Rätselhafte Schädelfunde in Bayern Mittelalter-Multi-Kulti

Deformierte Straubinger Schädel vom Ende des fünften Jahrhunderts.

Der Stamm der Bayern entwickelte sich im Mittelalter aus einem Völkergemisch. Das scheinen Schädelfunde in mehreren bayrischen Städten zu belegen. Aber warum sind die Schädel rätselhaft deformiert, wieso wurden sie nur in ganz bestimmten Städten begraben und woher stammen die Toten überhaupt?

Von Hans Kratzer

Heutzutage pflegen viele Menschen ihre Individualität durch Darbietung modischer Accessoires, Tätowierungen und Piercings. Und wenn es sein muss, auch durch eine Lederhose. So wie der Schriftsteller Oskar Maria Graf, der mit einem solchen Beinkleid in den Dreißigerjahren in Moskau Volksaufläufe provoziert hat, und auch im Exil in New York hat er nichts anderes getragen. Die Lederhose war ihm in der Fremde ein Stück Heimat.

Vermutlich haben die Menschen vor 1500 Jahren eine ähnliche Haltung vertreten, wie wir sie bei Graf beobachten. In frühmittelalterlichen Gräbern in Regensburg, Altenerding und Straubing sind jedenfalls Dutzende Tote entdeckt worden, die sogar im skelettierten Zustand noch individuell wirken. Von den toten Bajuwaren in den anderen Reihengräbern unterscheiden sie sich insofern gravierend, als ihre Schädel auffällig deformiert sind.

Vor allem im fünften und sechsten Jahrhundert nach Christus wurden in Südbayern Tote begraben, deren Schädel künstlich modelliert waren. Mithilfe von Binden und Bandagen waren deren Köpfe im Kindesalter in eine längliche, turmförmige Wuchsform gebracht worden. Zu finden sind solche Schädel in ganz Europa und in Zentralasien. Der griechische Arzt Hippokrates berichtete schon tausend Jahre früher von dem Brauch, Kindern per Hand und Bandagen den Kopf zu deformieren.

Mode oder Religion?

Was diese Schädeldeformierung zu bedeuten hat, kann bis heute nicht eindeutig erklärt werden. Steckt eine Mode dahinter, oder eine Religion, oder ist es Ausdruck einer gemeinsamen Identität? Wissenschaftler in ganz Europa versuchen darauf Antworten zu finden, weil mit neuen Erkenntnissen auch mehr Licht auf die dunkle Zeit nach dem Zusammenbruch des Römerreichs fallen würde, in der auf mysteriöse Weise auch der Stamm der Bajuwaren in den Lauf der Weltgeschichte eintrat.

Vor allem in Südbayern werfen die Schädeldeformationen Fragen über Fragen auf: Warum liegen Tote mit solchen Schädeln in Regensburger und Straubinger Gräbern, aber nicht in Ingolstadt, am Lechlauf und in Alpengebieten? Warum weisen viel mehr Frauen als Männer deformierte Schädel auf, und warum sind in den bajuwarischen Reihengräbern stets nur einzelne wenige Schädeldeformierte zu finden.

Forschung mit Puzzleteilen

In der Suche auf Antworten ist ein länderübergreifendes Forschungsprojekt gestartet worden, an dem Wissenschaftler aus München, Regensburg, Mainz und London beteiligt sind. Erste Ergebnisse sind am Freitag bei einem von Brigitte Haas-Gebhard geleiteten Symposium in der Archäologischen Staatssammlung in München vorgestellt worden, wobei deutlich wurde, dass die Archäologie allein diesem Problem nicht Herr werden kann. Deshalb werden neueste naturwissenschaftliche Methoden der Paläontologie, Paläogenetik und Anthropologie hinzugezogen, deren Forschungsergebnisse wie Puzzleteile kombiniert werden.

Vorerst steht fest, dass die schädeldeformierten Frauen aus dem fernen Osten zugewandert waren. Wie sie in die bajuwarische Gesellschaft integriert wurden, ist ebenso offen wie die Frage der damaligen Mobilität. Immerhin beweist das Erbgut einer in einem Gräberfeld in Burgweinting bestatteten Frau, dass sie oder ihre Vorfahren östlich von Nowosibirsk herstammten.

Mobilität, Zuwanderung und Integration waren im Bayern des fünften Jahrhunderts mindestens ebenso virulent wie heute. Die Menschen erlebten den Übergang von der antiken zur mittelalterlichen Gesellschaft als gewaltigen Umbruch. Mittendrin formte sich der Bayernstamm als ein faszinierendes Multi-Kulti-Volk, was nicht zuletzt die Toten mit den deformierten Schädeln belegen.