Politikum Blamage der Verkehrspolitik

Die Italiener und Österreicher bohren, die Deutschen labern: Die Planungen für den Brennerzulauf haben noch nicht einmal begonnen

Von Matthias Köpf

Bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels hat es die Kanzlerin gerade eingestehen müssen: Der Tunnel sei das Herz, aber die Aorta fehle noch, sagte sie über den versäumten Ausbau der Rheinschiene, die all die Züge nach Norden aufnehmen soll. "Wir wissen, dass wir verspätet sind." In zehn Jahren wird wohl wieder ein deutscher Regierungschef zur Eröffnung durch den dann ebenfalls wieder längsten Bahntunnel der Welt fahren - und sich dann auch wieder etwas Ähnliches einfallen lassen müssen. Denn wenn der Brennerbasistunnel ab 2026, nur zum Beispiel: die Lunge des europäischen Güterverkehrs sein wird, dann wird es ab Kiefersfelden an der Lungenschlagader fehlen.

Dass sie dann wieder verspätet sein werden, wissen Planer und Politik in Deutschland seit Jahren. Eilig hatten sie es bis neulich trotzdem nicht, ihren Teil zu einem der größten Infrastrukturprojekte Europas beizutragen. Die Italiener bekämen das sowieso nicht hin, hieß es in üblicher Überheblichkeit. Doch Italien und Österreich haben 2008 mit dem Bohren begonnen, und es war klar, dass sie damit nicht einfach wieder aufhören würden. Insgesamt wird das Tunnelsystem mit seinen drei Röhren und den Zuläufen 230 Kilometer lang. 50 Kilometer sind schon durch den Berg getrieben, die zwei Hauptröhren werden jeden Tag um 50 Meter länger. In Italien gibt es fertige Pläne für die Zulauftrasse, in Österreich sind die meisten Gleise schon gebaut. Und Deutschland verkündet, dass deren Fortsetzung nun Eingang in den Entwurf für den Bundesverkehrswegeplan 2030 gefunden hat. Darin führt die Gütertrasse westlich um Rosenheim und über München nach Norden - so wie es die Bahn längst nicht mehr will, weil der Bahnknoten München mit dem Personenverkehr mehr als ausgelastet ist. Als Alternative hat sie der Politik bisher aber auch nur eine Karte mit zwei Pfeilen nach Norden und Osten angeboten.

Für das bayerische Inntal hat inzwischen immerhin die Trassensuche wirklich begonnen, nachdem die Österreicher angeschoben und ihr bewährtes Verfahren zur Bürgerbeteiligung mitgebracht haben. Damit zeigen sich bisher alle sehr zufrieden - zumindest bis sich dabei wirklich eine konkrete Trasse abzeichnet. Aber das wird ja noch dauern.