Veitshöchheim und Venedig sind sich nahe. Zumindest, was das Fastnachtstreiben angeht. Beide Karnevalstraditionen setzen auf Trubel, der sich in seiner theatralischen Variante in lose verbundenen Sketchen entfaltet. Das zeigt auch die venezianische Oper des siebzehnten Jahrhunderts, die vorrangig in der Karnevalssaison gespielt wurde. Zum Beispiel „Pompeo Magno“ von Francesco Cavalli, des seinerzeit erfolgreichsten Opern-Komponisten. Es ist eine Genre-Rarität, mit der Bayreuth Baroque in seine sechste Ausgabe startet und am Premierenabend das Publikum närrisch macht mit Lust am Spektakel.
Nobles und Verrücktes werden da verquirlt in abstrusen Handlungen. Denn nur auf den ersten Blick könnte „Pompeo Magno“ für ein historisches Drama gehalten werden, da der römische Feldherr zum x-ten Mal siegreich in Rom einzieht, wo schon der geflohene König Mitridate mit Rachegelüsten auf ihn wartet. Wichtiger als das sind die romantischen Verstrickungen.
Da gilt es, nicht den Überblick zu verlieren, zumal Regisseur und Festival-Intendant Max Emanuel Cenčić die karnevaleske Tradition der Oper in Maskenspielen hochleben lässt. Unter dem venezianischen Markuslöwen tummeln sich Pulcinelle und Gestalten mit Schweinenasen und verkomplizieren das eh unübersichtliche Plot-Gefüge mit heiterem Gewusel. Prominent dabei ist eine Gruppe kleinwüchsiger Darsteller. Und man will ja kein Spielverderber sein, aber irritierend ist das schon, nachdem Leute wie Warwick Davis, Peter Dinklage oder Christine Urspruch durch ihre Arbeit bestätigt haben, dass Menschen mit Kleinwuchs nicht auf Rollen-Stereotype festgelegt werden dürfen. Leider ist das hier passiert – die kleinwüchsigen Figuren sind Diener, Narren, Dauererregte.
Daneben passiert das: Die gefangene Königin Issicratea kommt in Rom an. Dort verliebt sich Pompeos Sohn Sesto (Nicoló Balducci) auf den ersten Blick in sie. Kein Wunder, Mariana Florès hat Charisma für drei Königinnen und eine Stimme, die blitzenden Stahl samtig ummantelt. Erfolg wird Sesto aber bis zum Schluss nicht haben, trotz seines klaren, flexiblen Countertenors und intensiven Spiels zwischen verzogenem Feldherrn-Filius und verletztem Liebenden.

Dass daraus nichts wird, liegt vor allem an der Liebe der Königin zu Mitridate. Valerio Contaldo leiht dem König seinen dunklen, nobel schimmernden Tenor. Mit dem ebenfalls gefangenen Sohn Farnace (jugendlich frisch: Alois Mühlbacher) ist die Familie komplett. Allerdings erkennt Farnace seinen Vater nach langer Trennung nicht und nimmt Pompeo als Vaterfigur an. Der wird vom Intendanten selbst gespielt. Und wer könnte es besser als Cenčić mit seinem weich fließenden Counter?
An ihm lässt sich studieren, wie man Alte Musik, die niemand kennt – seit dem siebzehnten Jahrhundert wurde die Oper nicht gespielt – lebendig macht. Cenčić deklamiert expressiv, gestaltet das subtile Spiel aus Dissonanz und Auflösung geschmackvoll. Und auch er hat amourös zu tun. Pompeo liebt Cäsars Tochter Giulia (starker, runder Sopran: Sophie Junker), die zieht aber den jüngeren Servilio (etwas heiser, aber engagiert spielend: Valer Sabadus) Pompeo vor.
Wie in einem Mosaik werden die Szenen von Liebe, Enttäuschung und Verwechslung gesetzt. Zur Auflockerung gibt es rasend komische Intermezzi einer verrückten Dame (grandios: Marcel Beekman) und ihrem in die Jahre gekommenen Kompagnon (Dominique Visse). Das könnte dramaturgisch zerbröseln. Doch Cavallis exquisite Komposition wirkt als Verbindung, wenn sie so aufgeführt wird wie von der flott aufspielenden Cappella Mediterranea unter Leonardo García-Alarcón.
Alles in allem: Eine Überraschung. Denn wer zur Vorbereitung das spröde Libretto gelesen hat, musste sich auf Tugend-Diskurse gefasst machen. Bekommen hat man ein glänzendes Bühnenfest, anarchischen Nonsens, eine faszinierende Posse. Ovationen auf allen Seiten und der Wunsch, Prunksitzungen mögen sich in Zukunft mehr an den Bayreuther Aufführungen venezianischer Opern orientieren.

