Süddeutsche Zeitung

Prozess in Traunstein:Erst Brandsatz geworfen, dann mit dem Löschfahrzeug ausgerückt

  • Ein 21-Jähriger und sein drei Jahre älterer Freund müssen sich vor dem Landgericht Traunstein verantworten.
  • Innerhalb von zwei Monaten sollen sie drei Anschläge auf eine Asylbewerberunterkunft im oberbayerischen Nußdorf am Inn begangen haben.
  • Ein Urteil soll noch in dieser Woche fallen.

Die Wehrmachtsuniform, in der er sich schon 2013 in Pose geworfen hatte, stammt noch von seinem Urgroßvater, doch das einschlägige Material, das die Polizisten später auf seinem Computer gefunden haben, ist ein sehr heutiges. Und auch die Taten, für die sich der 21-Jährige und ein drei Jahre älterer Freund nun vor dem Landgericht Traunstein verantworten müssen, sind Taten aus dem Jahr 2018.

Innerhalb von zwei Monaten sollen sie drei Anschläge auf eine Asylbewerberunterkunft im oberbayerischen Nußdorf am Inn begangen haben: Anfang Februar war es noch ein an die Wand gesprühtes Hakenkreuz, sechs Wochen später schleuderten die beiden schon zwei Molotowcocktails auf das Haus, in dem 32 Menschen lebten. Anfang April schossen sie dann aus einem Rohr einen selbst gefertigten Sprengsatz auf die Unterkunft, doch auch diesmal fing dort nichts Feuer. Folgen werden die Anschläge trotzdem haben.

Weil zumindest rein körperlich keine Personen zu Schaden kamen und sich der Sachschaden an der Hausmauer in Grenzen hält, hat die Jugendkammer am Landgericht aus der besonders schweren Brandstiftung eine schwere gemacht, doch auch dafür kann es viele Jahre Gefängnis geben. Die Untersuchungshaft, in der beide seit April sitzen, hat zumindest den Jüngeren erkennbar mitgenommen. Unablässig wippt er mit dem Fuß, die Bewegung überträgt sich auf den ganzen Körper. In den Verhandlungspausen steht er am Gerichtsgang neben seinem Anwalt und schluchzt.

Der junge Mann hat aus der Haft viele Briefe geschrieben, an Bewohner der Unterkunft, an den Nußdorfer Asylhelferkreis, an den Bürgermeister und auch an das Gericht. Während der Verhandlung spricht er über die Monate vor den Anschlägen. Darüber, wie er als Schreinerlehrling mit dem Finger in die Säge geraten und wie ihm später auch noch ein Scheunentor auf den Fuß gefallen sei. Er habe sich dann daheim nutzlos und wertlos gefühlt und geglaubt, "dass ich für jeden bloß der Arsch bin auf dieser Welt".

Das habe sich geändert durch die Freundschaft mit seinem jetzigen Mitangeklagten, den er bei der Feuerwehr kennengelernt habe. Man habe sich immer wieder getroffen, getrunken, gesprochen über das, was offenbar auch andere so dahergeredet haben über angeblich verheimlichte Straftaten von Asylbewerbern und dergleichen mehr. Eine Freundin habe ihn wegen eines Ausländers verlassen, sagt der junge Mann, und eine andere, selbst Ausländerin, habe sich auch abgewandt. "Mit den ganzen Pegidaprotesten und allem, da habe ich mich in die Sache brutal reingesteigert" und nur noch rechte Musik gehört. Er und sein Freund hätten sich gegenseitig in so eine Wut hineingeredet - und dann in die Sache mit dem Hakenkreuz.

Das hat der Ältere an die Wand gesprüht. Auch wie man Molotowcocktails bastelt, habe der gewusst - in dem Fall aus Bügelflaschen mit einem Benzingemisch und Handfackeln. Das Geschoss aus dem Rohr will der Jüngere aus einer Silvesterrakete gebaut haben. Damit habe er aber absichtlich daneben gezielt, so wie er auch seinen Brandsatz nur auf den Kiesvorplatz geworfen habe. Warum er dann überhaupt geworfen und geschossen hat, erklärt er damit, dass er nicht wieder der Feigling habe sein wollen.

Er ist Mitglied im Schützenverein, in der Musikkapelle und in der Feuerwehr, aber die Gemeinschaft mit dem Älteren sei für ihn das einzige Mal gewesen, "dass ich was wert bin und nicht der Arsch für alle". Die Bewohner der gar nicht weit vom eigenen Haus entfernten Unterkunft habe man vor allem "erschrecken" wollen. Die Schreckschusspistole, die später bei ihm daheim gefunden wurde, habe er nur deswegen zu einer funktionierenden Waffe aufgebohrt, um zu sehen, ob das wirklich so einfach ist, wie es immer heiße. Und den alten Militärkarabiner habe er beim Umbau der Tenne gefunden.

Der Ältere, ganz bieder im karierten Hemd und mit Eichenlaubstickerei am Sakkorevers, aber damals mit Stahlhelm nebst SS-Wahlspruch im Facebook-Profil, ist vor Gericht weniger redefreudig. Er will aber nicht die treibende Kraft hinter den Anschlägen gewesen sein, ganz im Gegenteil. "Wir haben das zusammen gemacht, deswegen müssen wir das jetzt zusammen durchstehen." Getrunken worden seien an den Abenden stets etliche Halbe Bier plus einige Schnäpse, was der Vorsitzende Richter die "wunderbare Biervermehrung" mit dem Ziel eines geringeren Strafmaßes nennt. Auch so kurz entschlossen, wie sie selbst behaupten, sind die Angeklagten bei den Anschläge womöglich nicht gewesen, denn es herrschte dazu reger Chatverkehr über die Mobiltelefone, und auch ausgedruckte Luftbilder aus dem Internet lagen "zur besseren Einsatzplanung" bereit.

Beim Einsatz der Nußdorfer Feuerwehr nach dem Anschlag mit den Molotowcocktails waren beide Angeklagten ganz vorne dabei, gleich im ersten Löschfahrzeug. Darüber, dass es dann doch nichts zu löschen gab, weil das Feuer von selbst erloschen war, werden wohl auch sie inzwischen ziemlich froh sein. Ein Urteil soll noch in dieser Woche fallen.

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SZ vom 28.11.2018/frw
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