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Politisches Duell in der CSU:Wenn Söder in München einmarschiert

Markus Söder stellt Gondel vor

Aigners Konkurrent Markus Söder wirft sich in Nymphenburg groß in Pose.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der Nürnberger Markus Söder macht für sich verstärkt in München Reklame. Seine oberbayerische Konkurrentin Ilse Aigner hinkt bei der Selbstdarstellung hinterher. Ein Blick auf den Konkurrenzkampf in der CSU.

Eigentlich wäre das jetzt ein Ambiente, in dem man sich eher Ilse Aigner vorstellen würde. Hofbräuhaus, das Herz Münchens, Weißwurstfrühstück, Brezen und Bier. Altbayerischer geht es kaum. In der Mitte des Tisches sitzt - Markus Söder. Der Finanzminister aus Nürnberg parliert darüber, wie schön es doch sei, in der nächsten Woche am selben Ort eine richtig münchnerische Großveranstaltung abhalten zu dürfen: den Maibockanstich. Es wird wieder ein Großauftrieb fast wie beim Nockherberg, 700 Prominente kommen, der BR überträgt, der Abend ist auch politisch enorm aufgeladen, weil Söder in den beiden vergangenen Jahren in seiner Maibockrede grobe Frechheiten gegen Ministerpräsident Horst Seehofer abgelassen hat. Wie wird Söder diesmal umgehen mit Seehofer, aber auch mit seiner Konkurrentin Ilse Aigner? "Liebevoll", sagt Söder. "Wie im richtigen Leben."

Wenn Söder solche Sätze sagt, muss er selber lachen. Es ist das Lachen, das im Comicfilm Haifische zeigen, wenn vor ihnen süße Clownfische schwimmen. Auf Söders Teller liegen Weißwürst' und Wiener, er nimmt sich eine Wiener und beißt hinein, dass es knackt. Man möchte kein Würstchen sein, wenn am Ende der Nahrungskette der bayerische Finanzminister sitzt.

Liebevoll also. Der freundliche Umgang zuletzt sah so aus, dass beide sich wieder einmal in den Haaren lagen, auf eine Art, die schon nicht mehr ganz die Form wahrt. Der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, hatte in München in dieser Woche ein paar klare Sätze gesagt zum chaotischen Bild der bayerischen Energiepolitik und ihrer endlosen Stromleitungsdebatten. Aigner ließ Homann recht forsch auflaufen mit dem Satz: "Ich weiß gar nicht, was der hier in Bayern macht."

Doch Söder musste, wie immer, noch eins draufsetzen. Er drohte Homann mit einer Klage, sollte er sich wirklich über die bayerischen Wünsche nach weniger Stromtrassen hinwegsetzen. Das konnte wiederum Aigner schlecht so stehen lassen, die immerhin für die Energiepolitik zuständig ist, in die Söder da hineingrätschte. "Alle Seiten" sollten sich mäßigen, sagte sie, und meinte wohl vorwiegend Söder. "Da helfen weder Drohungen noch Vorfestlegungen." Man kann darauf wetten, dass der Konflikt damit noch nicht beendet war. Aber das Nachspiel blieb intern.

Durchsetzer gegen Teamplayerin

Es ist wichtig, solche Scharmützel im Detail nachzuvollziehen, weil sie zeigen, wie weit die Kreise sind, die der immer heftigere Konkurrenzkampf Söder gegen Aigner zieht. Es ist der Kampf des begnadeten Selbstdarstellers Söder gegen die zurückhaltende und oft mäßig sicher wirkende Aigner. Söder lebt dafür, dass es schöne Bilder und knackige Zitate von ihm selbst gibt. Aigner sieht die Bilder und findet, dass sie auch häufiger auf Fotos aufscheinen müsste, obwohl sie das nicht so richtig mag.

Söder ist der brachiale Durchsetzer. Aigner die Teamplayerin, die lieber in eine Diskussionsrunde geht, als selbst die große Rede zu halten. Die Frage, wer dieser beiden (wenn überhaupt) irgendwann neuer Ministerpräsident wird, ist also auch eine, in der es um Führungskultur und Management geht. Die Umfragen sprechen für Söder, der einen guten Lauf hatte seit der Landtagswahl 2013. Aber die Frage ist auch, ob sein Atem lang genug ist.

Söders neuer Aktionsradius

Dafür, dass die Frage aus Sicht von Horst Seehofer noch längst nicht ansteht, erreicht der Wettstreit schon jetzt enorme Ausmaße. Vor allem Söder fährt durch die Lande und gibt überall den verständnisvollen Aufsauger regionaler Sorgen. Ganz besonders gern ist der Vorsitzende der Nürnberger CSU dort unterwegs, wo es der Chefin des oberbayerischen Bezirksverbands weh tut: in Oberbayern eben. Vor allem München scheint Söder als neuen Aktionsradius ausgemacht zu haben. Hier ist schon jetzt sein guter Kumpel Ludwig Spaenle CSU-Vorsitzender, hier ist der Sitz des Ministerpräsidenten.

Söder fällt zu München neuerdings auffallend viel ein. Immer ist ein Fotograf in der Nähe. Zuletzt führte Söder sogar einen Gondoliere-Service am Nymphenburger Schloss ein und posierte in einer original venezianischen Gondel. Auf der anderen Seite sieht man bei Ilse Aigner neuerdings einen veränderten Look. Ins Landtagsplenum am Mittwoch kam sie, die Dauer-Dirndlträgerin, mit einer sehr lässigen Lederjacke, die sie noch aus ihrer Berliner Zeit im Schrank hatte. Wer all das für Oberflächlichkeiten hält, muss trotzdem wissen, dass sie mitentscheiden, wer künftig den Freistaat führt.

Wer setzt sich besser in Szene?

In der nächsten Woche wird man wieder schön beobachten können, wer sich wie in Szene setzt. Am schönsten am Mittwoch: Am Vormittag verkündet Aigner die neuen bayerischen Wachstumszahlen, es ist ein Termin, auf dem sie grundsätzlicher werden will und über "ihre politischen Initiativen und Aktivitäten für die Zukunftsfähigkeit Bayerns" sprechen will. Damit jeder merkt, dass sich was tut, geht sie damit in den 19. Stock der Highlight Towers im boomenden Münchner Norden. Die Frage ist nur, ob das die bestimmende bayerische Nachricht an diesem Mittwoch sein wird. Oder ob die nicht doch eher von Markus Söder geliefert wird, wenn er am Abend im Hofbräuhaus das erste Maibock-Fass ansticht und dann zusammen mit dem niederbayerischen Kabarettisten Django Asül die Politik derbleckt.

Schon zweimal stand Söder auf dieser Bühne, seitdem er als Finanzminister auch oberster Hofbräuchef ist. Im Jahr 2013 erfand er für Seehofer eine neue Starkbiersorte, den "eiskalt gehopften Hallodri". Ein Jahr drauf wagte Söder sich sehr weit raus und sagte über Seehofer: "Unsere Sorge ist nicht, wann er aufhört, unsere Sorge ist, ob er überhaupt irgendwann aufhört." Solche Sätze haben den Erwartungsdruck auf Söder für den Anstich 2015 erheblich erhöht.

Als er am Donnerstag im Hofbräuhaus seine Würstl isst, zelebriert er das in immer neuen Variationen. Eine Stunde lang spricht er mit Genuss davon, warum dies die "schwierigste Rede" im Jahreslauf sei, wie stark die letzte eingeschlagen habe mit ihrer "hohen Sickerwirkung" bei Seehofer. Dass er schon viele Ratschläge erhalten habe, was er keinesfalls sagen solle, und die am Ende vielleicht doch ignorieren werde. Und dann verspricht er noch etwas Ungewöhnliches: Sich selbst werde er am härtesten verspotten in seiner Rede. Es ist ein Satz, den man sich merken muss: "Der, der jetzt am meisten Sorge haben müsste, bin ich vor mir selbst."

© SZ vom 24.04.2015

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