aber nicht nur Autoren und Cineasten sind von diesem Stoff seit jeher gebannt. Auch in der Werbung und im Tourismusgeschäft steht der Räuber Kneißl hoch im Kurs. Vor allem in der Region zwischen München und Augsburg, in der sich der Kneißl sein ganzes Leben lang herumgetrieben hat, wird mit seinem Namen fleißig geworben. Dort sind Wanderwege nach ihm benannt und sogar Wirtshäuser und Biersorten.

Das Bräustüberl in Maisach lädt seine Gäste beispielsweise in den Räuber-Kneißl-Keller ein. Die Brauerei in Maisach braut passend dazu ein Räuber-Kneißl-Dunkles. Die Dachauer wiederum hatten den Kneißl einmal zum Namenspatron ihres Stadtfestes gemacht. Hier wird auch noch so manches Räuberlied angestimmt:

"Es war am vierten Märzen in aller Herrgottsfruah, da geht's in Geisenhofen scho sakramentisch zua.

Hundertsechzig Mann san aufmarschiert, zwei Kommissär, ein Arzt.

Da hat si doch der Kneißl-Hias aa hinter de Ohren kratzt."

Tatsächlich hatte ihn die Staatsgewalt im Winter 1900/01 mit gewaltigem Aufwand gejagt. Aber erst durch einen Verrat kam sie ihm auf die Schliche. 160 Gendarmen umstellten am 5.März 1901 den Bauernhof in Geisenhofen, in dem sich Kneißl versteckt hatte. Die Gewehrkugeln der Polizisten durchschlugen Türen und Fenster des Hofs, bis Kneißl schwer verletzt niedersank.

Resozalisierung war ein Fremdwort

Die Ärzte flickten den 25-Jährigen wieder zusammen, damit er ordnungsgemäß hingerichtet werden konnte. Am 21. Februar 1902 sauste das Fallbeil des Scharfrichters Franz Xaver Reichhart auf Kneißls Haupt hernieder. Dieser war da schon längst eine Legende, und das kam nicht von ungefähr. Kneißl war in der ländlichen Welt des 19. Jahrhunderts aufgewachsen, in der die Abneigung gegen Staat und Obrigkeit tief verwurzelt war. So auch in seinem Elternhaus, der abgelegenen Schachermühle, in der nicht nur mit Mehl, sondern auch mit Diebes- und Hehlerware gehandelt wurde.

Kneißls Weg ins Gefängnis war vorgezeichnet, ein Neuanfang scheiterte an seinem Vorleben. Resozialisierung war damals noch ein Fremdwort. Stattdessen wurde er zum gesuchtesten Verbrecher Bayerns. Lange Zeit gelang es ihm, den Häschern zu entkommen. Er versteckte sich in den Wäldern und bei Kleinbauern, die er mit frisch geschossenem Wild bestach.

Nachdem ein Polizist durch einen Schuss von Kneißl verblutete, wurde der wie ein Staatsfeind verfolgt. Sein Steckbrief hing in ganz Europa, aber ihm gehörten die Sympathien im Volk. Endlich einer, der es den Großen zeigt, hießt es dort. Es kursierten Witzpostkarten und Flugblätter, Bänkelsänger stimmten Hohnlieder auf die Polizei an, langsam vermischten sich Wahrheit und Dichtung. Doch dann bewirkte das hohe Lösegeld den Verrat. Kneißl lief in die Falle. 160 gegen einen. Der Volksmund spricht von der Kneißl-Schlacht von Geisenhofen.