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Prozess gegen Loverboys:Märchen von der großen Liebe

Drei Männer versprechen jungen Frauen den Himmel und schicken sie in die Hölle: in die Prostitution. Vor Gericht sagen die Opfer, sie hätten das so gewollt. In Memmingen hat der Prozess gegen drei sogenannte Loverboys begonnen.

Die große Liebe wird an diesem Tag nicht erwidert. Die drei jungen Männer, die von ihrer jeweiligen Freundin verteidigt, angehimmelt und unterstützt werden, würdigen die jungen Frauen keines Blickes. Stoisch, den Blick geradeaus gerichtet, lauschen die sogenannten Loverboys unter dem großen Holzkreuz im Sitzungssaal des Amtsgerichtes in Memmingen den Ausführungen des Staatsanwaltes und ihrer vermeintlichen Partnerinnen. Doch sollten nicht die Frauen den Blick abwenden? Sie sind immerhin die Opfer.

Den drei Rumänen im Alter von 28, 24 und 23 Jahren auf der Anklagebank wird Schwerwiegendes zur Last gelegt: Körperverletzung, Menschenhandel, Anstiftung zur Prostitution. Sie sollen sechs junge Frauen - unter ihnen jene drei, die sich so vehement für sie einsetzen - unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus ihrem Heimatland nach Deutschland gelockt haben.

Die Anklageschrift liest sich wie eine schlimmere Version des Drehbuchs für den Schimanski-Krimi in der ARD vom vergangenen Sonntag, der unter dem Titel "Loverboy" zur Primetime das Thema Täuschung und sexuelle Ausbeutung junger Frauen auf den Bildschirm brachte. Es geht um das Versprechen eines besseren Lebens in Deutschland - und um ein Ende in regelrechter Versklavung in der Provinz in so wenig verheißungsvollen Etablissements wie "Eros-Center" und "Club Safari".

Das Drama, das nun im Memmingen verhandelt wird, spielte sich in der bayerischen Provinz ab, in Pfuhl bei Neu-Ulm. Hier verhafteten die Beamten am 14. Mai dieses Jahres die drei Männer, die über Monate hinweg Frauen zur Prostitution gezwungen, geschlagen und ausgebeutet haben sollen.

Wie eine Parodie der Anklageschrift

Am ersten Prozesstag ist hiervon allerdings nur in der Anklageschrift von Staatsanwalt Thorsten Liese die Rede. Selbst als die Angeklagten mit Handschellen gefesselt hereingeführt werden, kommt unter den Frauen keine Unruhe auf. Sie wirken gefasst, die Rollenverteilung zwischen Opfer und Täter offenbart sich nicht. Und dabei bleibt es auch. Was Richter Nikolai Braun, Staatsanwalt Liese und die drei Verteidiger anschließend zu hören bekommen - alle drei Angeklagten verweigern die Aussage -, klingt wie eine Parodie der Anklageschrift.

Die ersten drei Zeuginnen, jede von ihnen die Freundin eines der Angeklagten und in den Augen der Staatsanwaltschaft Opfer, berichten vom gemeinsamen Traum in Deutschland. Davon, dass es ihre eigene Idee und Entscheidung gewesen sei, die finanzielle Freiheit in der Prostitution zu suchen. Von der Unterstützung durch ihre Freunde, von bedingungslosem Rückhalt und großer Liebe. "Das ist das Theater, mit dem wir gerechnet haben", sagt Staatsanwalt Liese nach der Vernehmung der drei Zeuginnen im Alter von 19 und 20 Jahren.

Soni Unterreithmeier von der Organisation Solwodi (Solidarity with women in distress), die sich auch um die Pfuhler Frauen in den ersten Tagen nach der Inhaftierung der Männer kümmerte, weiß, in welcher Zwickmühle sie sich befinden, wenn sie vor Gericht gegen ihre ehemaligen Zuhälter und Peiniger aussagen müssen. "Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Frauen trotz der enormen Gewalt nicht gegen ihre Peiniger aussagen. Aber sie tun das gerade wegen der Gewalt: Die Männer bedrohen die Frauen direkt wie auch deren Familien in der Heimat", sagt Unterreithmeier.

Die Täter seien skrupel- und rücksichtslos. Die Forderung, auf den Strich zu gehen, sei nicht verhandelbar. "Andererseits erzählen sie den Frauen, dass sie die Allerbesten und Allertollsten sind", sagt die ehrenamtliche Helferin über die Masche der Loverboys. Sollten die Frauen sich aber doch einmal weigern, regiere die blanke Gewalt. Außerdem würden sie die Frauen finanziell so kurz halten, dass ihnen eine Flucht kaum möglich sei.

"Es ist wohl eine Überlebensstrategie"

Die drei Rumänen in Pfuhl sollen ihre Freundinnen und die weitere junge Frauen im Alter zwischen damals 18 und 21 Jahren ebenfalls an der kurzen Leine gehalten haben; jeden Schritt kontrollierten sie, organisierten die Fahrten in die Klubs, das Geld kassierten sie sofort ein. Begonnen haben soll das Martyrium zunächst in Frankfurt am Main. Dort haben sich die Frauen namens Delia und Barbu erstmals in einem Klub prostituiert, ehe sie gemeinsam mit ihren Zuhältern U., 28, und C., 24, nach Pfuhl bei Neu-Ulm zogen.

Dorthin lockten die drei Männer - zwei Brüder und ein Cousin - schließlich vier weitere Frauen, immer mit dem Versprechen der großen Liebe oder der Aussicht auf einen gut bezahlten Job als Bedienung. Letztere Hoffnung erfüllte sich schon aufgrund der mangelnden Deutschkenntnisse der Frauen nicht. Es folgte der Weg in die Prostitution.

Alle drei vermeintlichen Freundinnen sowie eine weitere Zeugin bestreiten den Zwang durch die Männer, den die Staatsanwaltschaft den Angeklagten zur Last legt. Ebenso wie die Nötigung, sämtliche Einnahmen abgeben zu müssen. Die Frauen beharren darauf, das Geld über Dienste wie Western Union an Verwandte zur Unterstützung nach Rumänien geschickt oder für den Bau eines gemeinsamen Hauses zurückgelegt zu haben. Die Staatsanwaltschaft spricht von Transaktionen in Höhe von mehreren zehntausend Euro.

"Es ist wohl eine Überlebensstrategie, sich an diese Hoffnung auf ein besseres Leben zu klammern", sagt Unterreithmeier. Und diese Hoffnung und die damit einhergehende Verzweiflung binde die Frauen an die Männer. Der Prozess gegen die drei Loverboys aus Pfuhl wird am 22. November fortgesetzt. Richter Braun hat noch mindestens zwei Verhandlungstage angesetzt.

© SZ vom 15.11.2013

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