Politische Bildung "Wenn Europa den Bach runtergeht, geht auch euer Leben den Bach runter"

Heribert Prantl diskutiert mit Schülern des Gymnasiums Oberhaching über Europa und die Streiks während der Schulzeit.

(Foto: Florian Peljak)

Im SZ-Werkstattgespräch diskutiert Heribert Prantl mit Oberhachinger Zwölftklässlern über die EU, Schülerstreiks und Journalismus.

Von Dominik Kalus, Oberhaching

Das angeblich wichtigste Buch von allen ist gerade einmal faustgroß. "Ich habe immer eines im Auto liegen", sagt Heribert Prantl und präsentiert vom Podium aus eine schwarz-rot-gelb geheftete Ausgabe des Grundgesetzes. "Das braucht man immer". Das Gemurmel im Saal ist nach dieser Einleitung verstummt, die knapp 100 Zwölftklässler des Gymnasiums Oberhaching lauschen gebannt, was der SZ-Journalist und Leitartikelschreiber ihnen sagen möchte. Im Sozialkundeunterricht hatten sie eines seiner Bücher gelesen: "Trotz alledem", ein 93-seitiges Plädoyer für Europa.

Um Europa soll es auch an diesem Nachmittag in der Gemeinde- und Schulbibliothek Oberhaching gehen. Was tun gegen Nationalismus und Rechtspopulismus, gegen die Feinde der europäischen Idee? Seinen Vortrag beginnt Prantl mit Artikel Eins der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Von der Weimarer Reichsverfassung ("besser als ihr Ruf") kommt er über das Thema Migration zur Europäischen Union und der "Wiederkehr der alten Wahnideen". Der promovierte Jurist spricht langsam, in Redepausen ist nur das leise Brummen der Lautsprecher zu hören. Seinen sanften Ton unterbricht er immer wieder mit scharfen Appellen. "Sie dürfen alles wählen, aber Sie dürfen keine Nationalisten wählen", hält Prantl die Schüler an. "Wenn Europa den Bach runtergeht, geht auch euer Leben den Bach runter."

Europäische Union Europa muss wieder begeistern
Merkel in Brüssel

Europa muss wieder begeistern

Die Europawahl 2019 entscheidet darüber, ob die EU eine Zukunft hat. Angela Merkel hat das verstanden, in Straßburg hat sie eine offensive Rede gehalten. Auch die Wahlkämpfer sollten mutig sein.   Kommentar von Heribert Prantl

Rechtspopulismus sei kein Vulkan, keine Naturgewalt, der man tatenlos zusehen müsse. Allerdings brauche es neue Utopien und Solidarität in der Europäischen Union. Mehrmals zitiert Prantl Dichter und Denker wie Sartre, Ovid oder Grillparzer, der bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor den Gefahren eines übersteigerten Nationalismus gewarnt hatte. Mit den Worten "seid mutig, gönnen wir uns dieses Glück", leitet Prantl nach etwa 40 Minuten die anschließende Diskussionsrunde ein.

Die Schüler wollen Prantls Europa-Euphorie nicht einfach hinnehmen, stellen kluge und kritische Fragen, die man genauso in einem Politik-Oberseminar an der Uni verorten würde. "Kann man denn Europa überhaupt reformieren, oder brauchen wir nicht vielmehr etwas Neues?", will ein Schüler wissen. Die Systemfrage läßt Prantl nicht gelten, räumt allerdings ein, dass ein "Kerneuropa" wahrscheinlicher sei als eine weitere Integration aller aktuellen Mitgliedstaaten. "Sind Utopien nicht gefährlich?" greift ein anderer Prantls Vortrag auf und verweist auf blutige Revolutionen und den gescheiterten Sozialismus. Die Vereinigten Staaten von Europa seien eine "realistische Utopie", die man erreichen könne, sagt Prantl. Auf die Frage, was denn der Einzelne tun könne, hat er eine klare Ansage: "An Europa glauben, für Europa werben. Und wählen gehen."

Auch die Freitagsstreiks der Schüler für den Klimaschutz kommen zur Sprache. "Ich finde es toll, dass Sie demonstrieren", antwortet Prantl auf die Frage einer Schülerin nach seiner Einschätzung. Um die nötige Aufmerksamkeit zu erlangen, sei Demonstrieren zu Unterrichtszeiten effektiver als an einem Samstag. Allerdings solle es nicht darum gehen, nun "zwei Jahre lang" jeden Freitag die Schule zu schwänzen, sondern darum, die Aufmerksamkeit zu nutzen. Diese Äußerung nutzt ein Schüler für eine Medienkritik: "Warum wird der Aspekt des Schwänzens in den Medien so sehr ausgebreitet und nicht der Inhalt der Demos?" Es könne nicht sein, dass sich dazu der Bildungsminister äußert anstatt die Verantwortlichen der Klimapolitik. Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) hatte das Engagement der Schüler begrüßt, aber zugleich auch auf die Schulpflicht verwiesen.

Eine der Fragen bekommt Prantl nach eigenen Angaben nicht zum ersten Mal gestellt: "Sie haben doch Ideen, warum gehen Sie nicht selbst in die Politik?" Prantl entgegnet, dass er doch in der Politik sei. Mit seiner Tätigkeit als Journalist erreiche er mehr, als mit einem Job als Abgeordneter. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu, dass er nicht Nein sagen würde, wenn ihm jemand den Posten als bayerischer Innenminister anböte. "Ich würde gerne zeigen, dass man auch liberale Innenpolitik machen kann."

Die letzten zehn Minuten der Diskussion drehen sich um das Thema Journalismus. Dieser sei "nie objektiv, aber er muss fair sein und Persönlichkeitsrechte wahren." Prantls Rat an Nachwuchsschreiber im Publikum: "Die Liebe zur Sprache ist wichtiger als Noten".

Die Schüler des Abijahrgangs 2019 sind zufrieden. "Ich finde es toll, dass so etwas stattfindet", sagt nach der Veranstaltung der 17-jährige Martin Bock, der sich während der Diskussion mehrmals zu Wort gemeldet hatte. Auf die Frage, ob sein Abijahrgang politischer sei als die davor, antwortet er: "Das kann gut sein. Die Jahrgänge vor uns mussten sich nicht mit solchen Problemen auseinandersetzen wie wir."

Geschichte Warum Politiker wie Brandt und Bahr so fehlen

Prantls Blick

Warum Politiker wie Brandt und Bahr so fehlen

Die Welt ist unsicher wie lange nicht. Die Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz am kommenden Wochenende stehen vor großen Aufgaben - denn Frieden ist kein natürlicher Zustand.   Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl