Süddeutsche Zeitung

Prager Frühling:"Und die halbe Kaserne war im Urlaub"

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Als vor 50 Jahren die Sowjets in der Tschechoslowakei einmarschierten, erfuhr die Bundeswehr das aus dem österreichischen Rundfunk. Eine Blamage, die bis heute nachwirkt.

Von Hans Kratzer

Die Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 hat Alexander Metz so irritiert, dass er sie bis heute nicht vergessen hat, mag sie auch schon 50 Jahre zurückliegen. Metz bekam damals am eigenen Leib zu spüren, dass die große Weltpolitik manchmal sehr plötzlich und radikal die eigene Existenz ins Wanken bringen kann. Als Unteroffizier hatte Metz in jener Nacht in der Hochmeister-Kaserne in Feuchtwangen Dienst geschoben.

Die Kaserne war seit 1961 Bundeswehrstandort, Fernmeldeabteilungen der Luftwaffe waren dort stationiert. Das Wetter war durchwachsen, zwischendurch regnete es leicht, der Dienst nahm in routinemäßiger Leichtigkeit seinen Lauf. Niemand in der Kaserne ahnte, dass sich nur wenige hundert Kilometer entfernt die Truppen des Warschauer Pakts in Bewegung setzten und eine weltweite Krise heraufzog.

In der Kaserne in Feuchtwangen herrschte die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. "Es tat sich ja rein gar nichts", erinnert sich Metz, der an jenem 20. August beim Fernmelderegiment 72 zum ersten Mal als Schichtleiter im Einsatz war. Die Hauptaufgabe des Regiments bestand darin, den militärischen Funkbereich in der zum Warschauer Pakt gehörenden Tschechoslowakei zu überwachen. Der Warschauer Pakt war ein militärischer Beistandspakt des damaligen kommunistischen Ostblocks unter der Führung der Sowjetunion. "Natürlich war ich aufgeregt", erinnert sich Metz. Immerhin wusste man von Manövern in Osteuropa. "Eigentlich hätten uns die westlichen Nachrichtendienste erhöhte Bereitschaft signalisieren müssen. Das war aber nicht der Fall. Und die halbe Kaserne war im Urlaub."

So kam es, dass sich in dieser Nacht im Osten die größte Truppenbewegung in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs formierte, während der Westen schlief und die Aufklärung nicht funktionierte. Den Funküberwachern in Feuchtwangen erging es in dieser dramatischen Nacht so ähnlich wie einer verschlafenen Wachtruppe auf dem Dorf, die von Maibaumdieben übertölpelt wird. Die Fernmeldeaufklärer sahen die Bedrohung einfach nicht kommen. Der Versuch der tschechoslowakischen Politiker, einen demokratisch geprägten Sozialismus zu schaffen, sollte nach dem Willen der Sowjetunion mit militärischen Mitteln beendet werden. Nach Einbruch der Dunkelheit starteten die Invasoren des Warschauer Pakts in einer Art Blitzaktion ihre gewaltige Militäroperation. Nach kurzer Zeit war der sogenannte Prager Frühling beendet.

Schichtleiter Alexander Metz erfasste die Bedrohung in jenem Moment, als ihn ein Obergefreiter darauf aufmerksam machte, dass "die Russen gerade in die Tschechei einmarschieren". Das von den Nazis geprägte Wort Tschechei war in der Alltagssprache noch omnipräsent. Von der Militäraktion hatte der Obergefreite aber nicht durch das Abhören von Funk- und Morsezeichen erfahren, sondern weil er auf den Empfangsgeräten der Funküberwachung verbotenerweise den österreichischen Rundfunk hörte. "Und der meldete als erster den Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei", erinnert sich Metz.

"Ich dachte erst, der Obergefreite wolle sich einen Scherz erlauben, weil ich zum ersten Mal Schichtleiter war." Metz schenkte dem Soldaten keinen Glauben, obwohl der fast verzweifelt auf ihn einredete. Schließlich schaltete Metz selber den österreichischen Rundfunk ein und hörte die unglaubliche Nachricht mit eigenen Ohren. "Ich löste aber nur zögerlich Alarm aus", rechtfertigt sich Metz, "denn wie sollte ich dem Stab klarmachen, dass die Russen dabei waren, die Tschechoslowakei einzunehmen, ohne gestehen zu müssen, dass wir dieses Wissen nur dank des österreichischen Rundfunks erlangt hatten?"

Es klingt fast wie ein Treppenwitz der Geschichte. Ausgerechnet jene Kräfte, die den Vormarsch der Warschauer-Pakt-Truppen hätten frühzeitig erkennen müssen, unterschätzten die Lage komplett. Aber nicht nur die deutschen Funkhorcher wurden kalt erwischt, sondern auch der Bundesnachrichtendienst (BND). Diese Meinung vertritt unter anderem der Militärhistoriker Armin Müller, ein Experte zum Thema Funkaufklärung.

In Feuchtwangen begannen sich vor Mitternacht die Ereignisse zu überschlagen. Im Funkverkehr brachen jetzt alle Dämme. Metz blickt verwundert zurück: "Anhand der Art und Weise, wie sie Morsezeichen gaben, kannte ich jeden der tschechischen Funker, die ich zu überwachen hatte, ohne sie jemals persönlich gesehen zu haben. Irgendwann in dieser Nacht sendeten sie nur noch Klartext, ohne jegliche Verschlüsselung wie sonst üblich."

"Ahoj kamarádi" (Ahoi Kameraden), so lauteten die letzten Worte eines tschechischen Funkers, nachdem russische Panzer in seine Kaserne eingedrungen waren. Er beendete seine Sätze stets mit "Du Ochse" (ti vole). Der "dicke Vole", wie Metz ihn deshalb nannte, schilderte per Morsezeichen sehr anschaulich, was sich während der Invasion vor seinem Fenster abspielte. Dann herrschte plötzlich Funkstille. "Den tschechischen Sender, den ich jeden Tag zu überwachen hatte, gab es fortan nicht mehr", sagt Metz. "Ade meine Freunde, dachte ich mir und war ein wenig traurig, so als hätte ich von guten Freunden Abschied nehmen müssen."

Der Funkaufklärer Hans Frommer hatte an jenem Abend in einer anderen Einheit in Feuchtwangen Dienst. Er machte damals ähnliche Erfahrungen wie Metz. Erst durch das heimliche Hören von Radio Wien habe sich "der äußerst glückliche Umstand" ergeben, "dass wir vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei erfuhren." Unter anderem brachten Flugzeuge der Transportfliegerkräfte der Sowjetunion Fallschirmjäger auf Flugplätze in Prag und Umgebung. Die Aktion verlief mehr als kurios: Einige sowjetische Maschinen "verirrten" sich im Luftraum, da kein Radar ausgestrahlt wurde und kein Sprechverkehr mit den Piloten möglich war. Da sie ohne Radar nicht navigieren konnten und auch nicht per Funk geführt wurden, sollen einige vom Weg abgekommene Sowjetflieger über Nürnberg gekreist sein.

Frommer erzählt, er habe damals sofort jenen Aufklärungssektor angerufen, der für die russischen Verbände in der ehemaligen DDR und Polen zuständig war und den Wachleiter verlangt. Der musste aber erst geweckt werden. Der nächste Anruf galt deshalb dem Amt für Nachrichtenwesen der Bundeswehr in Köln. "Der Stabsoffizier vom Dienst stellte ernsthaft die Frage was er tun sollte", erinnert sich Frommer. "Meine Antwort war: Schmeißen sie den Verteidigungsminister aus dem Bett."

Durch intensivere Peilauswertung sahen die Aufklärer unterdessen etwas klarer. "Niemand wollte jetzt nach Hause, um den Überblick nicht zu verlieren." Trotzdem saß das Trauma des Versagens tief: Einige Wochen später wurde einer der Funker aus jener Nacht in die Zange genommen, sagt Frommer. "Man hat ihm wohl Versäumnisse vorgeworfen. Das war natürlich absurd, aber wie es im Leben so ist, die Schuldigen an dem Desaster wurden belobigt." Noch Wochen danach habe er geträumt, dass russische Panzer die Kaserne umzingelten, sagt Frommer.

Die Vorgänge in jener Nacht vor 50 Jahren beunruhigten auch die Bevölkerung in Bayern immens. Die Angst vor den Russen nistete in der Kriegsgeneration noch in einer Intensität, wie das heute kaum vorstellbar ist. Als sich die Nachrichten von der Invasion am Morgen des 21. August verbreiteten, fingen vor allem ältere Frauen spontan zu beten und zu weinen an: "Jetz kommt der Russe auch zu uns!", lautete die Urangst, die vor allem im volkstümlichen Liedgut zeitlos beschworen wird. "Der Russ der kimmt, des is ganz gwies", prophezeite die Biermösl Blosn. "Wenn da Russ kimmt, dann ist Schluss", sang der Liedermacher Georg Ringsgwandl, und der Satiriker Gerhard Polt ließ einen gewissen Schorsch klagen: "Der Russ, wann der kimmt, dann kimmt er anders als wia ihr eich des vorstellts. Da machts huiiii - und dann iss aus mitm Freibier."

Die Funkaufklärung aber stand nach dem Ende des "Prager Frühlings" vor einem Scherbenhaufen und wurde schleunigst neu organisiert. "Das ist kein Gerücht, sondern echt!", hatte 48 Stunden vor Beginn der Invasion ein Funkspruch aus dem Führungsbereich der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland gelautet. Der Auslandsgeheimdienst hatte ihn aufgefangen, weil er unverschlüsselt gesendet worden war. Genützt hatte das nicht viel. Ungereimtheiten gibt es bis heute. In den Fernmelderegimentern 71 und 72 ist bezüglich der Vorgänge vom August 1968 bis auf wenige Bruchstücke alles vernichtet.

Metz, Frommer und andere Zeitzeugen halten es für möglich, dass der Westen auf höchster politischer Ebene sehr wohl über den Einmarsch des Warschauer Pakts informiert war. Ihrer Theorie nach wahrten die Nato und die Geheimdienste ganz bewusst Stillschweigen. "Es könnte ein abgekartetes Spiel gewesen sein. Der Westen versprach nicht einzugreifen, zeigte aber gespielte Empörung", mutmaßt Metz. Zumindest würde diese Theorie das Geheimnis, warum die Deutschen nichts mitbekommen haben, ein wenig lüften.

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Quelle:
SZ vom 18.08.2018
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