Prozess gegen Ex-Polizeichef:"Ich hab' ihm eine geschmiert"

Lesezeit: 3 min

Er steht vor Gericht, weil er einen 15-Jährigen misshandelt haben soll: Zum Prozessauftakt gibt der Ex-Polizeichef von Rosenheim eine Ohrfeige zu. Doch an die kann sich der Schüler gar nicht mehr erinnern - stattdessen berichtet er, wie ihn der Beamte mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen habe. Mindestens dreimal.

Hans Holzhaider, Traunstein

Prozess gegen Rosenheimer Ex-Polizeichef

Er soll einen Schüler misshandelt haben: In Traunstein hat am Montag der Prozess gegen den ehemaligen Polizeichef von Rosenheim, Rudolf M. (rechts), begonnen.

(Foto: dpa)

Wenn man so mitten im Leben stehe und sich so für die Allgemeinheit engagiere wie er, sagt der Angeklagte, dann treffe einen eine solche Anklage schon sehr tief: "Ich bin mir meiner Verantwortung für die Bürger immer sehr bewusst gewesen." Seit 30 Jahren ist Rudolf M. im Polizeidienst, zuletzt als Leiter der Polizeiinspektion Rosenheim, und jetzt das: Vom Dienst suspendiert, die Bezüge um ein Viertel gekürzt und nun als Angeklagter vor Gericht - "ich bin psychisch in ein ziemlich tiefes Loch gefallen".

Rudolf M. ist 50 Jahre alt, ein kräftiger Mann, grauer Schnurrbart, kurz geschnittenes, graues Haar Beim Rosenheimer Herbstfest 2011 soll Rudolf M. den 15-jährigen Schüler Florian K. (Name geändert) mit Kniestößen traktiert, ihm Ohrfeigen versetzt und ihn auf der Wiesenwache mindestens zweimal mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen haben, dass dem Schüler ein Schneidezahn abbrach und seine Lippe aufplatzte.

Dass da etwas falsch gelaufen ist, das räumt Rudolf M. am ersten Prozesstag vor dem Traunsteiner Landgericht ohne weiteres ein. Er habe schon einen stressigen Einsatz hinter sich gehabt, sagt er - eine Rockergruppe, die auf dem Volksfest einfallen wollte, musste ruhiggestellt werden.

Gegen 22 Uhr sei er auf den Festplatz gekommen, da hatten seine Beamten gerade Florian K. festgenommen und ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt, weil der 15-Jährige an einer vorangegangenen Schlägerei beteiligt war. Weil er ohnehin auf dem Weg zur Wiesenwache war, habe er dann selbst mit einem zweiten Beamten den Jungen abgeführt, sagt der Ex-Polizeichef.

"Ich wollte ihn drehen"

Weil der Schüler immer mal wieder stehen blieb und sich umschaute, habe er ihn mit dem Knie ein bisschen geschubst - "kein Stoß, kein Tritt" - und ihm einmal "mit der Hand ins Gesicht gelangt". Der habe ihn gleich beschimpft und mit Anzeige gedroht. Auf der Wache habe er den Jungen dann eigentlich nur auf eine Bank setzen wollen. Der stand mit dem Gesicht zur Wand, die Hände immer noch auf dem Rücken gefesselt.

"Ich wollte ihn drehen. Er rührt sich nicht. Ich hab' ihn mit der Hand in den Rücken gestoßen, dann hat er sich zurückgeworfen und ist mit voller Wucht gegen die Wand." Daraufhin habe Florian K. ihn beleidigt und angespuckt. "Da ist bei mir das Fass übergelaufen, und ich hab' ihm eine geschmiert", sagt Rudolf M. "Ich weiß, dass das nicht richtig war. Dafür übernehme ich die Verantwortung."

Was der Schüler sagt

An die Ohrfeige kann sich Florian K. nicht mehr erinnern. Er hat die Sache ganz anders in Erinnerung. "Wir kamen in die Wache, ich hab' mich gleich hingesetzt", erzählt er. "Dann hab' ich ihn gefragt, warum er mich getreten hat, und er hat mich angeschrien, dass mich das gar nichts angeht. Er ist immer lauter geworden, dann bin ich auch lauter geworden. Dann ist er richtig ausgetickt. Er hat mich an den Schultern hochgerissen, hat mich umgedreht und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen."

"Wie oft", fragt der Vorsitzende Richter. "Mindestens dreimal", sagt Florian. "Bis meine Mutter reinkam und geschrien hat" Für sie ist die Szene unvergesslich. Sie sah, wie ihr Sohn auf die Wache geführt wurde. "Ich hab' gebettelt, dass sie mich auch reinlassen, aber ein Beamter hat immer wieder die Tür zugedrückt."

Endlich sei es ihrer Freundin gelungen, die Tür aufzudrücken. "Und da hab' ich gesehen, wie der M. meinen Sohn mit der rechten Hand am Nacken hatte und ihn mehrmals gegen die Wand geschlagen hat. Hundertprozentig. Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf raus".

Rudolf M. hat einen Entschuldigungsbrief an Florian K. geschrieben, in dem steht: "Ich wollte eigentlich nur, dass Du dich hinsetzen sollst. Es war nie meine Absicht, dass Du mit dem Kopf gegen die Wand stößt."

Florian K. sagt, diesen Brief hätte er lieber nicht bekommen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema