Finanzielle Not:Bayerns Privatschulen warnen vor Schließungen im nächsten Jahr

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Finanzielle Not: Heizen und lüften, das muss in den Schulen in diesem Winter irgendwie funktionieren, schon wegen Corona - und das bei steigenden Energiepreisen.

Heizen und lüften, das muss in den Schulen in diesem Winter irgendwie funktionieren, schon wegen Corona - und das bei steigenden Energiepreisen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Angesichts explodierender Energiekosten schlagen die Schulträger Alarm. Ein Hilfegesuch ist beim Kultusminister gescheitert, nun wenden sie sich direkt an Ministerpräsident Söder.

Von Anna Günther

Die Privatschulen in Bayern schlagen Alarm: Die hohen und wohl weiter steigenden Energiekosten könnten sie finanziell so überfordern, dass Schulschließungen nicht ausgeschlossen sind. In einem Brief bittet der Rat der freien Schulen nun Ministerpräsident Markus Söder (CSU) um Unterstützung. Ein erster Hilferuf bei Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) verhallte offenbar - und löste Unmut bei den Schulträgern aus.

Besonders ärgert Peter Kosak der "herablassende Ton", auch wenn er diesen vom Ministerium schon gewohnt sei. "Der Minister hat trocken zurückgeschrieben, dass Privatschulen Unternehmen sind und sich daher ans Wirtschaftsministerium wenden sollen", sagt Kosak, Ratssprecher und Leiter des Schulwerks der Diözese Augsburg. "Wir sind eine Schule und das Kultusministerium ist für uns zuständig." Er sei sich der "Unterstützungsverpflichtung" des Staates für den Erhalt des Ersatzschulwesens bewusst, schreibt Piazolo im Brief. Aber bei der Frage, ob Unternehmen "also auch Privatschulträger" finanzielle Hilfen bekommen, bedürfe es eines "größeren Betrachtungskontextes". Er leite den Brief an Finanz- und Wirtschaftsminister weiter.

Die hohen Energiekosten treffen Privatschulen massiv, beklagt Kosak. Anders als bei öffentlichen Schulen, deren Sachaufwand, also Bücher, Mobiliar und Strom- oder Heizkosten, Kommunen sowie Landkreise bezahlen, finanzieren Privatschulträger alles selbst. "Wir können das nicht bezahlen, ohne Hilfe drohen nächstes Jahr Schulschließungen", sagt Kosak. Er fordert eine Änderung des Schulfinanzierungsgesetzes und mehr Schulgeldersatz, also insgesamt höhere Zuschüsse für die 1364 Privatschulen im Freistaat.

"Nächstes Jahr sind wir blank", sagt Kosak

46 Schulen betreibt die Schulstiftung der Diözese Augsburg, vor Corona beliefen sich die Energiekosten auf 2,24 Millionen Euro. Für 2022 geht Kosak von 6,6 Millionen Euro aus - allein für Erdgas sind 2,9 Millionen Euro veranschlagt, fast sechs Mal so viel wie 2019. Kosak rechnet mit aktuellen Preisen, aber Experten gehen von weiteren Steigerungen aus. Eingeplant waren 3,2 Millionen Euro. "Wir haben schon jetzt ein Defizit von sechs Millionen Euro, damit sind die Rücklagen aufgebraucht. Nächstes Jahr sind wir blank", sagt Kosak. Alle Bauvorhaben seien gestoppt, nur noch sicherheitsrelevante Maßnahmen würden durchgezogen. Die meisten seiner Schulen sind in alten Gebäuden untergebracht, heizen ist teuer.

Einer Stiftung der Diözese Augsburg müsste der Bischof doch finanziell aushelfen? Kosak winkt ab. Die Kirchensteuer sinke stetig. Insgesamt bekomme das Schulwerk 18 Millionen Euro Jahresetat, mehr sei nicht drin. Er fahre schon Landratsämter und Rathäuser ab und bitte um Hilfe. Die Hälfte der 46 Schulen hat Versorgungscharakter, sie decken die Grundversorgung einer Region oder eines Ortes etwa an Realschulen ab. Entsprechend "redebereit" seien die Kommunalpolitiker, sagt Kosak. Zusagen sind das nicht. Müssten Privatschulen schließen, wäre der Staat verpflichtet, die Kinder zu verteilen oder neue Schulen zu gründen.

Das Schulwerk Augsburg sei kein Einzelfall, bestätigt Peter Nothaft, Direktor des Katholischen Schulwerks Bayern, in dem 180 Schulen und deren Träger organisiert sind. Etwa die Hälfte dieser Schulen gehören zu Klöstern oder kleinen Stiftungen. "Wo sollen die mal eben 50 000 oder 100 000 Euro mehr herbekommen?", fragt Nothaft. Mehr Sorgen als der Winter bereiten ihm die nächsten zwei Jahre. Die Kosten dauerhaft zu schultern, sei sehr schwierig. Zumal der Schulbetrieb durch digitalen Unterricht und Corona-bedingte Luftreiniger mehr Energie verbrauche als vor Corona.

Anders als Firmen haben viele Privatschulen in Bayern keinen Spielraum. Die katholischen Schulen wollen die Kosten laut Nothaft jedenfalls nicht auf die Eltern umlegen. Momentan verlangt das Schulwerk Augsburg 30 Euro Gebühren im Monat. Würden die Energiekosten umgelegt, müsste Kosak 52,47 Euro verlangen. Das sei keine Option. Man wolle Familien in diesen Zeiten nicht überfordern.

Auch in schicken Internaten kommt die Krise an

Ganz so dramatisch sei die Situation im nicht-kirchlichen Schloss Neubeuern nicht, sagt Jörg Schönfeld. Aber der Stiftungsvorstand musste das Schulgeld bereits erhöhen, weitere Steigerungen nicht ausgeschlossen. Dort kostet das Schulgeld ohnehin ein Vielfaches von anderen Internaten in Bayern und man kann davon ausgehen, dass die Eltern der meisten Schüler auch die jetzige Erhöhung finanziell verkraften. Die Privatschule verlangt für Internatsschüler 3860 Euro Gebühren im Monat, Tagesschüler, die das Gymnasium besuchen und daheim schlafen, bezahlen 1690 Euro. Ein Drittel der Mädchen und Buben kommt aus dem Ausland, der Großteil der 180 Internatsschüler aus sehr solventen Elternhäusern.

Trotzdem beschäftigen Schönfeld Inflation und höhere Kosten. Schlimmer als die hohen Energiepreise seien die teuren Personalkosten, die 80 Prozent des Haushalts ausmachen. Die Zuschüsse des Freistaates für Lehrer sind nicht mitgewachsen. "Mittelfristig werden wir das über Gebührenanhebung lösen können - mit großem Ärgernis und möglicherweise auch dem Verlust mancher Kunden." Eine Dauerlösung ist das nicht.

Schönfeld hofft, dass sich zumindest die Situation in der Ukraine rasch wieder bessert. Der Krieg wirke sich unmittelbar auf seine Schule aus: 20 bis 25 Prozent der Schüler sind nach den Ferien nicht wiedergekommen. "Aus Sicht der Asiaten ist Europa ein Kriegsschauplatz", sagt Schönfeld, das schrecke ab. Ukrainischen Familien brach das Einkommen weg, russische Familien sind von Sanktionen betroffen und können nicht bezahlen. Und die inländischen Eltern fürchteten die Inflation und beobachteten genau, ob und wie lange sie sich das "Statussymbol" Privatschule noch leisten wollen.

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