Populismus:Argumente gegen die Vereinfacher

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Stammtisch in der Gaststätte "Isarthor" in München, 2013

Hier wird Politik gemacht und leider auch viel Schmarrn geredet.

(Foto: Rumpf)

Zuhören statt bekehren: Claudia Roth und Theo Waigel diskutieren darüber, wie man mit Populisten umgeht

Von Lisa Schnell

Claudia Roth von den Grünen redet gerne und mit ausufernden Gesten, aber manchmal, da weiß auch sie kurz nicht, was sie noch sagen soll. Da sitzen zwei vor ihr mit offensichtlich rechter Gesinnung und loben sie zuckersüß. Sie bewundern sie so dafür, wie sie die Meinungsfreiheit hochhält. Aber warum gelte das denn nicht für ihre Meinung? Und das auf einer Veranstaltung auf dem Podium, vor vielen Zuschauern. Da müssen die Argumente sitzen. "Die zwei erreiche ich nicht mehr, aber den Rest muss ich überzeugen", sagt Roth. Nur wie? Wie geht man um mit Populisten? Und wie bringt man "die Leute da draußen" wieder dazu, an Politik und Politiker zu glauben?

Darüber diskutieren an diesem Donnerstag die Grüne Claudia Roth und der ehemalige CSU-Parteivorsitzende Theo Waigel bei der Buchvorstellung "Politik wagen". Das Buch von Christian Boeser-Schnebel, dem Leiter des Netzwerks Politische Bildung an der Universität Augsburg, ist eine Argumentationsanleitung. Es liefert Argumente für all diejenigen, die nicht nur abwinken wollen, wenn es heißt: Politiker können nichts als ihre Diäten erhöhen, halten ihre Versprechen nicht, denken nur an die Macht. Stammtischparolen, zu denen bierselige Männer im Wirtshaus zwischen Wollwurstsuppe und Schafkopfen auf den Tisch hauen, die aber auch via Internet von Unzähligen in die Welt geblasen werden oder bei Theo Waigel als Postkarte im Briefkasten landen. "Leute wie Waigel müsste man erschlagen dürfen", steht da dann etwa.

"Die Schärfe, mit der über politische Akteure im anderen Lager geurteilt wird, hat zugenommen", sagt Buchautor Boeser-Schnebel. Die "Verrohung in der öffentlichen Sprache" führt er darauf zurück, dass die Leute sich nur noch in ihrem eigenen Bezugssystem bewegen. Auf Facebook liest man Posts und Nachrichten von Freunden, die eh der gleichen Meinung sind wie man selbst. Institutionen wie den Medien wird als "Lügenpresse" die Objektivität abgesprochen. So werden Menschen mit anderer Meinung schnell zu Gegnern. "Eine Gesellschaft aber, in der der Dialog zwischen Andersdenkenden nicht mehr möglich ist, die hat ein Problem", sagt Boeser-Schnebel. Seine Lösung ist deshalb der Diskurs. Jede Stammtischparole könne auch Ausgangspunkt für ein Gespräch sein. Warum siehst du das so? Wovor hast du Angst? Nicht belehren, nicht bekehren wollen, sondern Interesse zeigen an der Meinung des anderen, wie abstrus sie einem auch erscheinen mag, das ist für Boeser-Schnebel die richtige Antwort auf Stammtischparole. Und die Gräben zwischen Politik und Bürgern solle man nicht noch vertiefen. Aussagen von Politikern nach Wahlen, die Menschen hätten das Wahlprogramm eben bloß nicht richtig verstanden, seien da wenig hilfreich.

"Wir dürfen uns nicht in der Zitadelle der Macht abschotten", sagt Claudia Roth selbstkritisch über die eigene Zunft. Auch Waigel plädiert in Zeiten von Smartphone und Videobotschaften dafür, als Politiker den Menschen noch richtig in die Augen zu sehen und in echt die Hand zu geben. Waigel und Roth verstehen sich gut, auch weil Waigel in der CSU das Soziale und Christliche mindestens so wichtig findet wie das Konservative. Wenn es aber um den Umgang mit Populisten geht, sind sich Grüne und CSU ungefähr so einig wie Stammtischgänger und Wackersdorf-Demonstranten.

"Rassistische Nummern" von Finanzminister Markus Söder oder die CSU-Parole "Wer betrügt der fliegt" hält Roth nicht für angebrachte Antworten auf Populisten. "Rechtspopulismus kann man nicht dadurch bekämpfen, indem man selbst die Parolen aufnimmt", sagt Roth. Für Waigel steckte hinter der zugegeben etwas provokanten Überschrift "Wer betrügt der fliegt" aber ein berechtigtes Anliegen. Was für die CSU noch in die Kategorie "Ängste ernst nehmen" fällt, ist für Roth oft schon ein "Ängste schüren". Streit und Diskurs aber seien die besten Mittel gegen Politikverdrossenheit, sagt Boeser-Schnebel. Das werden Roth und Waigel an diesem Donnerstag gut hinkriegen.

"Politik wagen", 19 Uhr, Salvatorstr. 2, München. Einlass nur mit Anmeldung unter christian.boeser@phil.uni-augsburg.de

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