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Wege aus der Psychiatrie:Was zählt, ist das Vertrauen

Psychiatrie FFB

Patientenzimmer in einer Psychiatrie

(Foto: Günther Reger)

Psychisch kranke Menschen brauchen Hilfe im Alltag und auch gegen die Einsamkeit. Bürgerhelfer engagieren sich ehrenamtlich ganz unterschiedlich: als Begleitung zu Behörden, aber auch mit Zeit für intensive Gespräche.

Auf diesen Augenblick haben viele gewartet. Einige aus dem Umkreis von Mering haben sich dafür extra in ihr Auto gesetzt, um diesen Moment nicht zu verpassen: Bernd Wagner stampft seine Nordic-Walking-Stöcke auffordernd ins Gras, beugt sich zur Gruppe vor. Dann kneift er lachend seine Augen zusammen zu kleinen, äußerst schmalen Schlitzen, wie das sonst nur Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Günther Beckstein fertigbringt. Ja, so kennen sie den 79-Jährigen in der Meringer Tagesstätte für psychische Gesundheit. Und so lieben sie ihn: Auch bei Bürgerhelfern in der Psychiatrie sind gewisse Animateursqualitäten nicht von Nachteil.

"Er ist ein unglaublicher Sympathieträger", sagt Monika Meier, die als Sprecherin des Besucherrats die psychisch kranken Männer und Frauen vertritt, von denen manche mehrmals in der Woche in der Tagesstätte am Meringer Marktplatz vorbeischauen. Meier (Name geändert) zählt auf, was Wagner alles im Programm hat: nicht nur Nordic-Walking, sondern auch den Schwimmkreis, Radtouren, Ausflüge und überdies Einladungen zum Brunch an Feiertagen wie Ostern oder zum Jahreswechsel. Tage, an denen viele psychisch Kranke Einsamkeit noch mehr spüren als sonst. In einigen Fällen ist sogar der Kontakt zu den Angehörigen abgebrochen.

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Bernd Wagner hat im Freistaat etliche Gesinnungsgenossen, die es ihm gleichtun - nur kennenlernen wird er die meisten wohl nie: Bayerns Bürgerhelfer in der Psychiatrie - in Franken nennen sie sich oft noch Laienhelfer - sind fest in den Einrichtungen verwurzelt, in denen sie tätig sind. Dass es hilfreich sein könnte, sich überregional zu organisieren, spielte für sie offenbar keine Rolle. Gerd Schulze, früherer Vorsitzender des 2001 gegründeten Vereins "Bürgerhilfe in der Psychiatrie - Landesverband Bayern e.V.", würde das gern ändern. Aber: "Sehr viele Fragebogen haben wir losgeschickt, davon sind gerade mal zehn zurückgekommen", sagt er. Kein Wunder also, dass es der Landesverband nur auf knapp 40 Mitglieder bringt. Immerhin trat 2018 der Bayerische Bezirketag unter seinem früheren Präsidenten Josef Mederer (CSU) als Fördermitglied bei.

Schulze, gelernter Kunstschmied, Studium der Pädagogik, Psychologie und Sozialpädagogik und etliche Jahre lang Abteilungsleiter bei der Diakonie Augsburg für Psychiatrie, hat "viel mit Ehrenamtlichen gearbeitet, die psychisch Kranke unterstützen". Aber ihre Zahl kann auch er nur schätzen. "Achthundert bis tausend?", fragt er. "Viel mehr", sagt Carina Gebele, die Leiterin der Tagesstätte im schwäbischen Mering. Doch selbst das Gesundheitsministerium, zuständig für die Bürgerhelfer, muss bei dieser Frage passen.

"Wir haben extrem gute Erfahrungen mit Ehrenamtlichen"

Bürgerhelfer machen kein Aufhebens um sich. Sie sind oft mehr auf ihre Aufgabe fixiert als auf sich selbst. "Für mich ist entscheidend, dass ich für die Leute etwas mache", sagt Schulze. Landesweit gesehen, ist dieses Phänomen längst erkannt. "Gönne dich dir selbst!" wurde etwa ein Seminar betitelt, mit dem die Bürgerhelfer im niederbayerischen Landshut bedacht wurden. Ziel: "Impulse für eine gelungene Balance zwischen Selbstsorge und Fürsorge".

Statt über sich selbst zu reden, füllt Schulze lieber Buchseiten. Lieblingsthema: Bürgerhelfer in der Psychiatrie. Menschen, die mithelfen, psychisch kranke Mitbürger so zu stabilisieren, dass ihnen lange Aufenthalte in der Psychiatrie erspart bleiben. Da schreibt er etwa, die Bürgerhilfe sei "eine Art Nabelschnur in das sogenannte normale Leben". Es gehe darum, "dass die Barrieren zwischen erkrankten und gesunden Menschen aufgehoben werden und sie zu einem gemeinsamen respektvollen Umgang miteinander kommen". Und er gelangt zu der Schlussfolgerung: "Ohne bürgerschaftliches Engagement keine Gemeindepsychiatrie."

Die allermeisten in der Wohlfahrtspflege, die professionell mit psychisch Kranken zu tun haben, stimmen dem zu. "Wir haben extrem gute Erfahrungen mit Ehrenamtlichen", sagt etwa Michael Groß, der Geschäftsführer des Caritasverbands im Kreis Nürnberger Land. Bürgerhelfern gelinge es tatsächlich, "die Durchlässigkeit zwischen der Sonderwelt Psychiatrie und der Gesellschaft zu erhöhen". Dabei sei es das Ziel, "Menschen aufzufangen, damit sie nicht wieder in das klinische Setting zurückkippen". Beate Schwärzler, 70 Jahre alt, psychisch krank und nun im Kreis Rosenheim in einem Altenheim lebend, hofft noch immer auf Beistand: "Die eine Hand, die sichere, die hatte ich halt nie. Ich brauche Normalität", sagt sie. Normalität, die sie davor schützt, wieder in der Psychiatrie untergebracht zu werden.

Krankenhaus-Therapien von psychisch Kranken haben auch in Bayern deutlich zugenommen. 2004 waren es - wie Medien berichteten - noch knapp 145 000 Therapien in Bezirkskrankenhäusern, 2016 bereits mehr als 182 000. Stetig steigt auch die Zahl der Betroffenen, die aufgrund psychischer Erkrankungen in der Arbeit fehlen, wie Erhebungen der Kassen belegen. "Psychische Erkrankungen können wie ein Gewitter aus heiterem Himmel über Familien und Partner hereinbrechen", sagt Schulze. Die Bürgerhilfe sei "ein Rettungsanker". Allein, es brauche mehr Helfer. Auch die Einrichtung in Markt Mering sucht sie, "für Fahrdienste, Begleitung zu Behörden, Café-Besuche, Wandern, Einzelbetreuung und vieles mehr", wie es im Internetauftritt der Tagesstätte heißt.

Was gute Helfer ausmacht, formuliert Gerd Schulze so: "Es geht nicht darum, immer wieder neue Feuerwerke an Besonderheiten zu zünden, es geht darum, verlässlich zu sein, Vertrauen aufzubauen und das nicht zu enttäuschen", sagt er. Insbesondere jene Helfer, die selbst Psychiatrie-Erfahrung haben, wissen, wovon Schulze spricht. Helmut Fischer aus dem mittelfränkischen Markt Schnaittach schenkt seit nunmehr 20 Jahren psychisch kranken Menschen Aufmerksamkeit. "Da ich selbst betroffen war, haben die Menschen Vertrauen zu mir. Deren Gefühle kann man nicht im Buch nachlesen, die muss man selber mitgemacht haben", sagt er.

Bernd Wagner in Mering wird indes nicht müde zu betonen, wie sehr der Kontakt mit psychisch Kranken seinen Horizont erweitert hat. "Ich möchte das nicht missen", sagt er. Aus der Walking-Tour wird an diesem Tag allerdings nichts mehr. Es regnet wie aus Kübeln. "Macht nichts, mehr Zeit für Gespräche", sagt Wagner mit zusammengekniffenen Augen. Und für einen heißen Kaffee - schwarz!

© SZ vom 01.06.2019/jael
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