Queersein in Freising:Jenseits der Generation Z

Queersein in Freising: Zwei Frauen erzählen, wie es ist, sich relativ spät als lesbisches Paar zu outen und mit Mitte fünfzig zu heiraten.

Zwei Frauen erzählen, wie es ist, sich relativ spät als lesbisches Paar zu outen und mit Mitte fünfzig zu heiraten.

(Foto: privat)

Zwei Frauen erzählen, wie es ist, als lesbisches Ehepaar Mitte fünfzig in Freising zu leben. Ein Gespräch über Stereotype, Tabuthemen und ein spätes Coming-out.

Von Lena Meyer, Freising

Wird heute über Sexualität und über Queersein gesprochen, liegt der Blick stark auf den jüngeren Generationen - besonders auf der Generation Z und damit auf Menschen, die zwischen 1997 und 2012 geboren wurden. Es geht dann um die sozialen Netzwerke, um Aufklärung und Repräsentation. Und darum, dass sich jüngere Menschen immer öfter als nicht heterosexuell begreifen. "Je jünger, desto queerer", scheint der Tenor in vielen Diskussionen zu sein. Doch Queersein ist weder eine Frage des Alters noch ein Mode-Trend. "Queerness gab's schon immer. Auch in der Kunst oder Literatur", sagt etwa Katja Zimmer. Ein Jahr lang führte sie mit ihrer Partnerin Melanie eine Beziehung; im Herbst vergangenen Jahres heiratete das Paar. Mit Mitte fünfzig.

Die beiden Frauen aus Freising gehören also nicht der Generation Z an - Sexualität galt in ihrer Jugend als Tabuthema und Queersein war häufig mit negativen Klischees aufgeladen, ein Outing für Viele daher nur schwer vorstellbar. Das Ehepaar hat sich mit der SZ Freising getroffen, um über ihr spätes Coming-out zu reden und über Stereotype, die es häufig gegenüber lesbischen Frauen gegeben hat. Beide Frauen heißen in Wahrheit anders, wollen in diesem Text allerdings anonym bleiben.

"Dass ich Frauen gut finde, habe ich eigentlich schon in der Schulzeit gemerkt. Damals habe ich für eine Lehrerin geschwärmt", erinnert sich Katja Zimmer. Trotzdem habe sie nicht weiter über ihre Sexualität nachgedacht, ihre Gefühle nicht weiter erforscht oder ausgelebt. "Dass ich lesbisch sein könnte, war mir damals nicht klar." Das überrascht nicht. Wenn im damaligen Unterricht überhaupt über Sexualität gesprochen wurde, wurde ein lediglich binäres Geschlechtersystem gelehrt, Penetration als normale Form des Geschlechtsverkehrs dargestellt. Lesbisch zu sein, queer zu sein - das wurde nicht thematisiert. "Das war damals ein absolutes Tabuthema und wurde nicht weiter besprochen", erinnert sich Melanie Zimmer.

Hinzu kamen die Schubladen, gefüllt mit negativen Klischees und Stereotypen. Oft seien lesbische Frauen ausgegrenzt, als Mannsweiber oder diejenigen, die keinen männlichen Partner abbekommen haben, beschrieben worden, sagt Katja Zimmer. "Lesbische Frauen wurden oft sehr negativ dargestellt."

In Westdeutschland galt bis 1977 bei Ehescheidungen das sogenannte Schuldprinzip. Eine Ehe konnte nur dann geschieden werden, wenn sich eine Person schuldig gemacht hatte, etwa durch Untreue. Aber auch Frauen, die sich in andere Frauen verliebten und ihre Ehemänner deswegen verlassen wollten, galten als schuldig. Als Konsequenz bekamen sie weder Unterhalt noch das Sorgerecht für ihre Kinder. Solche Urteile gab es noch bis in die 80er-Jahre hinein und sorgten für eine zusätzliche Ausgrenzung und Stigmatisierung lesbischer Frauen in der Gesellschaft. In der ehemaligen DDR galten Schwule und Lesben als wider der "sozialistischen Moral und Ethik". In der Öffentlichkeit wurden sie daher diskriminiert; die Staatssicherheit überwachte bis in die 1980er-Jahre die queere Szene.

"Man hatte Angst, wie man das den Eltern erzählt."

Vorhandene Stereotype, eine unzureichende Aufklärung - das alles habe dazu geführt, die eigene Sexualität nicht zu hinterfragen, sagt Katja Zimmer, habe den Prozess einer Selbstfindung erschwert. "Man hatte Angst, wie man das den Eltern erzählt", beschreibt Melanie Zimmer. "Der Prozess damals war so schwer, das Thema ein Tabu. So offen wie man heute damit umgeht, ging es früher nicht", ergänzt Katja Zimmer. Wann sie ihr Coming-out hatte? Mit Ende vierzig. Die erste Ehe mit einem Mann war lange geschieden, die Kinder beide für längere Zeit im Ausland. "Ich hatte Zeit, mich mit mir selbst zu beschäftigen und zu reflektieren."

Auf das späte Coming-out reagierte ihr Umfeld durchweg positiv, erinnert sie sich. Und gerade für sie selber sei es ein Befreiungsschlag gewesen, vieles habe sich dadurch vereinfacht. Ob es negative Reaktionen gegeben habe? Katja Zimmer schüttet vehement den Kopf. "Nein, alle haben toll reagiert." So war es auch bei ihrer Ehefrau Melanie, die sich 1997 geoutet hatte. "Meine Familie war total offen und toll. Alle haben das sofort akzeptiert", sagt sie. Der Wandel in der Gesellschaft sei durchaus spürbar.

Negative Reaktionen oder Diskriminierung haben sie in Freising nie erfahren

Negative Reaktionen oder Diskriminierung in Freising hätten sie nie erfahren, so die beiden Frauen. Mit der Ehe geht das Paar transparent um, sowohl in der Arbeit als auch der Nachbarschaft gegenüber. "Ab und zu gibt es Blicke, aber die sind meistens sehr freundlich." Nur einmal, beschreibt Katja Zimmer, habe es eine Situation gegeben, die ihr Angst bereitet hatte: "Ich war mit meiner Partnerin spazieren und wir wurden so böse angeguckt. Da dachte ich, wir werden von hinten getreten." Es sei zwar zu keinem physischen Übergriff gekommen. Doch Blicke allein könnten ein schlechtes Gefühl und Angst auslösen, mahnt Katja Zimmer. "Diese Situation hat mich sehr verletzt."

Dass mit queeren Menschen nun offener umgegangen wird und diese besonders in den Medien besser repräsentiert werden, sieht das Paar sehr positiv. Das könne bereits helfen, Stereotype und Klischees zu widerlegen. "Gerade die Sichtbarkeit und Natürlichkeit sind wichtig", betont Melanie Zimmer. Queerness sei etwas Normales und genauso sollte es in den Medien dargestellt werden, ergänzt ihre Ehefrau.

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