Politik im Alltag:Bürgermeister zwischen Sekt und Nostalgie

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Zur Diamanthochzeit stößt Passaus OB Dupper mit den Drechsels an. (Foto: Armin Weigel)

Geburtstag oder Ehejubiläum: Täglich rücken Bayerns Bürgermeister zu Dutzenden in fremde Wohnungen ein und gratulieren. Das gewährt tiefe Einblicke.

Von Andreas Glas

Er will da jetzt rein, aber irgendwas klemmt. Ah, die Orchidee! Er geht in die Knie, taucht den Stängel unterm Türstock durch ins Wohnzimmer. Kaum ist der Blumentopf überreicht, der nächste Konflikt: Sekt oder O-Saft? Oder halbhalb? Blick auf die Uhr: zehn Uhr morgens. Sekt, sagt Christian Moser (CSU). Bravo, so wünscht man sich einen Oberbürgermeister: keine halben Sachen, klare Ansagen an die Bürger und den eigenen Kreislauf. Ist ja auch ein Anlass zum Anstoßen: Diamanthochzeit, 60 Jahre Ehe.

Ein besonderer Tag. Und doch Alltag für Christian Moser. Täglich rücken Bayerns Bürgermeister zu Dutzenden in fremde Wohnungen ein. Im Akkord wird gratuliert, geschenkt, geprostet. Weil es irgendwo immer ein Ehejubiläum gibt, weil immer irgendwer 80 wird oder 90 oder 100. Die Lokalzeitungen sind voll mit Fotos, auf denen sich Jubilare und Bürgermeister zuprosten, die Fotos gehören zur PR jedes Kommunalpolitikers. Erstaunlich, dass sich noch kein Kulturwissenschaftler mit dem Phänomen beschäftigt hat.

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Unbekannt ist zum Beispiel, seit wann es dieses Ritual gibt. Eine Umfrage in bayerischen Städten läuft ins Leere. "Seit Jahrzehnten", heißt es aus Augsburg, noch eine der präziseren Auskünfte. Man muss also schon rausgehen, um mehr zu erfahren. Etwa nach Deggendorf, zu Irmtraut und Johann Kandler, denen OB Moser gerade die Orchidee überreicht hat.

Wer hier ins Wohnzimmer kommt, betritt ein Fleckchen Deutschland, das es eigentlich nicht mehr gibt. Auf dem Esstisch eine Flasche Fürst Metternich, die Tischdecke ist mit Klammern befestigt. Dazu Mustertapete, Polstermöbelgarnitur, Schrankwand-Ungeheuer, Fernseher integriert. Man ist überzeugt: Würde der Fernseher jetzt anspringen, Dagmar Berghoff würde die neuesten Nachrichten aus Bonn vorlesen.

Mustertapete, Schrankwand, Polstergarnitur: Die Kulisse der Glückwunschtermine spiegelt verblüffend oft eine Zeit wider, als Mobiliar und Alltag so geordnet waren wie die politische Welt hinter den Wohnzimmergardinen. Als wäre es ein Deal: Die Bürgermeister schenken den Jubilaren ihre Zeit, die Jubilare den Bürgermeistern eine Zeitreise. Doch so nostalgisch-geordnet die Kulisse, so kompliziert kann die Kommunikation sein.

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"Ich habe nix gesagt", sagt OB Moser.

Dass ein Jubilar schwerhörig ist oder demenzkrank, damit muss der Gratulant rechnen. Kam es früher vor, dass die Bürgermeister oder ihre Stellvertreter schon zum Siebzigsten gratulierten, kommt etwa der Landshuter OB inzwischen erst vom 100. Geburtstag an zu Besuch. Genauso in Rosenheim, wo zum 95. Geburtstag immerhin der Zweite Bürgermeister oder die Dritte Bürgermeisterin vorbeischauen.

Weil die Menschen in Bayern immer älter werden, nimmt die Zahl der Glückwunschbesuche zu - obwohl viele Städte und Gemeinden die Altersgrenze hochgesetzt haben, um die Bürgermeister terminlich zu entlasten. Die Stadt Schweinfurt ist da eher eine Ausnahme, dort kommt der OB oder einer seiner Stellvertreter vom 80. Geburtstag an, danach im Fünfjahresrhythmus, vom Hundertsten an jährlich.

Entsprechend viel unterwegs sind die Schweinfurter Bürgermeister: Etwa 600 Besuche bei Geburtstagen oder Ehejubiläen stehen jährlich an. Vergleichsweise entspannt geht es mit rund 70 Terminen in Regensburg zu, in Landshut sind es nur um die zehn Besuche. Auch die Geschenke unterscheiden sich von Stadt zu Stadt, von Gemeinde zu Gemeinde und nach Alter oder Ehezeit der Jubilare. Kempten und Deggendorf schenken Glasschalen mit Stadtwappen, in Regensburg gibt es zum Hundertsten eine Unesco-Welterbe-Medaille, Blumen fast überall.

Deggendorfs OB Moser prostet Gerda Junghans zum 95. Geburtstag zu. (Foto: F. Heigl)

Passau, ein Mittwoch im Juli. OB Jürgen Dupper (SPD) steht in einem tadellos gepflegten Vorgarten, lässt sich von der Lokalreporterin mit dem Ehepaar Drechsel fotografieren. Zur Diamanthochzeit hat er Blumen mitgebracht plus Fresskorb, noch so ein Relikt aus früheren Zeiten, genau wie die Hollywoodschaukel auf der Terrasse des Jubelpaares.

Dort reicht Hannelore Drechsel, 82, Schnittchen und Käsewürfel auf Blümchengeschirr. Sekt oder O-Saft? Blick auf die Uhr: halb zehn. O-Saft, sagt Dupper. "Was machen die Enkel?", fragt der OB, "ach, einen Hund haben Sie auch?" Mit Smalltalk beginnen die meisten Glückwunschtermine, danach wird es oft sehr privat. Geburtstag, Hochzeitstag, da neigt man zur Sentimentalität, fängt an zu plaudern. Ein Bürgermeister hört Lebens- und Liebesgeschichten.

"Das sind die Geschichten, die ich liebe", sagt Dupper, als Siggi Drechsel, 80, zu erzählen beginnt. Davon, dass Hannelore in der Zahnarztpraxis seines Vaters gearbeitet hat, dass sie erst nur Freunde waren, dass die Hochzeit beinahe gescheitert wäre, weil er katholisch war und Hannelore evangelisch, dazu minderjährig. Die Heirat musste das Jugendamt erst genehmigen. "Ich gebe euch ein Jahr", habe der Beamte gesagt, jetzt sind es 60. "Eine romantische Geschichte", sagt der OB.

Ist das nicht anstrengend, immer wieder Anekdoten wildfremder Menschen anzuhören? Nein, sagt Christian Moser. Der Deggendorfer OB sitzt jetzt im Dienstwagen, der Chauffeur bringt ihn zum nächsten Termin: ein 95. Geburtstag. Einige Jubilare kenne er ja und überhaupt seien das "ganz interessante Termine". Was soll er auch sagen, denkt man. Doch je länger er erzählt, desto eher glaubt man ihm, dass das Gratulieren keine lästige Pflicht für ihn ist und nicht nur PR.

Zur Diamanthochzeit gibt es Blumen plus Fresskorb. (Foto: Armin Weigel)

Zum Beispiel diese Anekdote: Als er noch Dritter Bürgermeister war, hat Moser mal einer 101-Jährigen gratuliert. Die Frau habe ihm ihren größten Wunsch verraten: einmal Florian Silbereisen treffen. Als Moser erfuhr, dass der Schlagersänger für ein Konzert nach Deggendorf kommt, "da habe ich mir gedacht: Das kriegen wir hin". Zum 102. Geburtstag organisierte er ein Treffen, begleitete die Dame zum Konzert und hinter die Bühne zu ihrem Liebling. "Das war die höchste Freude für sie", sagt Moser, und darum gehe es doch: den Menschen eine Freude zu machen.

Klar, es gebe auch die anderen Erlebnisse, sagt Moser. Einmal habe er am Bett einer Frau angestoßen, die praktisch im Sterben lag. Und einmal seien in der Wohnung einer Jubilarin überall Puppen gesessen. "Ich fand das erst komisch, aber im Gespräch habe ich erfahren, dass die Frau ihre Kinder im KZ verloren hat. Die Puppen waren für sie ein Familienersatz."

Überhaupt, Krieg und Flucht, Dauerthemen bei Glückwunschterminen. Im Alter werde es den Leuten "immer wichtiger, diese Rückschau zu halten", um manche Dinge zu verarbeiten, sagt Moser. Für ihn selbst sei das eine Bereicherung, ganz so viele Zeitzeugen gebe es ja nicht mehr.

Dann hält Mosers Dienstwagen vor einem Seniorenheim. Im Speisesaal überreicht er eine dieser Glasschalen mit Stadtwappen an Gerda Junghans, 95, die geföhnt und toupiert in ihrem Rollstuhl sitzt, umringt von fünf weiteren Damen, die sich für ihren Geburtstag genauso hübsch gemacht haben. Sekt oder O-Saft? Diesmal O-Saft, sagt Moser und stößt mit der Jubilarin an. Ein echtes Gespräch ergibt sich nicht, der alten Dame fällt das Reden schwer. Sie sitzt einfach nur da. Und lächelt.

© SZ vom 19.08.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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