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Prozess in Passau:Die Leute standen vor Gericht Schlange

Zwar schickte Dominik R. kurz vor seiner Festnahme eine SMS an seine Familie und kündigte an, sich zu stellen. Doch ist unklar, ob dies nur ein Manöver war, um die Fahnder zu täuschen.

Ob er eine Erklärung zu den Vorwürfen abgeben wolle, fragt der Richter in Richtung des Angeklagten. Dominik R. antwortet nicht. Nein, keine Erklärung, sagt sein Verteidiger. Weil Dominik R. schweigt und weil am ersten Prozesstag keine Zeugen geladen sind, macht der Richter bereits nach wenigen Minuten Schluss mit der Verhandlung.

Vor dem Landgericht hatten die Leute frühmorgens noch Schlange gestanden, um einen Sitzplatz im Gerichtssaal zu kriegen, jetzt müssen sie direkt wieder nach Hause gehen. Auch Dominik R. schlurft aus dem Gerichtssaal hinaus, in Handschellen und Fußfesseln, begleitet von Justizvollzugsbeamten, die ihn zurück ins Gefängnis bringen. Auch auf dem Weg von der Anklagebank zur Tür des Saals schaut Dominik R. kein einziges Mal hinüber zu Lisas Vater.

Draußen, auf dem Flur, bleibt dieser noch eine Weile stehen, aber sagen möchte er nichts. An seiner Stelle erklärt sein Anwalt, was er von den zwölf weiteren Verhandlungstagen erwartet, die bis Ende November angesetzt sind. "Für meinen Mandanten ist es einfach wichtig, zu erfahren, was in der Tatnacht passiert ist und warum das Ganze eigentlich passiert ist. Das ist für seine persönliche Aufarbeitung sehr, sehr wichtig", sagt Armin Dersch.

Wie er Dominik R. am ersten Prozesstag erlebt habe? "Na ja, wir haben ihn nicht besonders erlebt. Er ist gekommen, hat nicht gesprochen und ist wieder gegangen. Er hat auch kein Wort des Bedauerns erwähnt", sagt Rechtsanwalt Dersch.

Vor einen Wald aus Kameras und Mikrofonen tritt auch noch Rechtsanwalt Ronny Raith, der vor Gericht als Nebenkläger für den gemeinsamen Sohn von Lisa H. und Dominik R. auftritt. Dem inzwischen Zweijährigen gehe es "relativ gut", sagt Raith, "er wird von der Großmutter sehr gut versorgt und dort auch ärztlich und jugendpsychiatrisch betreut".

Als Lisa H. sterben musste, war der Bub in ihrer Wohnung. "Wir alle wissen nicht, was er mitbekommen oder nicht mitbekommen hat", sagt Anwalt Raith. Er hofft deshalb, dass Dominik R. sein Schweigen in den kommenden Wochen noch bricht.

"Wie es in ihm drin ausschaut, das weiß ich nicht, das muss er mit sich selber ausmachen", sagt Raith. Als Anwalt des Kindes gehe es ihm einzig und allein darum, "die Sache aufzuklären", um dem Buben, "wenn er heranwächst, seine Fragen auch beantworten zu können".

Bei der Aufklärung des Falls sollen auch die insgesamt 42 Zeugen helfen, die Richter Wolfgang Hainzlmayr geladen hat, dazu will er vier Sachverständige anhören. Als Zeugin wird voraussichtlich auch Lisa H.s Mutter vor Gericht erscheinen. Am 4. September wird der Mordprozess in Passau fortgesetzt.

© SZ vom 23.08.2017/amm

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