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Prozess:Brand von Schneizlreuth: Gemeinde wusste wohl von illegalen Übernachtungen

Eventmanager vor Gericht

Der angeklagte Event-Veranstalter (rechts) muss sich vor dem Landgericht Traunstein wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

(Foto: dpa)
  • Im Prozess um den verheerenden Brand mit sechs Toten und 20 Verletzten im oberbayerischen Schneizlreuth gerät zunehmend die Gemeinde unter Druck.
  • Die Vernehmung von Rathausbediensteten ergab, dass die Verwaltung von den illegalen Übernachtungen im Gebäude des Eventmanagers wusste.

Die Männer aus dem Rathaus waren als Zeugen geladen, nicht als Angeklagte. Doch die Belehrung, dass sie sich durch ihre Aussagen nicht selbst einer Straftat bezichtigen müssen, war am Dienstag im Landgericht Traunstein mehr als nur Routine.

Denn dass ein Teil der Verantwortung für die tödliche Brandkatastrophe von Schneizlreuth im vergangenen Jahr auch im dortigen Rathaus zu suchen sein könnte, das wurde am fünften Verhandlungstag gegen den wegen fahrlässiger Tötung angeklagten Event-Veranstalter immer deutlicher.

In dem Bauernhof, den der Angeklagte von 1994 an zu einem Outdoor-Center umgebaut hatte, sind am Pfingstwochenende des vergangenen Jahres sechs Menschen gestorben. 20 wurden teils schwer verletzt, als ein Abenteuerwochenende zu einem Firmenjubiläum in einem nächtlichen Inferno endete.

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Aus dem Matratzenlager unter dem Dach gab es ohne den vorgeschriebenen zweiten Rettungsweg kein Entkommen. Warum eine Etage tiefer in einem Wäscheschrank ein Feuer ausgebrochen war, konnte am Dienstag auch ein Sachverständiger nicht mit Sicherheit sagen. Einen technischen Defekt schloss er eher aus, eine weggeworfene Zigarette oder Wasserpfeifen-Kohle konnte er als Ursache aber auch nicht bestätigen.

Der Event-Manager hat sich um Genehmigungen nie gekümmert

Dass er in dem mehr als 450 Jahre alten "Pfarrerbauernhof" keine Gäste hätte schlafen lassen dürfen, hatte der Outdoor-Veranstalter schon am ersten Prozesstag eingeräumt. Um Baugenehmigungen und Brandschutzvorschriften habe er sich nie gekümmert. Erst 2008 hatte das Landratsamt in Bad Reichenhall die nötigen Genehmigungen und ein Brandschutzkonzept angemahnt.

Die Behörde gab sich mit seiner Erklärung zufrieden, die Gäste künftig anderswo unterzubringen, doch daran hat sich der Angeklagte bald nicht mehr gehalten. Zugleich war offenbar die ganze Zeit über praktisch jedem im Schneizlreuther Rathaus klar, dass im Pfarrerbauernhof regelmäßig viele Menschen übernachten.

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(Foto: dpa)

Davon sei er immer ausgegangen, sagte am Dienstag Bürgermeister Wolfgang Simon, der sein Amt 2014 ohne jede Übergabe angetreten hat. Allerdings habe er auch angenommen, dass ein schon lange laufender Betrieb dafür die nötigen Genehmigungen hat. Ähnlich äußerte sich der Bauamtsmitarbeiter, der sich zum Zeitpunkt des Brandes gerade erst eingearbeitet hatte.

Mehr als 1000 Gäste pro Jahr

Der Geschäftsleiter im Rathaus will sich vor allem um die schlechte finanzielle Lage der Gemeinde gekümmert haben. Die fehlende Genehmigung habe er "so nicht gesehen", die Notwendigkeit einer Feuerschau "nicht im Kopf" gehabt. Eine solche Begehung hätte die Katastrophe nach Angaben eines zweiten Sachverständigen wohl verhindert, weil dann der Wäscheschrank beseitigt und mindestens der Dachboden hätte gesperrt werden müssen.

Der ehemalige Bürgermeister, der mit seiner Firma einst auch die Elektroinstallationen in dem Haus erledigt hatte, wollte selbst nie etwas davon bemerkt haben, dass in dem 200 Meter vom Rathaus entfernten Hof oft mehr als nur eine Handvoll Gäste und sogar ganze Schulklassen übernachtet haben. Denn sein Ehrenamt habe er nur unter der Woche vormittags ausgeübt.

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Dabei hatte der Veranstalter auf vielen Formularen teils weit mehr als 1000 Gäste pro Jahr ans örtliche Verkehrsamt gemeldet und der klammen Gemeinde dafür stets den geforderten Fremdenverkehrsbeitrag bezahlt. Doch der langjährige Bürgermeister will die Übernachtungszahlen immer nur für ganz Schneizlreuth überblickt haben, nicht für einzelne Betriebe.

Die Hinterbliebenen schütteln fassungslos die Köpfe

Allerdings war bei den Ermittlungen im Rathaus eine Notiz aufgetaucht, wonach es 2007 zwischen dem Bürgermeister, dem damaligen Geschäftsleiter und dem Angeklagten eine Absprache zu den Übernachtungen trotz fehlender Genehmigungen gegeben hat. Eine Rathaus-Mitarbeiterin bestätigte den Vermerk. Dass in dem Hof Gäste schliefen, das habe doch jeder gewusst.

Auch einem Richter der fünfköpfigen Kammer drängte sich der Eindruck auf, dass "man da gemeinsame Sache gemacht hat". Den ehemaligen Bürgermeister warnte er, dass er zwar die Aussage verweigern, aber nicht lügen dürfe, worauf dieser vorzog, zu dem Punkt zu schwiegen. Am Ende erklärte er, "dass das Unglück mir unendlich leid tut".

Sein Versuch, sich direkt an die teils wie versteinert und teils mit fassungslosem Kopfschütteln dasitzenden Hinterbliebenen im Saal zu wenden, scheiterte daran, dass ihm die Stimme versagte. Der Angeklagte, der bisher ausgesagt hatte, die Gemeinde habe die Übernachtungen "geduldet", bestätigte nun ebenfalls die Absprache. Das Urteil gegen ihn soll am 5. Februar fallen.