Prozess um Bauloch in Kempten Krater mit Einsturzgefahr

Ursprünglich sollte hier ein Geschäftshaus enstehen. Die Baugrube gilt in der Stadt inzwischen nicht nur als peinlich, sondern auch einsturzgefährdet.

(Foto: dpa)

Auf Facebook hat das 2000 Quadratmeter große Bauloch am Einkaufszentrum "Forum" Hunderte Freunde. Seit vier Jahren streiten sich die Stadt Kempten und die Grundstücks-Eigentümer über den Weiterbau. Vor Gericht trafen sie nun aufeinander - ohne Happy End.

Von Stefan Mayr, Augsburg/Kempten

Das "große Loch" von Kempten ist 37 Meter lang, 55 Meter breit und 18 Meter tief. Es klafft nun schon seit vier Jahren mitten in der Stadt gegenüber dem Einkaufszentrum "Forum" vor sich hin. Auf Facebook hat das 2000 Quadratmeter große Bauloch 282 Freunde. In der Stadt erzählen sie sich Witze über das "Loch nerv", doch vielen ist das Lachen längst vergangen.

Mittlerweile gilt der Krater nicht nur als peinlich, sondern auch als einsturzgefährdet. Anliegende Straßen sind bereits gesperrt. Mithin streiten die Stadt Kempten und die Grundstücks-Eigentümer aus der Schweiz nicht nur über den Weiterbau, sondern auch über die Kosten der Sicherungsmaßnahmen.

Streit erreichte vor Gericht weitere Eskalationsstufe

Seit 2010 tobt das grenzüberschreitende Fernduell schon, ohne dass das geplante Geschäftshaus auch nur im Ansatz Gestalt angenommen hätte. Am Mittwoch trafen sich die Parteien nun vor dem Verwaltungsgericht Augsburg. Aber wer dachte, dort werde die unendliche Geschichte endlich einem Happy End zugeführt oder die Streithähne machten wenigstens ein klitzekleines Schrittchen aufeinander zu, der muss leider enttäuscht werden. Im Gegenteil, der Zoff erklomm in Höchstgeschwindigkeit eine weitere Eskalationsstufe.

Zunächst beantragten die Kläger die Aussetzung aller neun Verfahren, die sie ja selbst per Klage entfesselt hatten. Als dies abgelehnt wurde, stellten sie einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht. Ebenfalls ohne Erfolg, das Gericht bezeichnete letzteren Antrag sogar als "rechtsmissbräuchlich". Der Anwalt der Stadt Kempten, Christoph Brandenburg, warf der Gegenseite "Verzögerungstaktik" vor.

Am Mittag wurde es der Richterin zu bunt

Insgesamt ging es in den ersten zweieinhalb Stunden der Verhandlung in keiner Silbe um das Loch an sich. Irgendwann gegen Mittag wurde es der sicht- und hörbar genervten Richterin zu bunt. Sie fragte fast schon verzweifelt: "Können wir jetzt endlich wie vernünftige Menschen die Bescheide anschauen?" Ihr Appell wurde erhört.

Nach langem Hin und Her einigte man sich - immerhin - auf einen weiteren Termin Ende Juli, bei dem jede Menge Gutachter zu Wort kommen sollen. Bis dahin bleibt die Lage im Loch unverändert: Seit Oktober wird das Grundstück von einem Zwangsverwalter betreut. Er hat das Loch mit etlichen Maßnahmen gegen Einsturz gesichert. Die Stadt hat hierfür 600 000 Euro vorgestreckt. Sie fordert von den Eigentümern das Geld zurück - und die Fertigstellung des Baus.

"Ich baue darauf, dass am Ende der Rechtsstaat siegt", sagt Kemptens neuer Oberbürgermeister Thomas Kiechle (CSU), der das Loch von seinem Vorgänger geerbt hat. Die Investoren wiederum wollen nicht zahlen. Sie sehen null Einsturzgefahr und fordern, die Zwangsverwaltung aufzuheben. Zudem drohen sie mit einer Schadenersatzklage in Höhe von sieben Millionen Euro. Beim Verwaltungsgericht haben sie 22 weitere Klagen eingereicht. Der Tanz um den Hier-tut-sich-nix-Krater wird wohl noch ein kleines bisschen andauern.