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Prichsenstadt:Gelebte Beschaulichkeit

Gespiegeltes fränkisches Fachwerk

Die Fachwerkhäuser im unterfränkischen Prichsenstadt spiegeln sich in den gewölbten Glasscheiben einer Tür.

(Foto: dpa)
  • Im unterfränkischen Prichsenstadt ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen.
  • Auch außerhalb der Saison teilen die Einwohner gern ihr Wissen mit den wenigen Besuchern.
  • Der Wein ist das zweite Standbein des idyllischen Ortes, die alten Handwerksbetriebe allerdings rentieren sich nicht mehr.

Träge löst sich der Morgennebel in der feuchtkalten Luft. Eine dünne Graupelschicht bedeckt die schmalen Gassen der Altstadt, nur wenige Fußabdrücke durchbrechen die Eisdecke. Wahrlich, es gibt schönere Tage als diesen für einen Besuch in Prichsenstadt. Wer aber erleben möchte, was die Bürger so schätzen an ihrem kleinen unterfränkischen Städtchen, der ist im Winter, fernab der Touristensaison, genau richtig.

Vor Sonnenaufgang ist der geselligste Ort die Bäckerei. Der Duft frischer Semmeln liegt in der Luft, das beschlagene Schaufenster ist hell erleuchtet. Wer hier ansteht, kommt unweigerlich ins Gespräch. Über das Treffen der Schützengesellschaft am Vorabend, das geplante Kesselfleischessen im Sportheim. Abends verlagern sich die Gespräche in eine der Gaststuben, dazu ein Glas ortseigener Wein. Liegt der Tourismus im Winterschlaf, haben die Prichsenstädter Zeit für sich.

Ein fremdes Gesicht wird zur Kenntnis genommen

Auf der Straße grüßen alle freundlich, man kennt sich. Ein fremdes Gesicht wird zur Kenntnis genommen, ein "Grüß Gott" gibt es trotzdem. Soll die Bekanntschaft darüber hinaus gehen, reicht das jedoch nicht aus. "Wer sich in Prichsenstadt integrieren will, sollte sich im Verein engagieren", erklärt ein gebürtiger Prichsenstädter und schwenkt seinen Weißwein. Er erlebe immer wieder die Enttäuschung einiger Zuzügler über den "dörflichen Charakter" des Ortes. "Wer aus der Großstadt herkommt, mit der Einstellung, dass er seine Nachbarn nicht kennen muss, wird es schwer haben, hier im Alltag anzukommen", glaubt er. Schnell Anschluss finde, wer bei Straßenfesten dabei sei, sich für die Debatten im Stadtrat interessiere und im Schützenverein mitmische. Im Winter haben die Bürger Zeit für all das.

Der wohl bekannteste Prichsenstädter ist der frühere Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Zu erkennen ist sein aufwendig hergerichtetes, orangefarbenes Fachwerkhaus an den Initialen auf dem Wetterfähnchen. Es ist auch diese Liebe zum Detail, die im Sommer Busladungen von Tagesbesuchern anlockt. Und sie verrät viel über die Bewohner. Sie pflegen ihr Prichsenstadt, die Idylle, die Beschaulichkeit.

Das Obst und Gemüse im kleinen Selbstbedienungsladen haben die Besitzer selbst angebaut.

(Foto: Anne Kostrzewa)

Seit 1972 gehören neun weitere Stadtteile und mehr als 3000 Einwohner zur Großgemeinde Prichsenstadt. Im eigentlichen Prichsenstadt leben 950 Bürger, vor allem vom Tourismus. Als Stadtführer - oder in der Montur der früheren Nachtwächter -, mit Gästezimmern und Wirtshäusern. Die vielen Handwerksbetriebe, die den Ort einst prägten, rentieren sich nicht mehr. Der letzte Tante-Emma-Laden schloss 2010. Nur der Bäcker und zwei Metzgereien sind noch da. Dazu ein kleiner Gemüseladen. Hier bedient man sich selbst und wirft das Geld in eine kleine Spardose, Personal wäre zu teuer.

Tourismus und Wein

Ein weiteres Standbein der Region ist der Wein. Die Reben wachsen an den Hängen nördlich der Stadtmauer. Der Aufstieg lohnt auch im Winter. Nur das leise Rauschen der Umgehungsstraße bricht dann durch die Stille, aus dem Ort hallt das Lachen und Kreischen der Schulkinder, die in der Hofpause spielen. Der Geruch frisch abgebrannter Holzkohle zieht aus den Schornsteinen bis hinauf in die Weinhänge. Dazu das Panorama der mittelalterlichen Fachwerkhäuser, die als denkmalgeschütztes Ensemble bis in die heutige Zeit Bestand haben.

Außerhalb der Altstadt stehen Neubauten und ein Industriepark. Doch innerhalb der alten Stadtmauer haftet Prichsenstadt noch immer der Charme einer längst vergangenen Zeit an. Ein Charme, dem die Prichsenstädter selbst erliegen. Viele Familien leben seit Generationen im Ort, geben die Betriebe im Alter an ihre Kinder weiter. Tourismus ist für sie auch das Angebot, ihre kleine Stadt mit anderen zu teilen. Nachtwächter Willi Eich zeigt bei einem Rundgang durch den Ort eben nicht nur den alten Gefängnisturm, sondern auch die stämmige Eiche, die er als Bub hinter seinem Elternhaus gepflanzt hat, und murrt über die gelbe Fassade des Rathauses, die ihm so überhaupt nicht gefalle.

Gerade dort, im Rathaus, wird deutlich, wie wichtig der Tourismus für die Stadt tatsächlich ist, auch im Winter, wenn die Bürger durchschnaufen. Anfragen zu Demografie, Wirtschaftskraft und Stadtentwicklung werden abgelehnt, das Gespräch am vereinbarten Tag wird wieder abgesagt. Eine Sprecherin des Bürgermeisters lässt ausrichten, man wolle eigentlich gar nicht, dass ein Artikel erscheint. Wenn überhaupt, spreche der Bürgermeister nur über den Tourismus.

Wer zu dieser Jahreszeit nach Prichsenstadt kommt, stellt aber schnell fest: Im Winter spricht der Ort ohnehin für sich. Genau wie seine Bürger, wenn man sie fragt.

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Für den Tipp bedanken wir uns bei Alexander Majkowski aus Prichsenstadt.